„Wer so etwas auf dem Handy hat, macht sich strafbar“

Fälle von Kinder- und Jugendpornografie steigen im Unterallgäu sprunghaft an

Kinderpornografie Unterallgäu
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Immer häufiger hat die Polizei im Landkreis mit Fällen von Kinder- oder Jugendpornografie zu tun. Grund dafür ist offenbar, dass ohne nachzudenken derartige Bilder und Videos per Handy weitergeschickt werden – was bereits eine Straftat darstellt. (Symbolfoto)
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Unterallgäu – „Das raubt dir ja fast den Atem“, erklärt Bad Wörishofens Polizeichef Thomas Maier, als er aufs sensible Thema „Kinderpornografie“ zu sprechen kommt. Immer häufiger muss die Polizei im Landkreis derartigen Fällen nachgehen, meistens wegen unachtsam mit dem Smartphone weitergeleiteten Bildern oder Videos. Die Polizei appelliert nicht nur an mehr Eigenverantwortung in der Bürgerschaft, sondern will sich ganz gezielt einsetzen, um die deutlich ansteigenden Fallzahlen umzukehren.

Denn das Horrorszenario vom verqueren Eigenbrötler, der sich vor dem PC im dunklen Kellerzimmer mit verbotenem Videomaterial vergnügt, ist längst nicht mehr der Zahlentreiber in Sachen Kinderpornografie. Bei der Bad Wörishofer Polizei war der Bereich „Sexualdelikte“ zuletzt von 16 Fällen 2019 auf 32 Fälle 2020 angewachsen – überwiegend wegen Handyfotos oder -videos, die sorglos weiterverbreitet werden, ohne sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein. „Ein Katzenbild ist ein Katzenbild und ein nacktes Kind ist ein nacktes Kind“, verdeutlicht Maier, für den es an solchen Videos rein gar „nichts zu verniedlichen“ gebe. „Für jedes dieser Videos hat irgendein Kind irgendwas machen müssen“, so der Bad Wörishofer Polizeichef.

Dass nicht nur in seinem Dienstbereich, sondern in der ganzen Region eine gewisse „Gedankenlosigkeit“ herrscht und „Zeug rumgeschickt“ wird, wie Maier sagt, bestätigt ein Blick auf die Zahlen: Wie Stefanie Kraatz, Hauptkommissarin beim Polizeipräsidium Schwaben Süd/West aufklärt, stiegen die Fallzahlen bei Kinderpornografie im Präsidiumsbereich in den letzten beiden Jahren von 65 (2018) über 104 (2019) auf zuletzt 237 Fälle jährlich. Noch krasser ist das Wachstum im Landkreis Unterallgäu, wo sich die Fallzahlen seit 2018 (9) mehr als verfünffacht haben.

„Unreflektierter Umgang“

Auf die Frage, woher der starke Anstieg rührt, antwortet Kraatz: „Auswertungen belegen, dass die starken Zunahmen überwiegend darauf beruhen, dass sowohl das Tatmittel Internet zunimmt, als auch das Alter der Tatverdächtigen stetig abnimmt. Hier sind keine pädophilen Netzwerke ursächlich, sondern ein zu unreflektierter Umgang mit dem Smartphone unter Jugendlichen.“ Dabei gehe es nicht nur um Bildmaterial, das mittels sexuellem Missbrauch entstanden sei, so Kraatz, sondern auch um „freiwillige, selbstgefertigte Aufnahmen“ durch Minderjährige, die gleichermaßen verboten sind.

Was genau verboten ist, regelt in Deutschland Paragraf 184b des Strafgesetzbuches. Dort heißt es unter anderem: „Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer einen kinderpornographischen Inhalt verbreitet oder der Öffentlichkeit zugänglich macht.“ Dabei bezieht sich der Gesetzestext auf „sexuelle Handlungen von, an oder vor einer Person unter vierzehn Jahren“. Handelt es sich bei der Person auf dem pornografischen Bild oder Video um eine/n Jugendliche/n zwischen 14 und 18 Jahren, sieht das Strafgesetzbuch eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe vor.

„Wer so etwas auf dem Rechner oder dem Handy hat, der hat sich schon strafbar gemacht.“

Bad Wörishofens Polizeichef Thomas Maier

Auch sogenannte „Posing“-Bilder, bei denen Kinder leicht bekleidet und in aufreizender Körperhaltung zu sehen sind, verbietet das deutsche Gesetz seit 2015 ausnahmslos – was übrigens in vielen anderen Ländern noch nicht der Fall ist. Und um sich strafbar zu machen, müsse man das Bildmaterial nicht mal selbst produziert haben, wie Bad Wörishofens Polizeichef Maier erklärt. „Wer etwas auf dem Rechner oder dem Handy hat, der hat sich schon strafbar gemacht.“ Das gelte übrigens auch, wenn solches Bildmaterial in größeren Whatsapp-Gruppen geteilt werde. „Wenn man normal erzogen ist und so ein Foto sieht, löst es in der Regel schon ein ungutes Gefühl aus. Wer so etwas bekommt, sollte sich blitzartig bei uns melden und nicht erst in einem Jahr“, fordert Maier.

Weil es häufig Jugendliche sind, die laut Maier „teilweise blind und verantwortungslos“ kinder- bzw. jugendpornografische Inhalte weiterschicken, will die Polizei auch an den Schulen mit Aufklärungsprogrammen helfen. Und auch die Eltern bittet der Wörishofer Polizeichef, ihre (jugendlichen) Kinder über die Konsequenzen solcher Bilder und Videos aufzuklären. Denn: „Wenn die Kontaktdaten an die Oberfläche schwimmen, steht die Polizei vor der Tür. Viele sind dann erstmal überrascht aber wissen auch, warum“, so Maier.

Wohnungen durchsucht

Im Übrigen ist es noch gar nicht so lange her, dass die Polizei in der Region im großen Stil mutmaßlich mit Kinder- bzw. Jugendpornografie durchseuchtes Beweismaterial beschlagnahmt hat: Insgesamt acht Wohnungen in Memmingen und dem Unterallgäu wurden Ende März nach Beweisen durchsucht. Der Tatvorwurf gegen die Männer im Alter von 15 bis 52 Jahren umfasst zum einen die Verbreitung kinder- beziehungsweise jugendpornografischen Materials über das Internet. In den anderen Fällen besteht der Verdacht des Besitzes inkriminierter Bilder und Filmaufzeichnungen. In den Wohnungen der Männer beschlagnahmten die Ermittler unter anderem Handys, Laptops und Computer. Die Geräte sollten anschließend von Experten für Digitale Forensik ausgewertet werden. Ob dabei tatsächlich verbotenes pornografisches Material gefunden wurde, dazu erklärt die zuständige Staatsanwaltschaft Memmingen gut zwei Wochen nach der Durchsuchung, man sei immer noch dabei, Dateien zu sichten und auszuwerten. „Ob und in welchem Umfang kinderpornografische Inhalte festgestellt werden, kann erst nach dieser Auswertung gesagt werden“, so der Leitende Oberstaatsanwalt Dr. Christoph Ebert auf Nachfrage.

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