"Gar nicht so viele Leute wie Stellen"

Berufs-Infotag: Ausbilder befürchten, dass Industrie Handwerksberufen den Rang abläuft

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Mindelheim – Der Wochen KURIER hat sich beim Berufs-Informationstag mal umgehört: Steht es um die Handwerksberufe wirklich so schlecht, wie alle sagen? Was tun Firmen, um für künftige Auszubildende zu werben?

Übernahme und damit eine sichere berufliche Zukunft wird bei den Jugendlichen ganz groß geschrieben. Betriebe, die beim Vorstellungsgespräch eine Weiterbeschäftigung nach der Ausbildung in Aussicht stellen, haben gute Karten, weiter ihre Ausbildungsstellen zu besetzen, denn das ist ein wichtiges Auswahlkriterium bei den Jugendlichen. Doch viele Firmen gehen diesen Wunsch ohnehin schon nach, denn die meisten bilden nach Bedarf aus, wie auch die Firma Grob. Dabei sei vor allem „der Faktor Mensch“ wichtig, wie Markus Reggel, Ausbilder für technisches Produktdesign bei Grob sagt. „Im Praktikum kann man sich gegenseitig beschnuppern“, aber auch beim „persönlichen Gespräch mit den Bewerbern nehmen wir uns ausreichend Zeit, um sich kennenzulernen“ ergänzt Ausbildungsleiter für Mechatronik und Elek­tronik, Bernhard Albenstetter.

Praktika sind nahezu bei jeder Firma wünschenswert. Viele Auszubildenden absolvieren vorher ein Schnupperpraktikum, um erste Einblicke zu bekommen, bevor sie mit der Ausbildung beginnen. Das sei auch zu empfehlen, wie Ausbilder Andreas Guggenmos von der Metallwarenfabrik Wanzl erklärt: „Viele können sich nur schwer unter dem Beruf etwas vorstellen.“ Doch auch Schüler durchlaufen dank der vielen berufsorientierenden Maßnahmen an den Schulen mehrere Praktika.

Besonders die Mittelschulen „tun viel für die Berufsorientierung. Zwischen der siebten und der neunten Klasse machen die Schüler zwei bis drei Praktika“, weiß Yvonne Goldstein, Berufsberaterin der Mittel- und Realschulen bei der Bundesagentur für Arbeit Mindelheim.

Sie vernimmt eine Tendenz Richtung Industrie, da man dort besser verdiene. Doch auch Handwerksberufe seien immer noch begehrt, nicht alle, aber der Beruf des KFZ-Mechatronikers, Zimmermanns und Berufe im kaufmännischen Bereich erfreuen sich weiterhin großer Beliebtheit. Dagegen ringen die Bäckereien um mehr Personal, denn aufgrund der sehr frühen Arbeitszeiten zwischen drei und sechs Uhr morgens können Jugendliche, die nicht mobil sind, die Arbeitsstelle kaum erreichen. Auch der Gaststättenbereich sei weniger gefragt. „Die Abend- und Wochenendarbeit schreckt viele ab“, sagt Goldstein. Den Schülern sei die Freizeit sehr wichtig. „Eine Work-Life-Balance, die Hobby und Beruf vereint“, stehe bei den Schülern ganz oben auf der Prioritätenliste.

Eine Ausbildung, die mehr bietet, als einen eintönigen, unterforderten Arbeitsalltag - darauf arbeiten viele Betriebe hin. Der Verlag Holzmann Medien ist bekannt für seine erstklassigen Ausbildungen. Angehende Mediengestalter, Medienkaufmänner und Fachinformatiker erhalten Bundes- und Staatspreise für ihre hervorragende Leistungen. „In ihrer Ausbildung durchlaufen sie alle Abteilungen, es gibt eine enge Betreuung durch die Ausbilder und interne sowie externe Schulungen“, sagt Alexandra Hofbauer, dortige Ausbildungsleiterin. „Die Tendenz zum Studieren schwächt die Ausbildung ab, aber das Studium schwächt genauso sich selber ab, weil einfach zu viele studieren.“

Heinz Müller, Bildungsberater bei der IHK Schwaben, ist sich sicher, dass das Gesellschaftsbild Schuld ist: „Wenn du heut kein Akademiker bist, bist du nichts.“

Wie steht es um das Handwerk? Stefan Aumüller, Schreinermeister und in der Schreiner­innung sagt: „Das Handwerk sucht mehr denn je, doch die Lehrlingszahlen steigen bei Schreinern an und Klassen werden wieder größer. Das Nahrungsmittelgewerbe ist dagegen weniger attraktiv.“

Bei der Firma Glass gebe es Probleme, die Stellen als Maurer oder Schlosser zu besetzen, sagt Elisabeth Bichler, Ausbilderin für Maurer. „Wir haben gar nicht so viele Leute wie wir Stellen haben.“ Marketing ist alles. Wie auch die Holzmann Medien setzt die Firma Glass auf Werbung im Internet und geht auf Messen, um Auszubildende zu locken. Doch „langfristig gibt es zeitliche und preisliche Konsequenzen, denn man kriegt so schnell keinen Handwerker mehr“, so Bichler. „Die Industrie hat bessere Arbeitszeiten, einen besseren Verdienst und Soft Skills.“

Eine andere Strategie verfolgt die Baufirma Riebel. Sie fängt erst ab April an zu suchen. „In der Vielzahl an Firmen, hoffen wir, dass ein paar Bewerber übrig bleiben“, erzählt Günter Wagner, kaufmännischer Leiter bei Riebel. Auch Wagner glaubt nicht, dass er dieses Jahr alle sieben Ausbildungsstellen besetzen kann: „Jeder ringt und buhlt um Handwerker.“ Aufstiegsmöglichkeiten gebe es auch hier. Nach der Ausbildung kann man sich zum Bautechniker, Polier, Bauingenieur, bis hin zum Bauleiter weiterbilden.

Eine Ausbildung fängt schon mit der Bewerbung an. Allein da kann man schon viele Fehler machen, wie Petra Briemle, Ausbildungsorganisatiorin beim Logistikunternehmen Finsterwalder meint. „Es gibt immer welche, die sich gar keine Mühe machen und an eine andere Firma schreiben oder den falschen Ausbildungsberuf nennen.“ Ihr sei aufgefallen, dass auch beim Vorstellungsgespräch eine Wandlung des Kleidungsstils zu spüren ist. „Die Bekleidung fällt heute legerer aus mit löchrigen Jeans.“

Doch bei allen Firmen kristallisiert sich ein deutlicher Trend heraus: Sie haben alle weniger Bewerber als noch vor ein paar Jahren. 

Julia Böcken

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