Die Raserei in den Griff kriegen

Gemeinderat: Bekommt Ettringen bald 30er-Zonen?

+
Am Kindergarten St. Martin steht nur ein Schild mit einem Ausrufezeichen, das auf eine Gefahrenstelle hinweist. Ein 30er-Schild würde aber mehr Sinn machen, meint Polizeichef Thomas Maier.

Ettringen – „Ettringen hat keinerlei Dinge zu befürchten“, beruhigte Polizeihauptkommissar der Polizeiinspektion (PI) Bad Wörishofen, Thomas Maier, vorab die Ettringer Gemeinderäte, als er über die Verkehrs- und Kriminalstatistik in deren Gebiet berichtete. Obwohl es keine Auffälligkeiten gab, wollte Ettringens Bürgermeister Robert Sturm von Maier wissen, ob ein Tempo 30 im Ort Sinn mache. Auf jeden Fall, meinte der Polizeichef.

„Man merkt, dass man auf dem Land draußen ist“, sagte Maier, denn hier sei die Welt noch in Ordnung, obwohl es mit 72 Straftaten letztes Jahr 28 mehr gab als noch 2018. Aber das hänge mit der Cyber-Kriminalität zusammen, erklärte Maier, bei der man keine Möglichkeit hätte, einzugreifen. Erfreulich sei aber die Aufklärungsquote, die mit 73,8 Prozent über der „magischen Grenze“ von 70 Prozent im Polizeipräsidium Schwaben Süd/West liege.

Auch die Häufigkeitszahl (Anzahl der Straftaten gerechnet auf 100.000 Einwohner) kann sich in Ettringen sehen lassen, denn diese liegt bei 2.097. Zum Vergleich: Bad Wörishofen kommt auf 2.736. Man sei sicher in Bayern, noch sicherer im Unterallgäu und fast schon am sichersten in Ettringen, schmunzelte der Inspektionsleiter. 2019 wurden neun Personen mit Rauschgift erwischt. Diese Zahl gehe im Dienstbereich der PI Bad Wörishofen aber allgemein nach oben, meinte Maier. „Bei jeder fünften Kontrolle kommt was raus.“ Natürlich hängen die Funde – letztes Jahr verzeichnete die PI Bad Wörishofen um die 100 Rauschgiftdelikte – auch mit der Häufigkeit der Kontrollen zusammen. Fakt ist aber, dass mittlerweile mehr Verkehrsunfälle unter Drogen- oder Alkoholeinfluss passieren.

„Was können wir als Gemeinde gegen diese Unsitte tun?“, wollte Sturm wissen. Maier stellte die Frage: „Wo machen wir Prävention? Machen wir sie dort, wo es wehtut oder wo es nicht wehtut?“ Und beantwortete sie gleich: „Wir machen sie häufig dort, wo es nicht wehtut.“ Stattdessen solle man lieber Brennpunkte suchen, wo sich Jugendliche vermehrt aufhalten – und das sei bestimmt nicht der Info­stand auf dem Wochenmarkt. „Es bringt nichts, im Rat über das Thema zu reden.“

Das Fatale beim Rauschgift sei der soziale Abstieg. „Die wenigsten haben das im Griff.“ Hilfe und Ideen könne man sich von anderen Städten wie Memmingen holen. Aber auch das Landratsamt wäre ein guter Ansprechpartner. Ettringen sei aber kein „Rauschgiftnest“, weiß der Polizeichef. Jan Sobczyk (CSU) warf ein, dass Ettringen ein Jugendzentrum mit einer aktiven Vorstandschaft hätte und man diese mit einbinden könnte. „Eine gute Idee“, wie Maier findet. Er versicherte jedoch, dass in Ettringen alles noch „im grünen Bereich“ sei – auch, was die Verkehrsunfälle betrifft.

Unfallflucht zwecklos

Wenn es mal auf Ettringens Straßen gekracht hat, dann war meistens ein Tier involviert. Von den 85 Unfällen letztes Jahr sind 59 Kollisionen durch Wild verursacht worden. 23 Verkehrsunfälle gab es, davon sechs mit einem Personenschaden. Tote oder Schwerverletzte gab es glücklicherweise keine. „Wir haben keine Raserstrecken“ im Dienstbereich der PI Bad Wörishofen, weiß Maier. Wenn es mal zu einem Zusammenstoß kommt, dann bringe es nichts, vom Unfall­ort zu flüchten. „Wir haben eine hohe Aufklärungsquote von über 60 Prozent.“ Deswegen sei die Zahl der Unfallfluchten so niedrig.

Trotz der niedrigen Unfallzahl, war es Sturm ein Anliegen, das Tempo 30 im Ort anzusprechen. Bis jetzt konnte sich der Gemeinderat noch nicht dazu durchringen, eine 30er-Zone einzuführen. Maier zu diesem Thema: „Die 30 bringen unterm Strich immer etwas.“ Erst seit 1970 gibt es eine Geschwindigkeitsbegrenzung innerhalb geschlossener Ortschaften. Davor gab es laut Maier in Deutschland jährlich weit über 20.000 Verkehrstote, viele davon waren Kinder.

