Kontinuierlicher am Kind arbeiten

Fachkräftemangel: Neue Erzieherausbildung OptiPrax bietet Vorteile für Stadt und Schüler

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Leiterin des Kindergartens Marcellin-Champagnat Beate Fuchs hat seit dem 2. September eine neue Auszubildende Lina Junischkeit, die erstmalig das OptiPrax-Modell macht.

Mindelheim – Regelmäßigeren Kontakt mit dem Kind, mehr Gehalt und gegen den Fachkräftemangel wirken: Die neue duale Ausbildung zur Erzieherin mit optimierten Praxiseinheiten „OptiPrax“ bietet für die Auszubildenden mehrere Vorteile. Die Stadt Mindelheim hat sich um eine solche Stelle beworben und auch eine bekommen. Die Auszubildende Lina Junischkeit hat am 2. September mit dem neuen Modell im Kindergarten Marcellin-Champagnat begonnen.

Es ist eine Premiere für die Stadt. Seit diesem Jahr kann man die Erzieherausbildung OptiPrax auf drei Jahre verkürzen, vorausgesetzt man schloss die Schule mit einem Fach-Abitur oder einem vollwertigen Abitur ab und hat vor der Ausbildung ein sechswöchiges Praktikum in einer sozialpädagogischen Einrichtung absolviert.

Bislang dauerte eine Erzieherausbildung fünf Jahre mit einer mittleren Reife, vier Jahre mit Abitur. Durch das Verkürzen der Lehre reagiert man auf den Fachkräftemangel in der Branche. Das OptiPrax-Modell bietet auch einige Vorteile, erklärt Bürgermeister Dr. Stephan Winter. Vom ersten Tag an ist der Auszubildende am Kind im Kindergarten. Somit wird die Praxis zunächst der Theorie vorgezogen, um frühzeitig zu erkennen, ob der Beruf etwas für einen ist oder nicht. „Man hat mit lebenden Objekten zu tun, die Bedürfnisse haben“, erklärt Winter. Zudem sei die Ausbildung vom ersten Tag an gut vergütet. Im ersten Jahr erhält der Azubi für 39 Wochenstunden 1.140,69 Euro, im zweiten Jahr 1.207,07 Euro und im letzten Jahr 1.303,38 Euro. „Das ist für Azubis eine schöne Sache“, so Winter.

Für beide Seiten Vorteile

Im Endeffekt hat jeder etwas davon, wenn die Ausbildung um zwei Jahre verkürzt wird, der Azubi aber auch der Träger der Einrichtung, in dem Fall die Stadt. „Die Stadt muss kein schlechter Arbeitgeber sein“, schmunzelt Winter im Hinblick auf den Wohnort der Auszubildenden. Lina Junischkeit aus Buchloe hat am 2. September ihre Ausbildung als Erzieherin angefangen. Sogar der Neubau der Kita Marcellin-Champagnat sei fertig, wenn sie fertig ist, macht Winter die weitere Tätigkeit in der Kita Junischkeit schmackhaft. Doch er sagt auch, dass man nicht in der Pflicht sei, einen lebenslangen Pakt mit der Stadt Mindelheim abzuschließen. „Es kann sich aber einer bilden“, lacht er.

Durch eine neue Auszubildende verbessert sich der Anstellungsschlüssel des Kindergartens, denn man kann nur so viele Kinder betreuen, wie man auch Fachpersonal hat. Im dritten Jahr wird Junischkeit wie eine normale Kraft gewertet, ab dem zweiten fällt sie aber schon in den Personalschlüssel mit rein.

Für die 20-Jährige war schon früh klar, dass sie etwas im sozialen Bereich erlernen möchte. Bereits mit elf Jahren hat sie Babys gesittet. Sie hat zuerst ein Studium in Psychologie oder Sozialpädagogik in Erwägung gezogen, doch durch Zufall ist sie auf das Angebot der OptiPrax gestoßen. „Man sammelt gleich Erfahrungen“, sagt sie.

Seit diesem Jahr bietet die Staatliche Fachakademie für Sozialpädagogik in Kaufbeuren die duale Ausbildung an und startet damit einen Testdurchlauf. An 2.400 Unterrichtsstunden muss Junischkeit innerhalb der drei Jahre teilgenommen haben. Da die Fachakademie Stellen vor Ort brauchte, hat sich Mindelheim auf eine Stelle beim Ministerium beworben und bekommen. Zweieinhalb Tage pro Woche muss Junischkeit zur Schule fahren, die dank ihrer Lage direkt am Bahnhof gut zu erreichen ist.

