"Forderung gleicht einer Enteignung"

Bei Erfolg des Volksbegehrens: Bauern im Unterallgäu droht die Betriebsaufgabe 

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Franz Rimmel besitzt 100 Kühe und zählt mit seinem Hof zu den größeren Betrieben im Unterallgäu.

Apfeltrach - Beim Volksbegehren "Rettet die Bienen" fehlen noch 50.000 Unterschriften, um die Millionen-Marke zu knacken. Für den Landwirt Franz Rimmel aus Apfeltrach und viele andere Kleinbauern aus dem Unterallgäu ist der Ausgang des Volksbegehrens richtungsweisend, denn sollten alle geforderten Bedingungen in Kraft treten, droht vielen die Betriebsaufgabe.

Rimmel besitzt 100 Kühe, die alle gefüttert werden müssen. Dazu kommen noch Kälber. 2.000 Liter Milch geben seine Kühe pro Tag ab. Damit zählt sein Hof zu den größeren Betrieben im Unterallgäu. Es ist ein Fulltime-Job, sieben Tage die Woche. Einen größeren Urlaub könne sich der Bauer nicht leisten. Es reiche gerade einmal für wenige Tage an den Gardasee im Jahr, mehr ist nicht drin. Sonntags stehe bei ihm neben der täglichen Stall­arbeit auch noch die Büroarbeit auf der Tagesordnung. Durch einen Erfolg des Volksbegehrens wäre das alles nicht mehr genug. Denn dann hätte er noch mehr Arbeit für weniger Geld.

„Wir machen sowieso schon viel für die Bienen“, sagt Rimmel. Insgesamt 40 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche wird vom Kultur- und Landschaftsprogramm (KULAP) gefördert. Das ist jeder dritte Hektar in Bayern. Jeder zweite Bauer hat sich freiwillig dazu verpflichtet, mehr für den Natur- und Umweltschutz zu tun. Das geht aus einem Schreiben des Bayerischen BauernVerbandes vor, das Rimmel vorliegt. Eine finanzielle Entschädigung erhalten die Landwirte über die Umweltprogramme der EU-Agrarpolitik.

Doch die Forderung des Volksbegehrens „gleicht einer Enteignung“, meint Rimmel. „Wir haben kein Recht mehr auf unser Land.“ Wenn die Forderungen zur Pflicht werden, können diese nicht mehr gefördert werden, heißt, die Landwirte bekämen für den Mehraufwand kein Geld. Jetzt schon gäbe es blühende Maisfelder und Blühwiesen. Sogar Hecken wurden vor ein paar Jahren extra für die Insekten gepflanzt und nehmen wichtige Flächen den Landwirten weg.

Mit Unverständnis reagiert Rimmel auch auf das Verbot des Walzens nach dem 15. März. „Durch das Walzen wird die Bestockung angeregt und die Grasnarbe geebnet. Das führt zu ein sauberes Futter für die Tiere“, erklärt Rimmel. Da es aber vorkommen kann, dass die Felder noch bis zum 15. März mit Schnee bedeckt sind, können die Bauern die Felder nicht walzen und somit ist ein sauberes Futter für die Tiere nicht mehr garantiert.

Eine weitere Regel des Volksbegehrens besagt, dass man die Gewässerrandstreifen bis auf fünf Meter nicht mehr bewirtschaften darf. „Manche Bauern haben nur ein bis zwei Hektar große Felder. Das bedeute der Tod für viele bäuerliche Betriebe“, schätzt Rimmel ein. Kleinere Bauernhöfe würden zur Aufgabe gezwungen sein, da viele Felder an kleinen Bächen und Gewässern liegen. Rimmel weiß, dass es ein „erheblicher Einschnitt“ für die Bauern bedeute.

Bis 2025 sollen zudem 30 Prozent Bioprodukte auf dem Markt angeboten werden. Doch wenn es zu viele Biobauern gibt, gibt es auch bald ein Überangebot an Biomilch, was wiederum bedeutet, dass die Biobauern ihre Biomilch zu konventionellen Preisen verkaufen müssten. „Die Biolandwirte befürchten einen Preisverfall. Die Molkereien nehmen jetzt schon keine Biomilch mehr auf, weil sonst ein Überangebot besteht“, erklärt Rimmel.

