Weniger Unfälle, mehr Schwerverletzte

Corona macht sich auch in der Verkehrs-Unfallstatistik von 2020 bemerkbar

Polizist kontrolliert Radfahrer nach einem Unfall
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Verunfallen Radfahrer, geht in 75 Prozent der Fälle die Unfallursache vom Fahrradfahrer aus. Auch dieses Jahr setzt die Polizei daher auf Kontrollen und Aufklärung.

Unterallgäu/Kempten – Obwohl im Jahr 2020 rund 16 Prozent weniger Verkehrsunfälle passierten, gab es im Gebiet des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West etwas mehr Unfälle mit schwerverletzten Personen als 2019. Das liegt am Boom einer Fortbewegungsart.

Von einer „deutlichen Trendumkehr“ sprach Polizeivizepräsident Guido Limmer bei der jährlichen Pressekonferenz zur Verkehrsunfallstatistik. Während die Unfallzahlen im Polizeipräsidium Schwaben Süd/West in den Vorjahren jeweils um sieben bis zehn Prozent gestiegen waren, sind sie 2020 um sage und schreibe 16 Prozent gefallen.

Mit verantwortlich sind Lockdowns und die coronabedingten Reisebeschränkungen. Im Präsidiumsbereich ereigneten sich 25.443 Verkehrsunfälle (2019: 30.345). Die Jahreskurve zeigt es deutlich: Im ersten Lockdown haben sich die Unfallzahlen „fast halbiert“ und im zweiten Lockdown haben sie sich um ein Drittel verringert. Durch die Unfälle starben auch weniger Menschen als im Vorjahr. Waren es 2019 46 tödlich Verunglückte, fiel die Zahl 2020 auf 41. „Das ist ein Allzeittief für unser Präsidium und auch die Zeiten davor“, freute sich Limmer. Nach wie vor passieren die leichten Unfälle vor allem innerorts, was die große Masse ausmacht. Die schweren Unfälle mit überproportional vielen tödlich Verletzten gebe es aber auf der Landstraße.

Zahl alkoholisierter Fahrer nur schwach gesunken

Auffällig ist, dass sich der allgemeine Unfallrückgang nicht in den Unfallzahlen widerspiegelt, bei denen Alkohol im Spiel war. Diese sanken nur um 3,6 Prozent, wie der Leitende Polizeidirektor Michael Keck erklärte. Auch bei den Verkehrskontrollen fielen nach wie vor alkoholisierte Fahrer auf. Im Jahr 2019 stoppten die Polizisten 1.717 betrunkene Fahrer, im Jahr 2020 trotz Lockdowns 1.507. Was ebenfalls überrascht, ist die Zahl der schwerverletzten Personen. Trotz der gesunkenen Unfallzahlen auf den Straßen des Polizeipräsidiums haben sich 2020 sogar etwas mehr Personen schwer verletzt als im Jahr davor. Es waren 956 Schwerverletzte und damit 22 mehr (das entspricht einem Plus von zwei Prozent) als noch 2019.

Ein Blick in die Statistik offenbart, es waren vor allem die Fahrrad- und Pedelecfahrer, die sich in 2020 öfter schwer verletzten. Die Zahl der Radunfälle stieg insgesamt um 16 Prozent. Dabei trugen rund 31 Prozent der Radfahrer mehr gravierende Verletzungen davon als im Jahr 2019. Die Zahl der schwerverletzten Pedelecfahrer stieg sogar um 41 Prozent an. Mit ein Grund für das Mehr an Unfällen seien laut Polizeidirektor Keck schlicht die „explodierten Verkaufszahlen“ bei Fahrrädern und Pedelecs. Auch diesen Boom führten die Polizisten auf die Reise- und Ausgangsbeschränkungen zurück, genauso wie auf ein gestiegenes Umweltbewusstsein. „Die Leute wollten sich an der frischen Luft bewegen und radeln zur Arbeit und in der Freizeit.“

Entgegen der Erwartungen verletzen sich aber nicht nur ältere Radfahrer ab 55 Jahren. Ihr Anteil an den Unfällen beträgt etwa 40 Prozent. Die Jüngeren zwischen 21 und 54 Jahren sind genauso oft daran beteiligt. Die restlichen rund 20 Prozent verteilen sich auf die unter 20-Jährigen.

