Telefon-Mitschnitte am Landgericht abgespielt

Brandstiftungsprozess: Warum den Angeklagten das Lachen vergeht

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Der Fall um die mutmaßliche Brandstiftung beschäftigt das Memminger Landgericht bereits seit Ende November.

Unterallgäu – Der Prozess am Memminger Landgericht um die mutmaßliche Brandstiftung im Unterallgäu hat die nächste Runde erreicht: Eine 80-Jährige soll den Stall auf dem Hof ihres Sohnes angezündet haben. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Der hochverschuldete Sohn selbst soll sie dazu angestachelt haben, um eine hohe Versicherungssumme zu kassieren. Doch der Plan ging nicht auf – immer mehr spricht gegen die Unschuld der beiden Angeklagten.

Während am 25. Februar 2018 sein Hof daheim in Flammen stand, war der 48-Jährige gerade in Ungarn angekommen, um dort einen Freund zu besuchen. Im Vorfeld hatte der Angeklagte bei Bekannten verschiedene Gründe für seinen Ungarn-Trip angegeben: Er wolle dort günstig zum Zahnarzt gehen. Er wolle sich ein Haus kaufen und es herrichten. Seinem dort lebenden Freund erzählte er, er brauche Abstand von seiner Frau. Obwohl der eigens für seine Aussage angereiste Molkereifachmann den Beschuldigten schon von Kindesbeinen an kennt und die beiden ein sehr gutes Verhältnis haben, will er nichts von dessen finanziellen Schwierigkeiten gewusst haben.

Nach der Ankunft des Angeklagten in Ungarn hätten die beiden Männer einige Biere zusammen getrunken und wären anschließend ins Bett gegangen. Etwa nachts um zwei Uhr sei der Freund plötzlich vom lauten Geschrei seines Gastes geweckt worden. „Es brennt! Es brennt“, habe er immer wieder gerufen. „Ich dachte zuerst, bei mir brennt´s“, so der Wahl-Ungar, der sich noch gut daran erinnerte, wie aufgelöst er seinen Kumpel in dieser Nacht erlebte: „Der ist total ausgetickt, so hab ich den noch nie gesehen“, betonte er. Dass das alles nur gespielt gewesen sein könnte, glaube er nicht. Am nächsten Morgen sei der Unterallgäuer direkt mit dem ersten Zug zurück nach Hause gefahren.

Aufdringlich geworden

Ein als Zeuge geladener Polizist berichtete danach, dass sein Brandmittelspürhund am Brandort zweimal angeschlagen hat. Einmal handelte es sich wohl lediglich um Lackreste, im zweiten Fall hingegen wurden bei der anschließenden Analyse Spuren von Wasserstoff angezeigt, der beispielsweise auch in Brandbeschleunigern enthalten ist. Ein weiterer Polizist erinnerte sich im Zeugenstand des Memminger Landgerichts noch genau an das auffällige Verhalten des Angeklagten, als er und seine Kollegen das Gelände nach Spuren durchkämmten: „Er war unwahrscheinlich neugierig und interessiert, ich würde fast schon sagen: aufdringlich. Ein normales Arbeiten war da fast nicht möglich“, so der Polizist. Damit der Hofbesitzer die Untersuchungen der Beamten nicht weiter behinderte, habe er sich ihm angenommen. „Er wollte alles ganz genau wissen. Ich habe versucht, seine Neugierde zu befriedigen“, sagte er.

Als seine Kollegen die Stelle entdeckt hätten, in der sie den Brandherd vermuteten, habe der 48-Jährige auffällig reagiert: Er habe plötzlich zwei Albaner erwähnt, die sich kürzlich genau dort aufgehalten hätten. Generell hätten sich in der Vergangenheit angeblich öfter zwielichtige Gestalten auf seinem Hof herumgetrieben. Und noch eine Sache blieb dem Polizeibeamten im Gedächtnis: „Die Kamera hat ihm meinem Eindruck nach keine Ruhe gelassen“, sagte er vor Gericht aus. „Ich hatte das Gefühl, dass seine Mutter und er mich ausfragen wollten, was die Polizei alles schon herausgefunden hat.“ Wie sich im Laufe der Ermittlungen herausstellte, belastet das Videomaterial aus einer selbst installierten Überwachungskamera am Hof die 80-Jährige tatsächlich (der KURIER berichtete).

Extrem locker

Anschließend wurden an diesem Verhandlungstag knapp drei Stunden lang von der Polizei mitgeschnittene Telefonate zwischen dem Sohn, seiner Mutter und anderen Personen als Beweisstücke im Gericht abgespielt. Auffällig bei vielen Gesprächen ist für den Zuhörer die enorme Lockerheit, mit der die Beschuldigten da untereinander und mit Bekannten über den schlimmen Brand auf ihrem Hof sprechen, bei dem ein Sachschaden von 500.000 Euro entstanden und ein Pferd gestorben ist.

Als die 80-jährige Mutter des Angeklagten gut eine Woche nach dem Vorfall mit einer Freundin telefoniert, klingt sie bei dem eigentlich sehr ernsten Thema ausgelassen und lacht viel. In einem anderen Telefonat fragt der Sohn seine Mutter, ob man schon wisse, was die Überwachungskamera auf dem Hof alles aufgenommen habe. Auf die Antwort der Mutter: „Da sieht man nichts“, lachen beide. Die gute Stimmung kippt erst, als einige Tage später plötzlich von Brandstiftung die Rede ist. „Die sagen, es ist bewiesen, dass ich es war“, so die Mutter im Gespräch mit ihrem Sohn. Auch dem vergeht die sonst so gute Laune langsam, doch er versucht, sie zu beruhigen: „Du hast nichts getan, das kriegen wir schon hin.“

Ob er Recht behalten soll, wird sich bald zeigen: Das Urteil soll am 23. Januar fallen.

Julia Zwingmann

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