»Traurig, dass wir uns damit beschäftigen müssen«

Gaffer-Problem: Mindelheimer Feuerwehr schützt Unfallopfer mit Sichtschutzwand

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Mindelheims Feuerwehrkommandant Stephan Jäckle stellte zuletzt die neue Sichtschutzwand vor, mit der die Einsatzkräfte künftig neugierige Blicke und Handyvideos verhindern wollen.

Mindelheim – Wenn ein Autofahrer nach einem Unfall aus seinem Wrack herausgeschnitten werden muss oder gar noch Schlimmeres die Crash-Folge war, ergeben sich teils grausige Bilder – Bilder, die häufig auch von Gaffern mit dem Smartphone festgehalten werden. Dieses Vorgehen ist nicht nur vielen Bürgern unerklärlich und wirft die Frage nach Anstand und Pietät auf, sondern stellt auch die Einsatzkräfte vor besondere Herausforderungen – sie können ihren Hauptaufgaben, der Versorgung der Verletzten sowie dem Räumen der Straße nur noch eingeschränkt nachgehen, wenn sie von sensationslüsternen Zuschauern behindert werden. Dem will die Mindelheimer Feuerwehr nun ein Ende bereiten: Sie ist seit letzter Woche im Besitz einer Sichtschutzwand, die künftig um ein Unfallfahrzeug herum aufgebaut werden könnte und Gaffer fernhält.

Der jüngste Extremfall, bei dem die Arbeit der Einsatzkräfte von rund 40 Zuschauern begleitet wurde, liegt erst wenige Wochen zurück: Ende Mai war eine 80-jährige Frau am Mindelheimer Europabrunnen frontal in einen Baum gekracht, sie hatte kurz zuvor einen Schwächeanfall erlitten. Während der Kreisverkehr für rund eine Stunde gesperrt war, hatten Polizei und Rettungskräfte aber vor allem mit einigen Schaulustigen zu kämpfen. „Die Kräfte der Feuerwehr und der Polizei waren teilweise mehr damit beschäftigt, Gaffer von der Unfallstelle fernzuhalten, als ihrer eigentlichen Aufgabe nachzugehen“, war damals im Bericht der Mindelheimer Polizei zu lesen. Zudem seien einige Personen beobachtet worden, wie sie Handyvideos von der Rettung der 80-Jährigen gemacht hätten. Das sei laut Polizei nicht nur „moralisch verwerflich“ sondern im Falle einer Veröffentlichung sogar strafbar und werde verfolgt.

Bei stillen Beobachtern oder Knipsern ohne Veröffentlichung sei die Polizei aber machtlos, wie Mindelheims Polizeichef Gerhard Zielbauer im Gespräch mit dem Wochen KURIER sagt. Denn die Beamten seien vor Ort, um „den Unfall aufzunehmen“ und die Straße wieder möglichst schnell für den Verkehr freizugeben. Einen Kollegen abzustellen, der mit einem Klingelbeutel durch die Gaffer-Menge geht und Strafgelder abkassiert, sei deshalb unmöglich. Was aber geahndet werde, sei das Fotografieren aus dem Auto heraus: Wer an einem Unfallort im Vorbeifahren das Handy zückt, muss mit einer Strafe von 100 Euro und einem Punkt in Flensburg rechnen.

Erst in Not, dann im Internet?

Zielbauer appelliert vor allem an die Vernunft der Menschen. „Jeder soll sich mal überlegen, dass er auch selbst davon betroffen sein könnte“ – oder sein Kind, die Eltern oder Bekannte. Ob man diese dann in ihrer schlimmen Notlage in einem Internetvideo sehen will? „Die Motivlage erschließt sich mir nicht“, sagt Zielbauer. Und das Gaffer-Problem sowie die „Sensationslust“ würden immer weiter zunehmen. „Eine Uniform erzeugt immer Aufmerksamkeit“, so die Erklärung des Polizeichefs.

