100 Beatmungsplätze frei

Coronavirus: Vorerst genug Kapazitäten vorhanden

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24 Mitarbeiter der Mindelheimer Kreisklinik befinden sich derweil in Quarantäne. An den Standorten des Klinikverbundes Allgäu sind es insgesamt 61 Personen.

Unterallgäu – Bayern hat eine Ausgangsbeschränkung verhängt, um die Ausbreitung des Coronavirus weiter zu verlangsamen. Dennoch gibt es immer mehr neue Infizierte, so auch im Unterallgäu, wo die Zahl stetig steigt. Deshalb hat das Landratsamt am vergangenen Freitag erneut eine Pressekonferenz einberufen. Mit dabei war dieses Mal auch Dr. Manfred Nuscheler, der als Ärztlicher Direktor der Mindelheimer Klinik etwas zur aktuellen Situation in den Kliniken sagen konnte.

Es ist leer auf Bayerns Straßen. Seit Freitagnacht ist das öffentliche Leben für zwei Wochen stark zurückgefahren. Ministerpräsident Markus Söder hat eine Ausgangssperre verhängt. Ohne einen triftigen Grund darf man das Haus nicht mehr verlassen. Der Weg zur Arbeit, zum Supermarkt oder zu Apotheken und Arztpraxen ist aber weiterhin erlaubt, ebenso wie Spaziergänge und Sport an der frischen Luft; dies darf man aber nur alleine oder mit Personen, mit denen man zusammenlebt. Die Polizei werde das kontrollieren und mit Bußgeldern ahnden – auch im Unterallgäu, versicherte Landrat Hans-Joachim Weirather beim Pressegespräch. Es hätte gar nicht so weit kommen müssen, hätten sich alle Menschen an die Regeln gehalten. Doch die Menschen trafen sich weiter, besuchten Straßencafés und feierten private Partys. „Jetzt haben wir den Salat“, sagte Weirather. Jeder sei gefordert, appellierte Dr. Ludwig Walters, Leiter des Gesundheitsamtes Unterallgäu, an die Bevölkerung. „Wir wollen die Infektionsketten bestmöglich unterbinden“, so Walters.

Dass die Kommunalwahl in Zeiten von Corona trotzdem durchgeführt wurde, finden Weirather und Mindelheims Bürgermeister Dr. Stephan Winter richtig, denn die „Durchführung fundamentaler Prozesse“ habe bei der Bevölkerung nach wie vor eine sehr hohe Bedeutung, so Weirather. „Wir sind verantwortungsvoll mit der Kommunalwahl umgegangen.“ Und auch Winter bekräftigte: „Die Gefahr auf öffentlichen Plätzen ist deutlich höher als in den Wahllokalen.“

Mittlerweile gibt es im Landkreis 59 Corona-Infizierte (Stand: Dienstag, 24. März). Walters erklärte, dass es nun im nachfolgenden Schritt darum gehe, die einzelnen engeren Kontakte der Infizierten – eine deutlich dreistellige Zahl – zu ermitteln und diese prophylaktisch zu isolieren. Diese werden dann ebenfalls auf das Covid-19 getestet, indem sie zur Drive-In-Stelle beim Kreisbauhof fahren. Die Johanniter, die ehrenamtlich den Drive-In betreiben, schleusen circa 100 Personen am Tag durch. Diese müssen eine Probe vom Auto aus machen, das Röhrchen dann in eine Kiste schmeißen und erfahren in der Regel am nächsten Tag das Ergebnis. Diese Zahl könnte sich aber noch steigern, meint Walters, weil die Kurve der Infizierten exponentiell steigt. Ein Infizierter könne leicht mal eine ganze Fußballmannschaft anstecken, erklärt Walters. Deshalb wolle man „den üblichen Verlauf im Gipfel minimieren, die Ausdehnung strecken und nach hinten verschieben“. Weirather bedankte sich bei Walters für seine „fast schon übermenschliche“ Leistung, die er und sein Team jeden Tag vollbringen.

Am vergangenen Freitag waren es noch 37 Fälle im Unterallgäu, unter denen aber kein schwerer Verlauf erkennbar sei. Ein Patient liegt derweil in der Mindelheimer Klinik, wird aber nicht beatmet. Alle anderen seien in häuslicher Quarantäne. Das Klinikpersonal bleibt auch vom Coronavirus nicht verschont. In der Kreisklinik Mindelheim seien (Stand: Freitag, 20. März) 24 Mitarbeiter (Pflegepersonal sowie Ärzte) bereits in Quarantäne, verkündete Walters, in Kempten seien es acht, in Immenstadt 20 und in Ottobeuren neun. Trotzdem sei die Versorgungssicherheit gewährleistet. „Wir wollen, müssen und werden dafür Sorge tragen, dass die Kliniken funktionieren“, versicherte Weirather.

