»Operation am offenen Herzen« fertig

Energetische Sanierung der Kläranlage: Stadt spart künftig CO2

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Ingenieur Stefan Steinbacher, Bürgermeister Dr. Stephan Winter und Betriebsleiter der Kläranlage Norbert Lutz (v. links) freuen sich über die energetische Sanierung der Kläranlage.

Mindelheim – Nach knapp 40 Jahren konnte man wieder etwas „Sichtbares“ einweihen, sagte Bürgermeister Dr. Stephan Winter erfreut. Nach der Inbetriebnahme im Jahr 1982 wurde es ruhig um die Kläranlage. Nun versammelten sich Stadträte, Mitarbeiter der Kläranlage & Co., um die energetische Sanierung zu zelebrieren.

„Es sind längst nicht mehr ganz so unbedeutende Kosten“, die auf die Bürger bei der Wasserver- und entsorgung sowie bei der Müllabfuhr zukommen, weiß Winter. Doch „es gibt Menschen, die solche Briefe nicht kennen“. Laut WHO sterben jährlich vier Millionen Kinder weltweit an den Folgen von verdrecktem Wasser und mangelnder Hygiene. Alle acht Sekunden ein Kind. Dazu kommen nochmal eine Million Erwachsene, die gegen das verschmutzte Wasser ebenfalls nicht ankämpfen können und den daraus resultierenden Krankheiten erliegen. Weltweit haben rund 1,4 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser. Sie sind zu arm, zu schwach oder beides. Daher solle man sich über solche Rechnungsbriefe freuen, um sich bewusst zu machen, wie gut die Menschen es hier haben, meint Winter.

Kleinvieh macht auch Mist

Doch Winter mahnte auch: „Das dreckige Wasser kommt nicht vom Himmel.“ Heißt, wir Menschen sind für die Verschmutzung des Wassers selbst verantwortlich – beispielsweise bei der Toi­lettennutzung. Zwar könne man das „Aller-, allermeiste an Abwasser wieder rausbringen“, nachdem man es „mühsam wieder rausgefiltert“ hat, aber man solle sich Gedanken über das eigene Konsumverhalten machen. Man müsse umweltgerechter einkaufen, umweltbelastende Dinge sparsamer verwenden. „Auch kleine Sünden zählen“, sagte Winter. Bei rund 15.000 Einwohnern „macht Kleinvieh auch Mist“. Deutschland befinde sich in einer „glücklichen Lage“, in der man auch Geld für eine Sanierung der Kläranlage aufbringen kann. Für die Modernisierung und die Erweiterung des Betriebsgebäudes waren eine Million Euro notwendig. Da die Arbeiten als Klimaschutzmaßnahme gelten, hat der Bund 200.000 Euro beigesteuert.

Stefan Steinbacher kennt die Kläranlage seit ihrer Geburtsstunde. Der Ingenieur berichtete, dass die Kläranlage damals nur 18 Millionen Mark gekostet habe. Jetzt müsste man 35 bis 40 Millionen Euro in die Hand nehmen. „Wichtig ist, zum richtigen Zeitpunkt zu investieren“, sagte Steinbacher. Damals habe man das Klärwerk rein über die Gebühr der Bürger von fünf Euro finanziert.

So ein Bauwerk hält normalerweise ewig. Die Kläranlage „steht auch noch in 100 Jahren an dieser Stelle und verrichtet ihren Dienst. Sie wird uns überleben“, prophezeite der Ingenieur. Sie erbringt auch eine „stolze, gigantische Leistung“. 5.000 Kubikmeter Wasser reinigt die Kläranlage am Tag und macht das Wasser „so sauber wie Trinkwasser“, sagte Steinbacher. Das sind zwei Millionen Kubikmeter Wasser im Jahr. Bis dato hat die Kläranlage bereits 80 Millionen Kubikmeter Wasser gereinigt.

In die Jahre gekommen

Das Betriebsgebäude war aber mit der Zeit in die Jahre gekommen. Es gab Feuchteschäden, Platzmangel, das Dach war undicht, die Gebäudehülle nicht energetisch und der Brandschutz war nicht mehr gewährleistet. Außerdem wurde die Betriebsstättenverordnung nicht mehr eingehalten, Aufenthaltsräume fehlten. Das Flachdach wurde durch ein Pultdach ersetzt, wodurch die Fläche um 150 Quadratmeter aufgestockt wurde. Es wurde binnen zehn Monaten neu gedämmt, der Brandschutz erneuert, Fenster und Türen ausgetauscht und eine hinterlüftete Fassade gebaut. Die Kosten habe man eins zu eins einhalten können, freute sich Steinbacher.

Dabei hat man darauf geachtet, die Sanierung so klima­freundlich wie möglich durchzuführen. Beim Bau hat man zum Beispiel nachwachsende, recyclebare Rohstoffe verwendet. Mit dem Energiekonzept der Stadt Mindelheim, das energetische Verbesserungen vorsieht, wird in Zukunft der Ausstoß von CO2 reduziert. Im September wurde das Gebäude dann bezugsfertig.

Für Winter ist es ein „Tag der Freude und des Dankes“, denn die Sanierungsarbeiten wurden während des regulären Betriebs erledigt, weswegen die Mitarbeiter die zehnmonatige „Operation am offenen Herzen“ miterlebt haben.

In der nächsten Zeit wird noch eine Photovoltaikanlage auf dem Dach installiert, die mit 100 Kilowatt-Peak und 90.000 Kilowattstunden pro Jahr elf Prozent des jährlichen Stromverbrauchs der Kläranlage abdeckt. Abschließend sprach Steinbacher von einem „gelungenen Objekt“, das „Verbesserungen mit auf den Weg gebracht“ hat und in vielen Bereichen verschönert wurde.

 Julia Böcken

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