"Das Ziel ist der Bodensee"

Elektrifizierung: Längste Baustelle Bayerns ist beendet

+
Die neuen Masten sind bereits aus großer Entfernung zu sehen. Zuletzt wurde das Ergebnis der Elektrifizierungs-Arbeiten nochmal umfassend geprüft.

Stetten – Nach Angaben der Deutschen Bahn war sie die längste Baustelle Bayerns. Auf 100 Kilometer Länge wurde auf der Bahnstrecke zwischen Geltendorf und Leutkirch ein Bündel verschiedenster Baumaßnahmen umgesetzt, um ab 2020 die Fahrzeit zwischen München und Zürich auf unter vier Stunden zu verkürzen. Seit heute um vier Uhr morgens sollte der Zugverkehr zwischen Geltendorf und Leutkirch wieder ohne Behinderungen rollen. Mit Hochdruck wurde bis zum Schluss an der in Teilen neugebauten Strecke gearbeitet, über das vergangene Wochenende standen schließlich noch Prüf- und Messfahrten an. Vergangene Woche lud die Bahn AG zu einem Pressetermin in den Bahnhof Stetten ein, wo in Teilen die rund 160 Millionen Euro schweren Baumaßnahmen vorgestellt wurden.

Am Augenfälligsten dürfte die Oberleitung sein, die sich seit einiger Zeit durch die Landschaft zieht. Wo man bisher den Verlauf der Bahnstrecke Geltendorf-Buchloe-Türkheim-Memmingen-Leutkirch nur erahnen konnte, kann man sie nun dank der Masten und des Fahrdrahtes sogar von der parallel verlaufenden Bundesautobahn sehen. Auf 100 Kilometer „haben wir seit März intensiv gebaut“, so Matthias Neumaier, Projektleiter der Deutschen Bahn AG und dabei vor allem die Strecke für den Oberleitungsbetrieb um- und in Teilen sogar neu gebaut. Mit der Elektrifizierung der Bahnstrecke wird künftig ein Neigezugbetrieb möglich, soll hier ab 2020 der Schweizer Hochgeschwindigkeitszug ETR 610 für eine Verkürzung der Fahrzeit sorgen.

Bislang müssen Diesellokomotiven die Züge von der Bayerischen Landeshauptstadt bis in den Bahnhof Lindau ziehen, wo dann E-Loks die Arbeit via Bregenz in die Schweiz übernehmen. Gut 70 Millionen Euro der gesamten Baukosten gehen dabei auf das Konto der Elektrifizierung, wobei, so Neumaier, auf die Oberleitungsmasten selbst ein geringer Teil der Kosten entfällt. Man habe die Bahnstrecke teilweise anheben bzw. absenken müssen, damit die durchgängige Elektrifizierung möglich wurde. 

Außerdem musste der Bahndamm selbst angepasst und einige Brückenbauwerke umgebaut oder erneuert werden. So wurde der Gleiskörper unter Straßenbrücken – etwa an der A7 bei Memmingen – abgesenkt, damit die Oberleitung eingebaut werden konnte. Weichen musste unter anderem das gut 150 Jahre alte gemauerte Viadukt bei Stetten; an ihrer Stelle spannt sich nun eine Stahlbetonbrücke über die Staatsstraße. Man habe die alte Brücke immer wieder ertüchtigt, doch mit den zu erwartenden Geschwindigkeiten und den entsprechenden Gewichtsbelastungen war die Zeit für die alte Dreibogenbrücke gekommen, erklärte Neumaier. Auf 24 Bohrbetonpfählen und 1.500 sogenannten Rüttelstopfsäulen ruht nun der Stahlbetonbogen mit seinen 18 Metern weiter und 6,5 Metern lichter Höhe. Neben der Staatsstraße überspannt er auch den Fuß- und Radweg sowie den hier kanalisierten Auerbach.

Das Viadukt, das an dieser Stelle einst Wahrzeichen war, wurde bereits im April abgerissen. Weniger ästhetisch aber zweckmäßig soll diese neue Stahlbetonbrücke den künftigen Gewichtsbelastungen standhalten.

