Ein Machtspiel zulasten des eigenen Kindes

Fachstelle gegen sexuelle Gewalt: Wieso immer mehr Unterallgäuer Hilfe suchen

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Heilpädagogin Karola Heine berät bei der Fachstelle gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen Betroffene, Angehörige und Fachkräfte. Manche von ihnen rufen auch anonym bei ihr an. Die Verdachtsfälle sind 2019 gestiegen.

Unterallgäu – „Willst du sehen, wie aus meinem Penis Milch rauskommt?“ „Willst du mir deine Scheide zeigen?“ Fragen, die keine Elfjährige zu hören bekommen sollte. Fragen, die aber ein Fremder einem jungen Mädchen im Internet ernsthaft stellt. Doch nicht nur online werden Kinder und Jugendliche sexuell belästigt, auch im eigenen Familienkreis können solche Fälle auftauchen. Bei der Fachstelle gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen der Kinder- und Jugendhilfe Memmingen-Unterallgäu (KJF) können sich Betroffene wie auch Angehörige anonym melden. Seit ihrer Einführung 2013 ist die Fachstelle gut ausgelastet – wie die Fallzahlen belegen.

Bei Karola Heine, Dipl. Heilpädagogin, ruft die Tante an, die beobachtet hat, wie der Opa dem Kind in den Schritt und an den Po fasst. Sie bemerkt, dass er das Kind immer wieder küssen will und ist von seinem Verhalten irritiert. Lehrer und Erzieher melden sich, die bei einem Kind ein auffälliges Verhalten feststellen, zum Beispiel sehen, wie es sich reibt, öfters weint und unkonzentriert ist.

2013 wurde die Fachstelle, die mit einer 50-Prozent-Stelle besetzt ist, ins Leben gerufen, zunächst auf zwei Jahre befristet. Da aber das Angebot innerhalb kürzester Zeit sehr gut angenommen wurde, befürwortete der Jugendhilfeausschuss eine unbefristete Weiterführung. Auch, weil die Fallzahlen einen weiteren Bedarf rechtfertigen.

Karola Heine ist seit zweieinhalb Jahren als Beraterin tätig. Ihre Kunden berät sie persönlich oder telefonisch. Manche von ihnen rufen bei ihr auch anonym an. Bei den meisten Anrufen handelt es sich um Verdachtsfälle. 37 solcher Verdachtsfälle gingen 2019 bei der Fachstelle ein. 108 Personen wurden beraten, eine Steigerung um 25 Prozent im Vergleich zu 2018. Teilweise kommen die Betroffenen selbst zu ihr, aber ganz oft zählen auch Fachkräfte und Angehörige zu den direkten Kontaktpersonen. Zusammen mit den Fachkräften sortiert die Heilpädagogin diese Verdachtsmomente und überlegt weitere Schritte.

Besonders die Fachkräfte wie Lehrer und Erzieher wenden sich an die Fachstelle, wenn sie bei Kindern und Jugendlichen etwas Besorgniserregendes beobachtet haben. Dies lässt sich auf die erfolgreiche Netzwerk-, Sensibilisierungs- und Präventionsarbeit der Fachstelle zurückführen, die sich vor allem an die Multiplikatoren, also an die Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter, richtet.

Wo es die Schweigepflicht zulässt, steht die Fachstelle in enger Kooperation mit dem Jugendamt, um sich über mögliche Hilfen auszutauschen. Dabei geht es um Unterstützungsmöglichkeiten für die Mutter und das Kind sowie um verschiedene Betreuungsformen.

