»Keine Fake News sondern Realität«

Energietag von erdgas schwaben: Klimaschutz auf kommunaler Ebene

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Im Bild von links: Helmut Kaumeier, Leiter der Kommunalkunden- und Marktpartnerbetreuung, Staatsminister a.D. Franz Josef Pschierer, Geschäftsführer von erdgas schwaben, Markus Last und Dirk Weimann und Landrat Hans-Joachim Weirather.

Unterallgäu – Wie will man die Energieversorgung in der Zukunft vorantreiben? Was tun bereits Stadt und Landkreis für den Klimaschutz und was denkt Staatsminister a.D. Franz Josef Pschierer über die Stromgewinnung? Beim 5. Schwäbisch-Allgäuer Energietag von erdgas schwaben im Mindelheimer Forum wurde darauf Antwort gegeben.

Jede Kommune sollte etwas gegen den Klimawandel tun. So hat die Stadt Mindelheim bereits seit Jahren mit der Energieerzeugung und Mobilität „zwei wichtige Bausteine“ gelegt, wie Bürgermeister Dr. Stephan Winter beim Energietag berichtete. Seit einigen Jahren gebe es ein Klimaschutzkonzept und ein Energieteam (der Wochen KURIER berichtete). Zudem hat die Stadt bereits den European Energy Award gewonnen. „Man muss den Klimawandel ernst nehmen“, denn die damit einhergehenden Entwicklungen seien „keine Fake News sondern Realität“, appellierte Winter an die 40 Bürgermeister und Bürgermeisterinnen, die aus dem Raum Bayrisch-Schwaben gekommen waren.

Markus Last, Geschäftsführer von erdgas schwaben, bedauerte, dass „die Erdgas-Mobilität ein Schattendasein führt“, denn Erdgas sei eine gute Alternative zur Elektronik. Das Problem aber sei, dass es sich bei Gas um einen fossilen Energieträger handelt. Dennoch machen die rund 100 Biogasanlagen im Landkreis Unterallgäu einen hohen Anteil der Stromerzeugung aus. „Man muss das Potential nutzen, dann kommt man auch mehr voran“, sagte Landrat Hans-Joachim Weirather.

Er ist der Meinung, dass auf kommunaler Ebene energiepolitisch gehandelt werden muss. Wie die Stadt unternehme auch der Landkreis viel für den Klimaschutz. Seit 2015 werden zwei Drittel des Stroms regenerativ verbraucht, wie beispielsweise durch Wasserkraft. „Bayern war schon immer Wasserkraftland“, stellte Pschierer fest. Bei der Windkraftenergie musste aber Weirather einräumen: „Zuwachsen tut da leider von uns aus nichts.“ Die Windkraftanlagen seien erst einmal „auf Eis gelegt.“

Dass der Klimaschutz und hierfür mögliche Lösungen kein leichtes Spiel sei, machte der Landrat den kommunalen Entscheidungsträgern bewusst: „Das Schwierige daran ist, dass die ganze Thematik eine sehr hohe Komplexität hat.“ Trotzdem will Weirather mit seinem Landkreis „mit großen Schritten voran gehen“, indem er versucht, „mit Nachhaltigkeit an die Dinge ranzugehen.“ So hat der Landkreis schon einige Punkte umgesetzt. Die Schulen wurden zum Beispiel energetisch saniert, was „auch ein bisschen was gekostet hat“, doch er will es „nicht nur beim Reden belassen, sondern auch handeln.“

Für Pschierer habe es zu lange gedauert, bis sich jemand für die Energiepolitik verantwortlich gefühlt hat. Erst 2012 habe sich die Kanzlerin dazu entschieden, aus der Kernenergie auszusteigen, was man nun akzeptieren müsse. Doch Pschierer, der sich selbst als Industriepolitiker versteht, sehe beim Ausstieg aus der Atomkraft auch negative Konsequenzen für Bayern, denn momentan profitiere der Freistaat von der Kernkraft am meisten im Vergleich zu den anderen Bundesländern. Den Kohleausstieg begrüßt er dagegen.

Bayern steht bei der Bruttostromerzeugung nicht schlecht da. 44 Prozent Strom werden im Freistaat durch erneuerbare Energien erzeugt, gefolgt von der Kernenergie. Nur 13 Prozent der Energie wird durch Erdgas produziert. Um den Energiemix sinnvoll vorantreiben, müssen alle an einem Strang ziehen. Bei der Photovoltaik scheitere es am Bauernverband, der seine Flächen nicht hergeben will. Bei der Wasserkraft scheitere es am Fischerverband, der um seine Fischbestände fürchtet. „Wir haben mit einem Bürger zu kämpfen, der das eine will und das andere nicht“, sagte Pschierer.

Eine Energiewende sei nur mit erneuerbaren Energien erreichbar. Dafür müsse man aber die Volatilität ausgleichen, also die Schwankungen bei der Strom­erzeugung. Wind- oder Sonnenstrom seien nicht durchgängig und gleich stark vorhanden, klärte Helmut Kaumeier, Leiter der Kommunalkunden- und Marktpartnerbetreuung von erdgas schwaben, auf. An sonnen- und windarmen Tagen würde es keinen Strom geben, wenn man nicht die Versorgung durch andere Energiezulieferer wie Gas sicherstellen würde. „Es macht keinen Sinn, sich abhängig zu machen“, ist Pschierer der Auffassung, der eine versorgungssichere Energie befürwortet, die aber auch sauber und bezahlbar sein soll.

Mittlerweile schreibe Last auch hinter den Wasserkraftanlagen ein kleines Fragezeichen hin. Nach der Dürre im letzten Sommer waren die Pegelstände der Flüsse extrem niedrig. Um weiter grundlastfähig zu bleiben, „müssen wir Sektoren koppeln“, sagte Last.

Es gebe viele Lösungen, was das Thema Energiewende betrifft. „Alle Möglichkeiten, die wir haben, muss man auch nutzen“, sagte Kaumeier. Dazu gehöre auch, den Strom vor Ort zu erzeugen oder regenerative Energien zu benutzen, als sich auf Altbewährtes zu verlassen. Durch Speichertechnologien wie Power-to-Gas werde zum Beispiel überschüssige Wind- und Sonnenkraft im Gasnetz aufbewahrt.

Ein weiteres großes Problem sei jeder einzelne selbst, denn der Großteil des CO2-Ausstoßes verursachen Privathaushalte mit ihren Heizungen. Um den hohen CO2-Gehalt wenigstens von den Straßen wegzubekommen, wurden Elektroautos gebaut. Doch Pschierer sieht die E-Autos durchaus kritisch. Die Infrastruktur der Ladestationen sei schlecht, weshalb sich wenige Menschen ein E-Auto kaufen. Doch ohne genügend Tankbedarf werde es auch weiterhin keine neuen Ladestationen geben. „Ich bin nicht überzeugt davon, dass die Elektromobilität die Energiewende ändert“, sagte Pschierer. Es hängt alles von den kommunalen Gemeinden ab, denn „sie müssen umsetzen, was oben beschlossen wird.“

Julia Böcken

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