Seit März im Dauerbetrieb:

Wie in Kirchheim jeden Monat 1,5 Millionen Masken produziert werden

Masken Corona Produktion Kirchheim
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Franz Schöbel und Drita Schneider (v. rechts) im Reinraum: Hier werden die Masken produziert.

Kirchheim – Im Sekundentakt wirft die Maschine den blau-weißen Mund-Nasen-Schutz aus, dreilagig mit medizinischem Filtervlies, 1,5 Millionen Stück im Monat. Innerhalb weniger Monate hat die Firma Schneider Kunststofftechnik in Kirchheim zusammen mit samway aus Mindelheim eine Produktion für die begehrten medizinischen Schutzmasken auf die Beine gestellt. Geliefert werden die nach höchsten Standards zertifizierten Masken ins ganze Bundesgebiet, an Arztpraxen, Apotheken und Lebensmittelhersteller. Und mit einer zweiten Maschine könnte samway.care das gesamte Unterallgäu versorgen.

Der erste Lockdown hatte im Frühjahr viele Firmen überrascht, auch das in Mindelheim ansässige Familienunternehmen samway. Aufgrund der Einschränkungen brach das Geschäft des Dienstleisters – unter anderem bietet samway zusammen mit dem ADAC Erste-Hilfe-Ausbildungsleistungen an – komplett zusammen, erzählt samway-Geschäftsführer Franz Schöbel. Auf der Suche nach einem neuen Betätigungsfeld und dank guter Kontakte wurde die Idee geboren, eine Schutzmaskenproduktion im Unterallgäu aufzuziehen. Und mit Drita Schneider vom gleichnamigen Kunststofftechnik-Betrieb in Kirchheim fand Schöbel eine Mitstreiterin, die den notwendigen Raum für die neue Produktion mitbrachte. Denn die Anforderungen, um medizinische Masken herstellen zu können, sind hoch: Vor allem müssen Schneider und Schöbel aber das Know-how und insbesondere die Bestandteile der Masken organisieren, denn eine vergleichbare Maskenproduktion gibt es in Deutschland nicht. Kernstück der medizinischen Masken ist das Meltblown-Filtervlies, das zwar in Deutschland hergestellt wird, für die Maskenproduktion aber nach Asien exportiert wird.

Wo sonst im Spritzgussverfahren Kunststoffteile, etwa für den Sanitärbereich, hergestellt werden, ziehen Schöbel und Schneider die notwendige Infrastruktur für die Maskenproduktion hoch. Denn um die Zertifizierung zu erhalten – und nur diese garantiert auch die nötige Qualität der Masken und deren Wirkung – müssen zwingend viele Kriterien eingehalten werden.

Schwarz-Weiß-Prinzip

Auch in der Maskenproduktion sind die Bereiche streng in schwarz und weiß bzw. auch grau, getrennt. Das gut 100 Jahre alte Prinzip garantiert, dass keine Schmutzstoffe von außen in einen sauberen Bereich getragen werden. So werden die Bestandteile der Masken, Vliesstoffe, das Ohrenband und der Draht im schwarzen Bereich angeliefert, im grauen Bereich entpackt und im weißen Bereich, dem Reinraum, verarbeitet. Wer hierhin gelangen will, muss alles ablegen, wo sich Verunreinigungen halten könnten, braucht Überschuhe und einen Kittel sowie ein Haarnetz. Ganz so, wie man es aus der Computerchip-Produktion, kennt. Ein Staubkorn macht einen Siliziumchip ebenso unbrauchbar wie eine Maske, die auch ein Chirurg im Operationssaal tragen kann. Nicht zuletzt deshalb ist die gesamte Produktion bei Schneider auch in allen Einzelschritten nachverfolgbar, von den einzelnen Komponenten, die so allesamt aus Deutschland oder den Nachbarländern stammen, über die „Montage“ und das dabei eingesetzte Personal bis zur Verpackung.

„Wir können“, erklärt Schöbel, „anhand der Chargennummer genau den Ursprung einer Maske verfolgen“. Auch den Zeitpunkt der Produktion, was dann wichtig wird, wenn es dem Träger einer Maske von samway.care

schlecht gehen sollte. So lässt sich ausschließen, dass die Probleme produktionsbedingt sind. Oder andernfalls könnte eine Charge aus dem Verkehr gezogen werden, sollte diese verunreinigt sein oder anderweitig Defekte aufweisen. Doch für ihre Masken legen Drita Schneider und Franz Schöbel die Hand ins Feuer. Im Rahmen der Produktion haben sie eine Lagerhaltung hochgezogen, haben Vorräte angelegt, um bei Produktions- oder Lieferproblemen mehrere Wochen weiter produzieren zu können. Notfalls, so Schöbel, könnte man aber alle Bestandteile innerhalb von 24 Stunden selbst abholen, wie etwa den in Tschechien hergestellten Melt-Blown-Vliesstoff.