In Ettringen können Autofahrer momentan noch überall 50 km/h fahren. Selbst an der Schule und am Kindergarten gibt es kein 30er-Schild. Lediglich ein Schild mit einem Ausrufezeichen ziert den Straßenrand am Kindergarten. Doch Maier erklärte den Räten, dass dieses Ausrufezeichen nur auf eine Gefahrenstelle hinweise, man aber nicht zwingend langsamer fahren muss. Daher empfiehlt er, das Ausrufezeichen vor der Kita zu entfernen. Ein 30er-Schild wäre aber für den Bürgermeister ebenfalls die falsche Wahl, da er 30 km/h vor dem Kindergarten definitiv zu schnell findet. Vor einem Kindergarten, einer Schule oder einem Seniorenheim seien 30er-Schilder durchaus gerechtfertigt und werden auch empfohlen, so Maier. Auf anderen Streckenabschnitten Tempo 30 einzuführen, sei dagegen nur in begründeten Fällen erlaubt, wenn dort zum Beispiel ein Unfallschwerpunkt wäre. Dies ist in Ettringen aber nicht der Fall.

Was in Ettringen aber möglich wäre, seien 30er-Zonen im gesamten Gebiet, vor allem aber in Siedlungen, so Maier. Ausgeschlossen wären das Gewerbegebiet und Areale mit viel Produktionsverkehr. Probleme mit den Anwohnern könne es aber trotzdem geben: Die Anlieger müssen sich bewusst sein, dass in der gesamten 30er-Zone die Vorfahrt aufgehoben wird und das Gebot „rechts vor links“ herrscht. Zudem müssten gegebenenfalls ein paar Hecken zurückgeschnitten werden, wenn diese die Einsicht behindern. Man könne den Verkehr aber auch natürlich abbremsen, indem man Fahrzeuge am Straßenrand parken lässt – wovon Sturm aber wenig hält. In engen Straßen hätte er am liebsten schon längst Halteverbotsschilder aufgestellt, würden diese nicht 10.000 Euro kosten. „Mit Halteverbotsschilder würden sie [die Autofahrer] wieder Wettrennen fahren“, hielt Maier dagegen.

Bevor man 30er-Zonen oder Spielstraßen in Wohngebieten ausweist, findet vorab eine Ortsbegehung mit der Polizei statt, erklärte Maier das Vorgehen. Als Pilotsiedlung empfiehlt Maier die Siedlung östlich der Wertach, unterhalb des Industriegebietes. Sturm erläuterte, dass es 40 Stellen im Ort gebe, die für ihn ein Dorn im Auge sind, haben doch manche Anwohner hohe Zäune im Garten stehen, die die Sicht gefährden. „Verkehrssicherheit geht vor“, sagte Maier. „Die Sicht muss gegeben sein.“ Ist dies nicht der Fall, zählt das als verkehrsrechtliche Widrigkeit.

Überwachung schwierig

Die Geschwindigkeit in einer 30er-Zone könne aber von der Polizei kaum überwacht werden. „Da würden wir uns dezent rausnehmen“, so Maier. Die Polizei hätte dafür keine Zeit, denn sie muss zu 80 Prozent den Verkehr außerorts überwachen, da dort vermehrt schwere Unfälle passieren. Die Gemeinde könne aber einen Raserkasten aufstellen, um die Geschwindigkeit im Auge zu behalten.

Was nicht gehen würde, ist das Ortsschild weiter nach vorne zu versetzen, damit die Autofahrer schon früher abbremsen. Das Schild müsse an der Bebauungsgrenze stehen, sagte Maier. „Mit viel Betteln und Weißwurst“ habe man es in einigen Fällen schon geschafft, das Ortsschild zehn Meter weiter nach außen zu verschieben, aber das seien Ausnahmefälle.

Sturm setzt auf mobile Geschwindkeitsanzeigen, bei denen man die Messdaten sammeln und auswerten kann. „Ich persönlich bin der Meinung, dass so etwas an jeder Ortseinfahrt hingehört.“ Die Messanzeigen bewirken bei den Autofahrern, dass diese abbremsen, wenn sie sehen, dass sie zu schnell unterwegs sind. 

jb

Auch interessant

Meistgelesen

Mindelheimer Nordsee: 37-Jähriger klaut Kindern die Kleidung
Mindelheimer Nordsee: 37-Jähriger klaut Kindern die Kleidung
Sommerpartys: Polizei klappert am Wochenende massenhaft Ruhestörer ab
Sommerpartys: Polizei klappert am Wochenende massenhaft Ruhestörer ab
Bauarbeiten abgeschlossen: Wind-Fried wacht jetzt in Wörishofens Gartenstadt
Bauarbeiten abgeschlossen: Wind-Fried wacht jetzt in Wörishofens Gartenstadt
Ohne Herzogfest: Was hinter dem "Ochsen-Drive-In" der Türkheimer Feuerwehr steckt
Ohne Herzogfest: Was hinter dem "Ochsen-Drive-In" der Türkheimer Feuerwehr steckt

Kommentare