Bei 75 Prozent der Unfälle geht die Ursache vom Radler aus

Die Polizei setzt zur Prävention auf zwei Maßnahmen. Info-Stände und Flyer in Fahrradgeschäften sollen bei der Zielgruppe für Aufklärung sorgen. Und mit Beginn der Fahrradsaison starten wie im letzten Jahr auch Schwerpunktkontrollen an bekannten Ausflugsstrecken oder in den Städten. Es gehe dabei nicht nur um den Schutz der Radfahrer, sondern auch um den Schutz „vor“ ihnen. Tatsächlich sei es so, dass bei 75 Prozent der Radunfälle die Ursache vom Fahrrad- oder Pedelecfahrer ausgehe. Denn auch Radler schätzen ihre eigene Geschwindigkeit dann und wann falsch ein, gerade mit Motorunterstützung. Daneben komme es zu Unfällen, wenn das Rechtsfahrgebot oder die Abstände missachtet werden. Auch „Geisterradler“ sind Unfallverursacher. Eine verbesserte Verkehrsinfrastruktur würde laut Limmer ebenfalls zu einer Verbesserung beitragen. Er nannte Radschnellwege, denn die bauliche Trennung von Fußgänger-, Radwegen und Straßen erhöhe die Sicherheit.

Wenn der Motor heult

Auffällig waren im letzten Jahr auch Poser und Tuner. Vermehrt hatte es Beschwerden aus der Bevölkerung gegeben, die sich über Motorenlärm und wildes Umherfahren beklagten. Die sogenannten „Poser“ suchen Aufmerksamkeit durch PS-starke und teure Fahrzeuge. Teils verändern sie ihre Autos. Vor allem wird aber die Leistung des Motors hochgeschraubt. Manchmal sind diese Veränderungen illegal. Die Szene trifft sich „mit bis zu 150 Personen“ auf Parkplätzen von Schnellrestaurants, an Tankstellen oder auf Firmenparkplätzen.

21 illegal aufgemotzte Autos stellten die Beamten 2020 sicher und brachten sie zu einem Gutachter. Die Tuner müssen hier selbst in die Tasche greifen, damit ihr Fahrzeug wieder zugelassen werden kann. Dazu kommt das Bußgeld: „Derzeit ist der Satz für lautes Umherfahren mit zehn bis 20 Euro noch relativ niedrig“, sagte Limmer, „mit der Novelle des Bußgeldkataloges erhöht sich das Bußgeld aber auf 80 bis 100 Euro.“

In Memmingen und Kaufbeuren hat die Polizei zwei Ermittlungsgruppen gebildet. „Im ganzen Bereich des Polizeipräsidiums wird es aber Kontrollen von kompetenten Beamten geben“, so Limmer, der auf Multiplikatoren setzt. Im letzten Jahr gab es in Memmingen und Kaufbeuren mehr als 200 Anzeigen im Poser- und Tuningbereich. Auch 35 illegale Rennen im ganzen Präsidiumsbereich erfassten die Beamten. Zu denen zählen aber auch Verfolgungsfahrten mit der Polizei. suk

Die Polizei appelliert an Fahrradfahrer:

Schon bei geringer Geschwindigkeit können schwere Verletzungen passieren. Allein das Tragen eines Helmes kann schon schlimmere Folgen vermeiden.

Besonders Fußgänger müssen Radfahrer im Blick haben.

Stärkere Verkehrsteilnehmer wie Autos oder Lkw können die Geschwindigkeit von Radfahrern oft schwer einschätzen.

Auffällige Kleidung kann helfen, als Radfahrer nicht übersehen zu werden. 

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