Dabei wird ein Kunststoff zuerst geschmolzen und zu hauchdünnen Fäden geblasen, die dabei verwirbelt werden und so ein Netz mit einer Porengröße bilden, das kleiner ist als die meisten Viren, aber auch Bakterien oder Stäube. Je nach Anwendungsbereich gibt es entsprechende Masken: In der Lebensmittelherstellung etwa reichen Masken ohne Filtervlies, mit medizinischen Masken schützen Ärzte ihre Patienten und mit den FFP2-Masken sind Handwerker vor Stäuben geschützt. Und nur zertifizierte FFP2-Masken bieten sowohl dem Träger als auch dessen Gegenüber Schutz – ein wichtiger Unterschied, auf den Schöbel immer wieder verweist. Weshalb medizinisches Personal in Krankenhäusern seit der Pandemie auch diese Schutzmasken, die mindestens 94 Prozent der Schadstoffe aus der Luft filtern, tragen.

Wie nasse Taschentücher

Was in Kirchheim vom Band läuft, sind die medizinischen Masken, wie sie Ärzte bei der Operation tragen oder die Krankenschwestern. Damit, erklärt Schöbel, werde das Gegenüber, der Patient oder unsere Mitmenschen geschützt. Denn das Vlies in diesen Masken funktioniert in eine Richtung, weshalb es viele falsche Wege gibt, eine ­samway.care zu tragen. Nur wenn sich die Maske mit Hilfe des Drahtes an die Form der Nase anpasst und der blaue Teil außen ist, bekommt der Träger gut Luft und sorgt dafür, dass die ausgeatmete Luft unbelastet ist bzw. sich die Areosole nicht im Raum verteilen.

Im „grauen Bereich“ werden die abgepackten Masken in Kartons verpackt. Auch hier galt es viele Lösungen zu finden, um die Kriterien einer „weißen Produktion“ zu erfüllen.

Im Gegensatz dazu vergleicht Schöbel die sogenannten Community- oder Alltagsmasken mit einem nassen Taschentuch. Nach Gebrauch landet das nasse Textil (Taschentuch wie Maske) wieder in der Hosentasche, um beim nächsten Einsatz die Viren und Bakterien erneut auf den Wirt abzugeben. Nicht zuletzt deshalb hatte man seinerzeit das Tempotaschentuch erfunden, das man nach einmaligem Gebrauch entsorgen kann. Entsprechend sind auch die Schutzmasken für den einmaligen Gebrauch gedacht: Würde man diese korrekt nutzen, bräuchte eine normale Hausarztpraxis beispielsweise um die 5.000 bis 10.000 Masken pro Monat, sagt Schöbel. Bei Schneider könnte mit einer zweiten Maschine der Monatsbedarf des Unterallgäus gedeckt werden. Allerdings sei die Nachfrage aus der Region überschaubar, weiß Drita Schneider, die die Masken zu einem vergleichsweise günstigen Preis auch direkt ab Werk verkauft.

Seit Mitte September läuft die Produktion nun auf Hochtouren, wobei vor allem die Zertifizierung einen Großteil der Zeit und des Einsatzes von Schöbel und Schneider gekostet hat. Dabei füllen die Prüfkriterien Seiten, während der Teufel im Detail stecken kann, etwa den Ohrhaltebändern, wie die Geschäftspartner auf leidvolle Weise erfahren mussten. Mehrere Audits scheiterten, ehe samway.care die Prüfnummer und damit die Zertifizierung erhielt. Damit dürfen die Masken der Medizin- Klasse 1 produziert und verkauft werden.

So ist man in Kirchheim zu Recht stolz auf das Geleistete, vor allem aber auch auf die Mitarbeiter, die sich engagiert hatten. Im Zweischichtbetrieb laufen nun die Masken vom Band, abgepackt zu 25 Stück, wie sie auch an Apotheken geliefert werden oder eben im Haus erhältlich sind. „50 Stück kosten bei uns 19,90 Euro“, sagt Drita Schneider. So kommen vor allem die Kirchheimer, um hier ihren Bedarf zu decken, wohlwissend, dass auch Discounter und Supermärkte diese nicht billiger anbieten. Wobei die Geschäftsführerin betont, dass man die Erweiterung in Eigenleistung, ganz ohne „Corona-Hilfen“ gestemmt habe. Ob man bei Schneider die Produktion von Schutzausrüstung ausbauen will, ließ Drita Schneider offen. Die Möglichkeiten, vor allem der Platz dafür, wären vorhanden. Und die Belegschaft weiß die Kirchheimerin ebenfalls hinter sich, die durch die Produktion sogar neue Arbeitsplätze geschaffen hat.

Oliver Sommer

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