Wenige Meter neben der neuen Straßenbrücke gibt es die nächste Unterführung, diesmal für die Fußgänger und Radfahrer, die zum Bahnhof wollen. Um höhere Geschwindigkeiten fahren zu können, mussten sämtliche unbeschrankten und ungesicherten Bahnübergänge weichen. Zumeist wurden dafür Unter- oder Überführungen gebaut, um einen kreuzungsfreien Betrieb zu ermöglichen. Mit Hilfe der Unterführung ist nun auch ein barrierefreier Zugang der beiden Bahnsteige in Stetten möglich. Wie in Stetten wurde auch der Bahnhof Türkheim umgebaut – zumindest der erste Bahnsteig sollte seit dieser Woche nutzbar sein. Bis Ende des Jahres, so Neumaier, werde man auch die Barrierefreiheit herstellen.

Weniger sichtbar sind die Baumaßnahmen für den Betrieb der neuen Strecke, etwa die beiden elektronischen Stellwerke in Tannheim und Aichstetten. In Summe habe man für die Gleis­erneuerung 33 Millionen Euro, für das Maßnahmenbündel Stetten (inklusive der neuen Brücke) 14,5 Millionen Euro, für das neue Stellwerk Kießlegg 5,5 Millionen Euro und nochmals sechs Millionen Euro für die Brückenbauwerke ausgegeben, erklärten Matthias Neumaier und sein Kollege Matthias Gunsch, der Teilprojektleiter. Derzeit wird am Bahnhof Türkheim noch gebaut, hier wurden unter anderem die alten Bahnsteige abgebrochen und neue, längere, sollen gebaut werden. Auch sollen hier die Züge mit höheren Geschwindigkeiten ein- und ausfahren können, weshalb neben dem Gleiskörper auch Weichen erneuert wurden. Insbesondere beim Gleisdamm müsse man Petrus danken, so Neumaier im Rückblick. Man habe dank des trockenen Sommers keine Probleme beim Aushub und Einbau des Gleisschotters sowie Unterbaues gehabt. Vor allem in Auelagen wie am Viadukt Stetten zeigte sich die eiszeitliche Vergangenheit des Untergrundes in Form von sogenannten Weichlagen – also Mergel und Tonschichten – die stabilisiert werden mussten, bevor ein neues Bauwerk begonnen werden konnte.

Veränderung kaum sichtbar

Während des Pressetermins waren die Mitarbeiter der beteiligten Unternehmen mit Hochdruck bei der Arbeit. So wurden etwa im Bahnhof Stetten letzte Bohrlöcher gesetzt für die Zaunanlagen. Gleichzeitig waren weitere Mitarbeiter mit sogenannten Zweiwegefahrzeugen damit beschäftigt, die Oberleitung zu prüfen. Diese wird allerdings erst im Spätsommer 2020 unter Spannung gesetzt, bis dahin müsse das Bauwerk erhalten und regelmäßig geprüft werden. Erst mit dem Winterfahrplan 2020 sollen dann die Hochgeschwindigkeitszüge verkehren. Dann erst wird sich der Streckenneu- und Ausbau bezahlt machen, soll sich die Fahrzeit um eine Stunde verkürzen. So wird der Fahrgast, der seit diesem Montag auf der Strecke unterwegs ist, auch noch nichts von den Baumaßnahmen merken, weder im Komfort noch in der Reisegeschwindigkeit. 

Bis 2020 werden auch weiterhin Diesellokomotiven die Züge bis und ab Lindau führen. Weniger belastend, vor allem für die Fahrgäste, die heuer auf den Schienenersatzverkehr ausweichen mussten, wird der Weiterbau im nächsten Jahr erfolgen. Die Strecke zwischen Leutkirch und Hergatz ist zweispurig ausgebaut, sodass hier eine Strecke für den Verkehr offen bleiben wird. Man werde allenfalls wochenweise die Strecke sperren müssen, so Neumaier. So arbeite man sich allmählich gen Westen weiter, so Neumaier: „Das Ziel ist der Bodensee.“ 

Oliver Sommer

Auch interessant

Meistgelesen

Bürger gefragt: Wie stehen die Menschen zu Bad Wörishofen?
Bürger gefragt: Wie stehen die Menschen zu Bad Wörishofen?
Kino unterm Sternenhimmel im Türkheimer Schlosshof
Kino unterm Sternenhimmel im Türkheimer Schlosshof
Stadt gibt neue Mindelheimer Blühflächen bekannt
Stadt gibt neue Mindelheimer Blühflächen bekannt
Dirlewang stellt sein neues Dorfgemeinschaftshaus vor
Dirlewang stellt sein neues Dorfgemeinschaftshaus vor

Kommentare