Diese trägt auch Mindelheims Feuerwehrkommandant Stephan Jäckle. Er sieht das Problem rund um die Schaulustigen vor allem bei Einsätzen auf der Autobahn, dort sei es „teilweise schlimm“. Seine Feuerwehr reagierte nun und beschaffte eine acht Meter lange Sichtschutzwand, bestehend aus vier Elementen. Jedes einzelne wird von Fieberglasstangen zusammengehalten – ähnlich wie bei einem Zelt – und ist mit weiß-rotem Kunststoff überspannt. Der Auf- und Abbau geht blitzschnell: Etwa zwei Minuten dauert es, dann hat Jäckle die „Zelte“ wieder eingeklappt und in einer kleinen Tasche verstaut. Diese liegt künftig immer im Feuerwehr-Kombi bereit, sodass die insgesamt 333 Euro teure Vorrichtung immer bei Einsätzen verfügbar wäre. „Trotzdem ist es traurig, dass wir uns überhaupt damit beschäftigen müssen“, sagt Jäckle. Wirklich standfest ist die Wand aber nicht, wenn der Wind hineinbläst. Deshalb müsste sie an der Unterseite beschwert werden – entweder mit Sandsäcken oder etwas anderem. „Feuerwehrler sind Praktiker“, sagt Jäckle, man werde da auch spontan eine gute Lösung finden.

Reaktion auf Pfeiffer

Blick nach Landsberg: Dort kam bei einem Unfall auf der A96 ein aufblasbarer Sichtschutz erstmals zum Einsatz.

Auch im benachbarten Landsberg war man zuletzt intensiv auf der Suche danach, wie man Gaffern begegnen könnte – auch als Reaktion auf die Aktion des inzwischen berühmten Polizisten Stefan Pfeiffer, der nach einem Unfall mit Todesfolge Gaffer aufgefordert hatte, die Leiche zu besichtigen. Angenommen wurde sein Angebot nicht. „Pfeiffer würde ich gerne ein Jahr lang den Rasen mähen“, sagt der Landsberger Abschleppunternehmer Michael Kemény dankbar. Denn der Anklang von Pfeiffers Aktion in der Öffentlichkeit helfe, dass das Thema „Gaffer verhindern“ wieder in den Fokus rückt. Und damit auch eine Lösung, die der Unternehmer für das Problem bereithält: Denn seit eineinhalb Jahren hat Kemény eine aufblasbare Sichtschutzwand: leicht, in jedem Kofferraum transportabel, stabil. Aber er habe sich mit ihrem Einsatz schwergetan: Bis vor Kurzem lag sie ungenutzt im Lager. Erst am 3. Juni kam sie auf die Straße, als auf der A96 ein LKW umkippte. Dessen Fahrer wurde zum Glück nur leicht verletzt. Bilder für die Gaffer lieferten hingegen der gekippte LKW und die 80 Kubikmeter Holzspäne, die sich auf der Fahrbahn verteilten. Der Fahrer eines Sattelschleppers und ein Pkw-Fahrer zückten sogleich Handys und filmten beim Passieren der Unfallstelle den Unfallort. Weshalb die Polizei Keménys Sichtschutz anforderte – der „erste Testlauf“, die Premiere. „Und die hat voll eingeschlagen“, berichtet der Landsberger.

Gaffer machen aber auch vor menschlichen Opfern nicht halt. „Das ist doch pervers“, sagt der Landsberger, weshalb er versuche, Körper abzuschirmen. Zum Beispiel mittels einer aufgespannten Decke. Aber wirklich effektiv sei das nicht. Denn die Helfer vor Ort sollen helfen – und nicht Decken spannen. Um den Einsatz seiner Wand zu propagieren, hat sich Kemény mit Polizei und Feuerwehr aus dem Landkreis getroffen. Vorerst werde man dort aber keine dieser Wände anschaffen. Zum einen sei da der Preis: 3.500 Euro. Auch praktikable Gründe sprechen gegen eine Anschaffung – denn dann müsste man garantieren, dass gerade das Fahrzeug im Einsatz ist, das die Wand im Kofferraum hat.

Marco Tobisch/Susanne Greiner

Der Kommentar zum Thema von Marco Tobisch: "Jeder der 333 Euro ist zu viel"

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