Da die Ausbildungsinhalte anders strukturiert sind, muss sich die Einrichtung dafür bereiterklären, an dem OptiPrax-Modell teilzunehmen, denn das erfordert eine andere Anleitung. Die Erzieherin Lisa Maier der Kita Marcellin-Champagnat belegt einen Kurs, um sich in dieser Hinsicht weiterzubilden.

Die Stadt Mindelheim hat vor, jedes Jahr eine solche Stelle zu besetzen. Bei der Fachakademie in Kaufbeuren kann man sich darüber informieren. Eine weitere Fachakademie gibt es in Kempten. Bei der dualen Ausbildung bleibt man kontinuierlicher am Kind. Doch auch während der Praxiszeit muss man andere Stationen durchlaufen. Zweimal je 320 Stunden müssen in einem anderen Tätigkeitsfeld ausgeübt werden, davon mindestens 80 Stunden an einer Grundschule.

Suchen, suchen, suchen

90 Kinder sind im Kindergarten untergebracht, am 30. September kommen nochmal 15 Krippenplätze hinzu. 12 Erzieherinnen kümmern sich um die Kinder, drei Praktikanten helfen mit. „Wir konnten die Stellen gut besetzen, aber mussten uns schon bemühen“, sagt Beate Fuchs, Leiterin des Kindergartens Marcellin-Champagnat. Das neue Modell hat die Regierung „aus der Not heraus“ ins Leben gerufen, fügt Ute Bergmaier, verantwortlich für soziale Angelegenheiten der Stadt, hinzu. Wenn man lange voraus die Stellen ausschreibt, hat man gute Chancen, diese auch zu besetzen, so Winter, doch unterm Jahr verliere man auch durch eine Schwangerschaft Personal. Sobald jemand schwanger ist, wird demjenigen ein sofortiges Berufsverbot im Krippenbereich erteilt, da die Infektionsgefahr durch Kinderkrankheiten zu hoch sei. Im Kindergartenbereich komme es darauf an, welche Kinderkrankheiten man selbst schon hatte. Doch diese Ausfälle unter dem Jahr verteilt kann man nicht mehr so leicht kompensieren. „Dann heißt es: suchen, suchen, suchen“, sagt Winter. Dann sei Kreativität gefragt. Beim regulären Einstellungstermin sei die Bewerberzahl schon nicht üppig, aber es funktioniere noch, doch dazwischen sei es sehr schwierig, gibt der Bürgermeister zu.

Gegenüber den sinkenden Bewerberzahlen steigt aber der Bedarf nach Krippenplätzen. Besonders seit dem Rechtsanspruch auf Krippenplätze und bald auch auf eine Ganztagsbetreuung an der Grundschule, wächst die Anfrage und somit auch der Personalbedarf. Mit den 100 Euro Förderung pro Monat für eine Kinderbetreuung bei einem jährlichen Einkommen unter 60.000 Euro brutto ist die Inanspruchnahme nochmals höher. Jedes Jahr braucht man eine Gruppe mehr. Seit 2010 werden die Kita- und Krippenplätze permanent ausgebaut, sagt Winter.

Hinzu kommen jedes Jahr 20 neue Mitarbeiterinnen. Nicht nur die Nachfrage an Plätzen steigt, sondern auch die Buchungszeiten werden länger. Das Kind sieben Stunden am Tag betreuen zu lassen, ist mittlerweile keine Seltenheit mehr. Da aber viele Frauen nur in Teilzeit arbeiten, da sie selbst Kinder haben, muss man eine Stelle mit zwei Mitarbeitern besetzen – wofür wiederum mehr Personal benötigt wird.

Um den Bedarf an Kita- und Krippenplätzen gerecht zu werden, baut die Stadt Mindelheim gleichzeitig drei Kitas. Das ist ein „Millionenprojekt“, wie Winter sagt, und „gab‘s so noch nie“. Die Stadt Mindelheim ist in der Lage, jedes Kind in einer Kita unter zu bekommen. „Sie nimmt den Rechtsanspruch sehr Ernst“, sagt Fuchs.

 Julia Böcken

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