Schwer nachzuweisen

„Der Schutz des Kindes geht über alles“, sagt Heine. Natürlich könnte die Mutter eine Anzeige wegen Kindeswohlgefährdung erstatten, doch wird sie damit wenig Erfolg beim Richter haben. Denn sexuelle Gewalt, also jede sexuelle Handlung an oder vor einem Kind bzw. Jugendlichen, die entgegen dessen Willen vorgenommen wird, lässt sich nur schwer bis gar nicht nachweisen. Aus polizeilicher Sicht braucht eine Straftat Beweise, um diese belegen zu können. Sexuelle Übergriffe hinterlassen aber beim Kind kaum Spuren, die gesichert werden können. Heine rät daher davon ab, zuerst zur Polizei zu gehen und sich danach beraten zu lassen. „Schnellschüsse sind von Nachteil. Der Schutz des Kindes ist dann nicht mehr gegeben.“ Bei einem Ermittlungsverfahren werde das Kind, so vermutet Heine, vielleicht dann gar nichts mehr sagen. Zu sehr sei es eingeschüchtert. Das Verfahren werde eingestellt und somit würden viele Anzeigen im Nichts enden.

Ein sechsjähriges Kind sagt in seinem Kindergarten zur Erzieherin, dass der Papa es im Intimbereich streicheln und dabei ganz arg schnaufen würde, erzählt Heine. Was tun? Zunächst einmal gebe es eine Fallberatung vor Ort. Es sei immer wichtig, Informationen zu sammeln. Im Gespräch mit der Mutter kristallisiere sich dann meistens heraus, ob sie in der Lage ist, ihr Kind zu beschützen oder nicht. Doch mit der Aussage des Kindes befindet sich die Mutter in einem Dilemma, wenn der Täter ihr eigener Mann ist. Wem glaubt sie jetzt? Traut sie so etwas ihrem Mann zu? Hat ihre Tochter vielleicht irgendetwas missverstanden oder falsch interpretiert? Heine betont, dass es ganz wichtig sei, dem Kind Glauben zu schenken. „Das ist das oberste Gebot.“

Lösung muss gut geplant sein

Es sei dagegen keinem geholfen, wenn die Mutter den Täter zur Rede stellt. „Die Entlarvung nützt dem Kind wenig“, weiß Heine. Denn dann setze der Vater zum Beispiel das Kind unter Druck, sagt: „Du bist schuld, wenn wir uns trennen.“ Planvolle Aktionen seien hier zielführender. Doch es gibt keine Schablone, die man auf alle Fälle eins zu eins übertragen kann. Jeder Fall und jede Maßnahme sind individuell. Die Mutter könnte ihre Sachen packen, mit dem Kind ausziehen und das alleinige Sorgerecht beantragen, falls sie es schafft, sich von ihrem Mann zu trennen. Doch nicht immer tritt der Idealfall ein. Nicht immer hat die Mutter den Mut dazu, eine Veränderung zuzulassen, da sie in einer Ambivalenz zwischen ihrem Kind und ihrem Mann steckt. Am Ende glaubt sie ihrem Mann mehr als dem Kind, auch, weil vielleicht die Aussage des Kindes nicht kräftig genug war, um zu handeln.

Wenn der Papa das zwölfjährige Kind immer duschen will, dann hilft es vielleicht auch schon, Regeln aufzustellen. Dadurch könne man laut der Heilpädagogin Nähe und Distanz besser regulieren. Im Gespräch mit der Mutter kommen vielleicht weitere Indizien, Vorkommnisse, die in Vergessenheit geraten sind, ans Licht, die die Aussage des Kindes belegen. Es gibt aber auch eindeutige Aussagen, schildert Heine, wie „Der Papa fasst mich an der Scheide an. Ich soll an seinem Penis reiben“. Nicht eindeutige Aussagen sind dagegen Sätze wie „Der Papa kommt abends und streichelt mir den Po und den Rücken“. „Man bewegt sich immer auf Glatteis“, sagt Heine. Denn vielleicht ist an der Aussage des Kindes auch gar nichts dran. Um das zu überprüfen, müsse man erst viele „kleine Steinchen sammeln“ und diese später in einem Mosaik zusammenfügen, bis sich ein Gesamtbild ergibt.