Dr. Manfred Nuscheler sprach von einem „Dilemma“: Patienten kommen in die Notaufnahme, ohne zu wissen, dass sie bereits mit dem Coronavirus infiziert sind. Das Krankenhauspersonal, das die Patienten aufnimmt, habe dann ungeschützten Kontakt mit ihnen und müsse im Anschluss für 14 Tage in häusliche Quarantäne. Wenn die Patientenzahl, die sich mit dem Corona­virus infiziert hat, stark ansteige, dann können gegebenenfalls Mitarbeiter, die sich in häuslicher Quarantäne befinden, wieder reaktiviert werden. Das sei medizinisch gerechtfertigt und ungefährlich, betonte Nuscheler. In den Kliniken suche man dahingehend immer nach individuellen Einzelfalllösungen.

100 Beatmungsplätze

Die Kliniken stünden in mehrerlei Hinsicht unter Stress, so Weirather, denn die Häuser müssen für Corona-Patienten freigehalten werden. Geplante Eingriffe wie eine Hüft-OP müssen daher verschoben werden. Das ganze Programm wurde heruntergefahren; es haben nicht mehr alle Operationssäle offen. Der Klinikverbund Allgäu stehe unter einer „immensen, finanziellen Belastung“, so Weirather. Hochgerechnet fehlen dem Klinikverbund ungefähr bis zu 300.000 Euro Einnahmen täglich, die Betten seien nur zu 65 Prozent ausgelastet. Die gesellschaftliche Leistung, die man gerade erbringe, gehe weit über das übliche Maß der Krankenhausträger hinaus. Diese müsse vergütet werden, „um nicht in eine wirtschaftlich heftige Schief­lage“ zu geraten, forderte der Landrat.

Dank der Ausrufung des Katastrophenfalls stehen den Kliniken aber immerhin mehr Möglichkeiten zur Verfügung, um an Schutz­ausrüstung und Geräte zu gelangen, sagte Walters. Und Nuscheler ergänzte: „Wir sind momentan in der Lage, unsere Mitarbeiter auszurüsten.“ Bei gleichbleibendem Verbrauch reichen die verschiedenen Artikel zur Einhaltung der Hygienevorschriften für zwei bis drei Wochen. Wenn sich der Verbrauch aber vervierfacht, werde daraus eine sehr kurze Zeitspanne. Im niedergelassenen Bereich sei der Mangel an Mundschutz noch eklatanter. Man habe außerdem Beatmungsgeräte bestellt, doch aufgrund der hohen Nachfrage müsse man „mit erheblichen Wartezeiten rechnen“. Würde man aber die Narkosegeräte ranziehen, könne man auch, ohne zu warten, die Zahl der Beatmungsgeräte verdoppeln bis verdreifachen. An den Standorten des Klinikverbunds stehen insgesamt 46 Intensivbetten zur Verfügung, davon sind 35 beatmungsfähig. Die Kapazitäten können kurzfristig auf knapp über 100 Beatmungsplätze im Klinikverbund erhöht werden, vorausgesetzt man rekrutiert alle Narkosegeräte – auch von niedergelassenen Ärzten.

Große Verunsicherung

Beim Pressegespräch außerdem mit dabei war Rita Helms, die das Bürgertelefon des Landratsamtes mit betreut und eigentlich Leiterin der Führerscheinstelle ist. 60 Mitarbeiter aus allen Sachgebietsbereichen sind in zwei Schichten für die besorgten Bürger da. Ihnen sei aufgefallen, dass es Phasen gibt, in denen es ruhiger zugeht, aber auch Uhrzeiten, wie morgens um 8 Uhr, wo das Telefon fast ununterbrochen klingelt. Die Mitarbeiter beantworten alle Fragen zu Themen, die derzeit „durch die Medien geistern“, so Helms. Es herrsche bei vielen eine große Verunsicherung. Das Bürgertelefon will dem entgegenwirken, die Leute beruhigen, Verhaltensempfehlungen und Informationen an die Hand geben. Dabei stehen die Mitarbeiter im engen Kontakt mit dem Gesundheitsamt. Sie dienen quasi als „erster Filter“, vergeben die Ticket­nummern für den Drive-In, ohne die man erst gar nicht dorthin fahren darf, und verhindern somit die Verstopfung der medizinischen Expertise, erklärte Weirather. Die Tests seien ein kostbares Gut, sagte Nuscheler, denn die Anfragen nach einem Test seien höher als die eigentliche Kapazität eines Labors. Man müsse also rational mit einem Test umgehen und ihn nur für ernsthafte Fälle verwenden.

 Julia Böcken

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