Die Arbeit der Landwirte unterliegt strengen Auflagen. Eine Pflanze darf nur genau nach Bedarf gedüngt werden. Maximal zwei Kühe darf man pro Hektar halten, früher waren es noch drei. Bei den Pflanzenschutzmitteln gibt es auch strenge Vorschriften. Viele Pestizide seien mittlerweile bienenverträglich, sagt Rimmel. „Wir spritzen abends, in der Nacht oder am frühen Morgen, sodass noch keine Bienen auf dem Feld sind“, so der Milchbauer. Der Dünger mache den Bienen nichts aus.

„Es ist ein wahnsinniger Mehraufwand, der nicht entlohnt wird“, beschwert er sich. Es hindere den Bauern, seine tägliche Arbeit zu verrichten. „Die Wiesen sind stark von Mäusen beschädigt. Da müssen wir umbrechen und neu einsäen“, sagt Rimmel. Der Pflug kommt dann zur Hilfe. Doch auch dies wäre mit den neuen Regelungen nicht mehr möglich.

Sogar beim Mähen müssten die Landwirte eine andere Arbeitsweise an den Tag legen. Momentan mähen sie von außen nach innen, einer Schneckenform ähnlich. Doch die neue Verordnung schreibe vor, das Feld von innen nach außen zu mähen. Dadurch würden aber vermehrt Reste stehen bleiben, die man dann im Anschluss nochmal befahren müsse. Die Maschinen laufen länger, es würde mehr Diesel in die Luft geschleudert, schlussfolgert Rimmel.

„Bis zu 20 Prozent der Fläche kann man nicht mehr benutzen. Bei einem Pachtpreis von 600 Euro pro Hektar kann sich das kein Bauer auf Dauer mehr leisten, wenn er dafür keine Entschädigung bekommt“, sagt Rimmel. „Es fürchten viele um ihre Existenz.“

Es wird zu einseitig auf die Landwirtschaft eingegangen. Der Klimawandel, Abgase von Autos und die Industrie seien auch für den Artenschwund verantwortlich. „Jeder Quadratmeter wird hier zugepflastert.“

Denn ohne die Bauernhöfe und deren Ställe gibt es auch keine Herberge für die vielen Spatzen. Allein im Stall von Rimmel finden an die 100 Spatzen Unterschlupf, im Nebenstall ist sogar eine Schleiereule beheimatet. Die Vögel fressen die Körner, die auf dem Boden übrig bleiben. Gerade im Winter ist es für die Vögel eine Erleichterung, so an Futter zu gelangen.

„Jeder Hof, der aufgibt, reduziert so die Artenvielfalt und schränkt den Lebensraum für viele Arten ein“, sagt Rimmel. „Die Lanwirtschaft kann am wenigsten dafür, wird aber als Hauptverursacher bezeichnet.“ Er überlege schon, ob er nicht seinem Sohn raten soll, einer anderen Arbeit nachzugehen. Er könne ihm nicht mehr empfehlen, weiterzumachen, da es einfach zu hohe Auflagen seien.

Auch Helmut Mader, Geschäftsführer des Bayerischer Bauernverbandes mit der Geschäftsstelle in Erkheim, ist gegen die Forderungen des Volksbegehrens: „Bayern ist an der Spitze, was Umweltprogramme betrifft. Aber es ist leichter, auf eine kleine Berufsgruppe einzuhacken als auf die Industrie.“ Er hofft, dass die bayerische Regierung ein eigenes Paket mit Richtlinien aufstelle und das Umsetzen praxisgerechter mache. Der freiwillige Umweltschutz soll beibehalten und nicht alles per Gesetz vorgeschrieben werden. „Die Umweltschützer sollen ihren Garten ökologisch halten und auch zehn Prozent ihres Einkommens dafür zur Verfügung stellen“, sagt Mader. „Das demoralisiert die Bauern, obwohl sie das in der Schule so gelernt haben.“ Die Stimmung bei den 200 Betrieben im Unterallgäu sei deshalb allgemein schlecht.

Julia Böcken

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