Mehr Telefon als Internet

„click & collect“: In Bad Wörishofen ist die Ladentür noch der Dreh-und Angelpunkt

Leer gefegte Schaufenster dürfte es ab Montag nicht mehr geben. Viele setzen auf das „Window-Shopping“.
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Seit Montag setzen viele Einzelhändler bayernweit auf „Window-Shopping“.

Bad Wörishofen – Die Internet-Seite der „Aktiven Einzelhändler“ in Bad Wörishofen wirbt zwar mit dem Aufmacher „call and collect“ (anrufen und bestellen) um Interesse für die auf ihrer Plattform versammelten Geschäfte. Jedoch ist es schwer, manche der angegebenen Läden derzeit zu erreichen, denn dort findet man vor allem Festnetz-Telefonnummern der Händler. Internetseiten sind für viele Geschäfte der Kneippstadt (noch) kein Standard; von rund 30 zufällig ausgewählten haben knapp 20 keine eigene Homepage.

Im Verlauf der Recherche fällt dann allerdings auf, dass es sich bei den „Nicht-Erreichbaren“ auffallend um Geschäfte handelt, deren Sortiment Bekleidung, Mode, teils auch Schuhe umfasst. Artikel, die man probieren, anfassen, genauer unter die Lupe nehmen möchte. Maria Kotonski, vom – hauptsächlich Dessous-Moden offerierenden – alteingesessenen Geschäft Geromiller auf der Kurpromenade, bringt es auf den Punkt, wenn sie daran erinnert, wie sensibel und diskret beispielsweise Unterwäsche-Verkauf funktioniert. Mit „click and collect“ habe man sich insofern noch nicht beschäftigt; dafür wird an der Ladentüre darauf hingewiesen, „dass man was bekommen kann“, so Kotonski.

Ein bisschen weiter ist da Ingeborg Marten, Inhaberin von Lederwaren Andrae. Ähnlich wie bei Geromiller gibt eine Notiz an der Ladentür Auskunft über die Erreichbarkeit. An einer Webseite sei man dran, eine Art Terminvergabe ist geplant und eine Warenübergabe über einen Stehtisch vor dem Laden angedacht. Beim Sortiment von Taschen, Trolleys oder Portemonnaies ist die Übergabe deutlich unkomplizierter als bei Pyjamas oder Seidenhemdchen.

Schnell wird klar: Beratungsintensive, Spontan- oder Stimmungskäufe lassen sich mit „click“ oder „call and collect“ nur bedingt erzielen. Als Instrument der Kundenbindung weiß aber nicht nur Maria Liedl vom Kräuterhaus Schweiger das Internet zu schätzen. Seit Mitte Dezember 2020 läuft bereits ihr Lieferservice der Kräuterhaus-Produkte. Eine attraktive Internetseite lädt dazu ein, den Warenkorb zu füllen. Und über die nun mögliche Übergabe von Salben, Tees, Heilkräuterkerzen und anderen Elixieren an der Ladentüre mache man sich nun auch Gedanken; darüber hinaus „offen“ ist das Naturheil- und Kneippzubehör-Geschäft auch ganz zeitgemäß mit Bildern bei den ­Social-Media-Kanälen Instagram und Facebook.

Übergabe im Hinterhof

Das Thema „kontaktlose Übergabe“ ist aktuell die besondere Herausforderung. So sieht es zumindest auch Jürgen Kolonko vom gleichnamigen Uhrenfachgeschäft in der Kneippstadt. Ihn erreicht man am Festnetz, während er gerade die Buchführung macht. In der Regel ist er vormittags im Geschäft. Reparaturen, Batteriewechsel, eine Uhr aus dem Schaufenster – das dürfte jetzt leichter gehen; aber wie genau, das weiß er noch nicht. Schmuckübergabe im Hinterhof – Kolonko ist da skeptisch. Er ist zwar auch über die Seite der „Aktiven Einzelhändler“ zu finden, in sein Sortiment kann man sich aber nicht „hineinclicken“.

Der persönliche Kontakt und Service, der den Handel in der Kneippstadt sonst auszeichnet und treue Kundschaft generiert, ist durch „click and collect“ schwer zu ersetzen. Aber gerade die Geschäftsfrauen wollen sich nicht unterkriegen lassen, ob mit oder ohne Internet oder wie es Ingeborg Marten ausdrückt: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Regine Glöckner

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