Nach Vorwürfen der Bad Wörishofer Stadtspitze

Gesundheitsamt wehrt sich nach „Schlag ins Gesicht“

Corona Drive In Test
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Von März bis November letzten Jahres war der Drive-In in Mindelheim zentrale Anlaufstelle für Corona-Tests im Unterallgäu. Ein flächendeckendes Schnelltestangebot, bei dem sich auch Bürger ohne Symtome mindestens einmal pro Woche kostenlos testen lassen können, hat die Regierung erst Anfang März in die Wege geleitet. Auch im Unterallgäu wächst das Angebot seither stetig.
  • Marco Tobisch
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Bad Wörishofen/Unterallgäu – Zu spätes Handeln bei der Einrichtung von Schnellteststationen und zu wenig Unterstützung für Städte und Gemeinden – unter anderem das werfen die Oberhäupter der Stadt Bad Wörishofen dem Unterallgäuer Gesundheitsamt vor. Die Behörde setzt sich zur Wehr, Landrat Alex Eder spricht sogar von einem „Schlag ins Gesicht“.

„Jeden Tag bedenklich hohe Werte der Inzidenzen nagen an den Nerven der Menschen“, schreibt die Bad Wörishofer Stadtspitze, die die wachsende Ungeduld von Bürgern und Gastronomen offenbar immer mehr zu spüren bekommt. Wie Bürgermeister Stefan Welzel erklärt, dränge das eine Lager auf Öffnungen, während das andere den Fokus darauf lege, „alle Kraftanstrengung dafür zu verwenden, Infektionsketten zu unterbrechen“. Welzel meint – und das auch im Einklang mit seinen Bürgermeister-Kollegen Daniel Pflügl und Michaela Bahle-Schmid: „Das macht auch Sinn, weil von der Teststrategie die Öffnung von Einzelhandel und Gastronomie abhängig ist.“

Wie die Schnellteststrategie im Unterallgäu umgesetzt wird, daran äußern die Kneippstadt-Bürgermeister allerdings deutliche Kritik: „Bereits mit Schreiben vom 19. August 2020 hatten die Ministerien für Inneres und für Gesundheit die Landratsämter aufgefordert, für ein ausreichend flächendeckendes Testangebot bis zum Ende der Sommerferien 2020 zu sorgen. Doch was ist im Unterallgäu seither passiert? Bis heute klaffen große Lücken, was Testangebote im Landkreis angeht“, heißt es aus Bad Wörishofen. Tatsächlich ist in dem Schreiben der Staatsregierung, das auch dem Wochen KURIER vorliegt, die Rede von einem flächendeckenden Test­angebot für alle Landkreis-Bürger, gefordert wird vom Landratsamt dabei aber nur ein einziges Testzentrum. Wörtlich hieß es im August: „Im Falle einer etwaigen zweiten Infektionswelle“ sei durch „geeignete Maßnahmen sicherzustellen, dass ein lokales Testzentrum bei entsprechendem Bedarf kurzfristig wieder reaktiviert beziehungsweise neu etabliert werden kann“.

Und dieses, darauf verweist nun das Landratsamt, habe man schließlich schon Monate zuvor in Mindelheim samt Drive-In eingerichtet. „Flächendeckend Teststationen mit Schnelltests im gesamten Landkreis aufzubauen, war damals noch gar nicht möglich. Die Schnelltests waren erst viel später für die Öffentlichkeit verfügbar und erst seit März dieses Jahres hat das Gesundheitsamt die Möglichkeit, Dritte mit der Abnahme der Schnelltests zu beauftragen“, heißt es zudem in der Reaktion des Landratsamtes. Auch hier habe das Amt schnell gehandelt und bereits drei Tage vor Inkrafttreten der neuen Verordnung alle Apotheken angeschrieben und um die Abnahme der Tests gebeten, sobald dies möglich ist. Seit März wird das Testangebot ausgebaut. „Mit 33 Teststationen ist das Unterallgäu bereits jetzt gut aufgestellt“, so Landratsamt-Pressesprecherin Sylvia Rustler. Schon bald sollen es 40 Teststationen für „ein nahezu flächendeckendes Testangebot“ im Unterallgäu sein.

