68 Kündigungen

Kneippianum macht dicht: Bad Wörishofen verliert ein "Flaggschiff"

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Ab 11. Dezember wird der Betrieb im Kneippianum eingestellt. Zahlreiche Mitarbeiter werden sich bis dahin nach einer neuen beruflichen Bleibe umsehen müssen.

Bad Wörishofen – Das Kneippianum wird Ende dieses Jahres geschlossen. Das teilten die Kneipp´schen Stiftungen der Barmherzigen Brüder zu Beginn dieser Woche mit und lösten damit großes Bedauern aus. Bad Wörishofens Bürgermeister Paul Gruschka etwa sprach von einem „schmerzlichen Verlust“, Landtagsabgeordneter Bernhard Pohl vom „Verlust eines Flaggschiffs“ für die Kneippstadt. Verbunden mit der Schließung ist auch, dass 68 Angestellte im Dezember ihren Job verlieren.

Alles andere als Barmherzigkeit dürften die betroffenen Mitarbeiter empfinden, wenn sie sich die Situation ausmalen, wie sie ihnen in der diesjährigen Weihnachtszeit droht: Ab 11. Dezember werden die Kneipp´schen Stiftungen ihr Vier-Sterne-Kneipp- und Gesundheitsresort dicht machen; 68 der insgesamt 188 Angestellten in Kneippianum und Sebastianeum werden dann kurz vor dem Jahreswechsel ihren Job los sein, wie Ansgar Dieckhoff, Verwaltungsdirektor der Barmherzigen Brüder, auf Nachfrage des Wochen KURIERS erklärte. Der künftige Personalstamm im Sebastianeum werde sich dann aus Mitarbeitern beider Häuser zusammensetzen, so Dieckhoff weiter.

Bürgermeister Gruschka, der noch am Tag der Bekanntgabe direkt aus dem Urlaub Stellung bezog, sprach den Betroffenen sein Mitgefühl aus: „Sie verlieren Arbeitsplätze, die sie oftmals seit vielen Jahren innehatten und die als sicher galten. Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sehen jetzt einer ungewissen Zukunft entgegen und sorgen sich um ihre Existenz und die ihrer Familien.“ Auch Dieckhoff bedauert die Situation: Sämtliche Kündigungen würden nun an Mitarbeiter ausgestellt, die man „gerne behalten hätte, so uns das nur irgendwie möglich gewesen wäre.“ Der Verwaltungsdirektor verweist darauf, dass die Kündigungen zumindest mit deutlich längerer Vorlaufzeit ausgesprochen wurden, um den Betroffenen die Möglichkeit zu geben, mit „vermindertem Zeitdruck, möglichst nahtlos“ in eine neue Arbeitsstelle zu wechseln. Denn bis zum 9. Dezember, dem Beginn der Winterschließzeit, werde der Betrieb noch unverändert weiterlaufen.

Als Grund für ihre Entscheidung führen die Kneipp´schen Stiftungen an, man müsse auf „die seit vielen Jahren deutlich rückläufige Nachfrage bei den Reha-Maßnahmen und die unzureichende Ertragssituation in der Hotellerie reagieren“. Künftig wolle man den Fokus auf das „Sebastianeum“ legen, wo ab Dezember sämtliche Energien „gebündelt“ werden sollen. So heißt es zumindest in der offiziellen Begründung der Barmherzigen Brüder. Aus Kreisen ehemaliger Mitarbeiter ist zudem die Rede davon, dass besonders Ende letzten und Anfang diesen Jahres mehrere Führungskräfte das Kneippianum verlassen hätten. Das dementiert Dieckhoff jedoch vehement: Zwischen der Mitarbeiterfluktuation und der Haus-Schließung gebe es keinen „sachlogischen Zusammenhang“.

Die rückläufige Nachfrage führen die einstigen Mitarbeiter des 144-Betten-Resorts unter anderem auch darauf zurück, dass die Mallersdorfer Schwestern nicht mehr im Haus wirken. Einige Gäste hätten nachgefragt, warum das so sei – schließlich müsse doch ein Haus mit kirchlicher Führung auch für eine Betreuung auf Seelenebene sorgen. Ob nun aber tatsächlich wegen der Schwestern Stammgäste abgesprungen sind, darüber lässt sich freilich nur spekulieren.

Während die Kneipp´schen Stiftungen darauf verweisen, die Schließung sei bereits mit der Mitarbeitervertretung gemäß Verordnung besprochen, will Landtagsabgeordneter Bernhard Pohl noch mit den Verantwortlichen Kontakt aufnehmen, um das Kneippianum womöglich doch noch vor dem Aus zu bewahren: „Jetzt müssen wir gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten suchen und herausfinden, ob es doch noch eine Perspektive für das Traditionshaus gibt. Ich werde umgehend mit den Verantwortlichen Kontakt aufnehmen und biete natürlich meine Hilfe an“, sagt Pohl. „Gemeinsam mit Bürgermeister Paul Gruschka und allen anderen politisch Verantwortlichen möchte ich jede auch noch so kleine Chance nutzen, um das Unheil noch abzuwenden.“

Es braucht neue Investoren

Gruschka äußerte sich diesbezüglich weniger euphorisch: „In solchen Situationen wird deutlich, wie begrenzt die Möglichkeiten der Politik angesichts betriebswirtschaftlicher Zwänge bei Unternehmen sind“, bedauerte der Bürgermeister. Er sieht die Lösung für den herben Verlust an Arbeitsplätzen vielmehr darin, neue Unternehmen und Investoren in seine Stadt zu lotsen. „Stadtrat, Bürgermeister und die Verwaltung kümmern sich permanent darum, dass sich neue Firmen ansiedeln und dass zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden. Wir tun alles, um die Stadt Bad Wörishofen aufzuwerten und unseren Kurort attraktiv zu gestalten“, so Gruschka.

Das Kneippianum wurde 1896 als dritte Stiftung neben dem Sebastianeum und der Kneippschen Kinderheilstätte von Pfarrer Sebastian Kneipp ein Jahr vor dessen Tod gegründet. Während die Kinderheilstätte – später das Familie-Kind-Haus – bereits im Frühjahr geschlossen hat, verbleibt von drei Häusern künftig nur noch eines. Und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, zu dem etliche Kneipp-Anhänger den 200. Geburtstag ihres Idols vorbereiten. 2021 soll dieser bekanntlich groß gefeiert werden.

Auch wenn das Ende des Kneippianums natürlich „ein harter Schlag“ sei, wie Gruschka sagt, gehe zumindest Kneipps Erbe nicht gänzlich verloren. Schließlich solle durch das Ende des Kneippianums zugleich das Sebastianeum gestärkt werden, um dieses dauerhaft „im Sinne des Vermächtnisses von Pfarrer Kneipp erhalten und fortführen zu können“. Hoffnung macht dem Rathauschef dabei auch, dass die Anwendungen von Pfarrer Kneipp bis heute nichts von ihrer gesundheitsfördernden Wirkung eingebüßt hätten. Und auch die Kneipp´schen Stiftungen bekräftigen: „Eine Schließung des ‚Sebastianeum‘ ist nicht vorgesehen.“

Marco Tobisch

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