75 Prozent der Täter kommen aus dem nahen sozialen Umfeld eines Kindes, also aus den eigenen Reihen der Familie, aber auch aus dem Bekanntenkreis. So kann der Täter auch mal der Trainer, der Nachbar oder sogar der Opa sein. „Das sind durchaus sehr smarte Männer, die häufig sozial gut eingebunden sind“, weiß Heine. „Die Personen gehen sorgfältig vor, um eine enge Beziehung zum Kind aufzubauen.“ Sie spüren verletzliche Kinder auf, die sich in ihrem sozialen Umfeld befinden. Kinder, die daheim wenig Zuwendung bekommen. Scheidungskinder. Kinder, die alles kritiklos hinnehmen. Kinder, die in einer emotionalen Kälte leben. Kinder, die bereits in ihrer Familie mit sexueller Gewalt aufwachsen oder Kinder, die wiederum wenig über Sexualität wissen. Sexuelle Gewalt gibt es in allen Gesellschaftsschichten.

Keine „schrägen Vögel“

Die Täter, die in den allermeisten Fällen Wiederholungstäter sind, ziehen die Kinder in ihren Bann und geben ihnen die Nähe, die sie daheim nicht bekommen. Die Kinder werden von ihnen mit Aufmerksamkeit und Geschenken überhäuft. Sie greifen nach diesem Anker, der ihnen Halt und Geborgenheit verspricht. Dabei haben die Täter manchmal selbst eine schlechte Kindheit erlebt und versuchen diese, durch das Ausnutzen von Vertrauen und Ausüben von Macht irgendwie zu kompensieren. Beim sexuellen Missbrauch gehe es laut Heine in den seltensten Fällen um die sexuelle Befriedigung. Die Pädophilen machen nur einen geringen Prozentsatz aus. Das Gros der Täter suche nach einem Machterlebnis. Dem Klischee, dass die Täter „schräge Vögel“ sind, kann Heine nicht zustimmen. Es können genauso gut Familienväter sein, die im Einfamilienhaus wohnen und ein ganz normales Sexualleben führen. 80 bis 90 Prozent der Täter sind männlich. Dagegen sind die Opfer sexueller Gewalt überwiegend Mädchen.

Auch wenn man die Täter kaum strafrechtlich belangen kann, haben sie bei ihren Opfern zumeist großen seelischen Schaden angerichtet. Ob ein Kind traumatisiert ist, hänge davon ab, wie die Eltern mit dem Thema umgehen und wie das Umfeld auf das Geschehene reagiert. Die Eltern beispielsweise seien auch ganz oft selbst verzweifelt und können dem Kind nicht die benötigte Aufmerksamkeit schenken. Das Kind müsse aber stabilisiert und sein Selbstbewusstsein gestärkt werden. „Die Eltern zu begleiten, ist ganz wesentlich“, sagt Heine. Im Schnitt (bezogen auf ein Berichtsjahr) nehmen die Angehörigen rund vier Termine wahr. Das reiche meistens schon aus, um kleine Weichenstellungen durchzuführen, die eine erste Entlastung herbeirufen. Der Hauptteil der Betroffenen sind in einem vorpubertären Alter (bis zwölf Jahre). Doch das Alter allein bestimmt nicht das Ausmaß der Schädigung. Das hänge neben der eigenen psychischen Widerstandskraft vielmehr von der Dauer, der Häufigkeit und der Intensität der Übergriffe ab, aber auch, wie eng die Beziehung zum Täter war. Danach richtet sich die Schwere des Traumas – und wie lange die Kinder und Jugendliche brauchen, um wieder ins Leben zu finden.

Julia Böcken

Info: Für die Arbeit der Fachstelle ganz wichtig ist die geltende Schweigepflicht. Die Beratung ist vertraulich und nicht mit einer Anzeigepflicht verbunden. Alle Bewohner des Landkreises können das Angebot kostenfrei in Anspruch nehmen, auf Wunsch auch anonym. Jugendliche können sich auch ohne Wissen der Eltern beraten lassen. Erreichbar ist die Fachstelle unter der Tel. 0160/ 92345428 und per E-Mail an fachstelle.unterallgaeu@kjf-kjh.de.

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