Viel Arbeit für die Stadtverwaltung

Doch die drei Bad Wörishofer Bürgermeister monieren nicht nur Versäumnisse beim Test­angebot, sondern werfen dem Amt auch mangelnde Unterstützung bei der Einrichtung des Testangebotes vor. „Die Teststationen, für die jetzt getrommelt wird, sind in Bad Wörishofen ausschließlich durch private Initiative und durch die Stadt Bad Wörishofen entstanden“, so Welzel. Wirtschaftsförderer Tim Hentrich, der für die Einrichtung des Testzentrums an der Wörishofer Eishalle mitverantwortlich war, ergänzt: „Da hängt viel Arbeit drin, angefangen von der Logistik, dem Aufbau der Test-Infrastruktur, Telefondienst und vielem mehr.“

Und obwohl Bad Wörishofen seine Hausaufgaben gemacht habe, wie die drei Rathauschefs in der jüngsten Pressemitteilung betonen, sei die Infektionslage weiter „diffus“. Diese Einschätzung hatte kürzlich Landrat Alex Eder im Kreistag geteilt, was aus Sicht der Wörishofer Bürgermeister „nichts anderes bedeutet, als dass die Infektionswege nicht mehr nachvollzogen werden können“ und die Frage aufwerfe, „ob es den Menschen im Landkreis möglicherweise zu schwer und umständlich gemacht wird, sich vorsorglich schnell mal testen zu lassen“. Welzel schreibt in diesem Zusammenhang auch, dass der Inzidenzwert seiner Stadt in den letzten zwei Monaten teils deutlich unter dem Landkreisschnitt gelegen habe. „Muss jetzt also die Wiedereröffnung der Bad Wörishofer Gastronomie wegen fehlender landkreisweiter Test­angebote und dem Umstand, dass das Gesundheitsamt – nach eigenem Bekunden – das Infektionsgeschehen nicht mehr eingrenzen kann, auf unbestimmte Zeit verschoben werden?“, fragt Stefan Welzel.

Worte, die im Landratsamt auf großes Unverständnis stoßen. Pressesprecherin Sylvia Rustler dazu: „Dass das Gesundheitsamt von einer diffusen Infektionslage spricht, bedeutet, dass sich das Infektionsgeschehen nicht klar einem Ausbruchsgeschehen zu ordnen lässt, sondern dass es viele, auch kleinere Infektionsherde gibt. Das heißt aber nicht, dass die Infektionswege nicht mehr nachvollzogen werden können.“ Vielmehr sei sogar das Gegenteil der Fall – nämlich, dass das Gesundheitsamt die Infektionswege trotz hoher Inzidenz weiter konsequent nachverfolge und alle Kontaktpersonen ermittle, die ein positiv Getesteter angibt. Und das bei Arbeitszeiten von Früh bist Spät inklusive Feiertagen und Wochenenden. „Viele Mitarbeiter haben inzwischen hunderte von Überstunden und sind am Limit“, erklärt auch der Organisationsleiter des Gesundheitsamtes Stefan Drexel. Um die Infektionsketten nachvollziehen zu können, ist das Gesundheitsamt während der Coronazeit von anfangs 20 auf inzwischen 88 Mitarbeiter angewachsen.

Dabei sei man allerdings auch auf die Mithilfe der Bürger angewiesen, sagt Rustler. „Es entsteht leider immer wieder der Eindruck, dass Betroffene nicht alle Kontaktpersonen angeben. Vielleicht aus Angst, dass Kollegen, Familienmitglieder oder Freunde mit in Quarantäne müssen oder weil man sich nicht an die Kontaktbeschränkungen gehalten hat.“

„Enormer Druck“

Auch Behördenchef Alex Eder stellt sich vor seine Mitarbeiter. „Für unser Gesundheitsamt, das seit über einem Jahr unter einem extremen Druck steht und viele Herausforderungen meistert, sind diese unhaltbaren Vorwürfe ein Schlag ins Gesicht“, sagt der Landrat. „Statt erst im Sommer 2020 hatten wir bereits zu Beginn der Pandemie im März ein Testzentrum. Statt großer Lücken haben wir bald ein flächendeckendes Testangebot. Und dank einer starken personellen Aufstockung des Gesundheitsamts schaffen wir es auch, alle angegebenen Kontakte nachzuverfolgen.“

Neben mehr Schnelltestangeboten und Klarheit beim Infektionsgeschehen im Gesundheitsamt stellen die drei Bad Wörishofer Bürgermeister auch Forderungen an die bayerische Landesregierung: Unter anderem brauche es mehr Impfdosen fürs Unterallgäu, eine Öffnung der Außengastronomie und die Öffnung touristischer Bereiche unter klar definierten Schutzkonzepten.

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