Peter Förg von den Unterallgäuer „Uganda-Freunden e.V.“ äußert sich 

Interview: Ist die Dritte Welt durch Corona in Vergessenheit geraten?

Uganda Corona
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Diese Frau, so teilen die Projektpartner der „Uganda-Freunde e.V.“ aus dem Unterallgäu mit, arbeitete vor Corona als Lehrerin. Während der Pandemie muss sie sich anderweitig über Wasser halten.
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Unterallgäu – Seit März drängt Corona viele andere Probleme auf der Erde in den Hintergrund. Auch die Dritte Welt scheint bei manchen in Vergessenheit geraten zu sein, meint Peter Förg im Interview mit dem Wochen KURIER. Er ist Projektleiter bei den „Uganda-Freunden e.V.“ (Sitz: Buxheim), der sich als einer von mehreren Vereinen im Landkreis Unterallgäu für die Weiterentwicklung im ostafrikanischen Binnenstaat einsetzt.

Herr Förg, seit 1989 pflegt Ihr Verein Kontakte nach Uganda, um dort mithilfe von Spendengeldern und viel Engagement Schulprojekte zu entwickeln und soziale Einrichtungen aufzubauen. Können die Kontakte auch in der Coronazeit weiter bestehen?

Förg: „Mit unseren Partnern stehen wir im wöchentlichen Kontakt. Das halte ich für sehr wichtig. Zum einen versucht unser Verein, für die Not leidende Bevölkerung finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen, zum anderen wollen wir unseren Partnern auch unsere Solidarität und Anteilnahme zeigen. Die Einzelschicksale, von denen unsere Projektpartner berichten, sind erschütternd.“

Können Sie uns Beispiele geben?

Förg: „Der Existenzkampf und die Not vieler Menschen bringen unter anderem auch für Kinder und Jugendliche erhebliche negative Folgen mit sich. Unsere Partner sind besorgt über die Zunahme von Kinderarbeit, Vergewaltigungen, frühen Ehen und Schwangerschaften, Drogenmissbrauch und zunehmender Jugendkriminalität.“

Wie schwer ist das Land durch Corona getroffen?

Peter Förg sprach mit dem Wochen KURIER über die Coronasituation in Uganda, wo seine „Uganda-Freunde“ Entwicklungshilfe leisten.

Förg: „Die offiziellen Zahlen sprechen von 39.044 Infizierten und 317 Toten. Ob diese Zahlen repräsentativ sind, darf in Frage gestellt werden. Die Auswirkungen der Pandemie auf das öffentliche Leben sind aber massiv. Durch die Einschränkungen der Ausgangssperren und die Schließung von Geschäften und Kleinbetrieben sind große Teile der Bevölkerung noch mehr verarmt. Eine weitere große Herausforderung ist die Schließung der Schulen. Nach dem Lockdown im März wurde der Schulbetrieb nicht wieder aufgenommen. Obwohl für die Abschlussklassen der Unterricht wieder begonnen hat, gibt es immer noch keinen Termin für den Beginn des Regelunterrichts. Das bedeutet, dass etwa 15 Millionen Kinder und Jugendliche keine schulische Bildung bekommen.“

Inwiefern wirft das die Entwicklung des Landes zurück? Gibt es Homeschooling?

Förg: „Die Schließung der Schulen ist eine Tragödie. Joseph Kiggundu, Präsident der Vereinigung aller privater Bildungseinrichtungen, fordert eine schnelle Wiedereröffnung aller Schulen, damit junge Menschen wieder eine Zukunftsperspektive bekommen. Ob die Eltern das Schulgeld aufbringen können, ist dann noch eine ganz andere Frage. Ein Homeschooling oder ähnliche außerschulische Bildungsmethoden gibt es leider nicht.“

Deutschlands Regierung hat angekündigt, hierzulande bis zum Ende des Sommers dank der Impfungen eine Herdenimmunität herstellen zu wollen. Wann schätzen Sie, wäre so etwas in einem Land wie Uganda realistisch?

Förg: „Wenn ich sehe, wie der Kampf in Europa um Impfdosen eskaliert, sind die realistischen Chancen in Afrika, flächendeckende Impfmaßnahmen umzusetzen, eher gering. Ob eine Herdenimmunität eine Lösung sein kann, werden wohl auch Virologen, vor allem mit den Mutationen des Virus, keine kompetente Vorhersage wagen.“

...zumal die Entwicklung auch von den getroffenen Maßnahmen abhängen dürfte. Was tut die ugandische Regierung zur Eindämmung der Pandemie?

Förg: „Auch in Uganda gelten inzwischen verschiedene Sicherheitsvorkehrungen, zum Beispiel eine Fahrgastbegrenzung in öffentlichen Verkehrsmitteln, das Tragen von Masken, die Vermeidung von größeren Menschenansammlungen und Abstandsregeln. In den Medien und durch die Kommunen wird versucht, die Menschen immer wieder auf diese Hygienemaßnahmen hinzuweisen. Viele dieser Maßnahmen sind aber mit den Lebensgewohnheiten, etwa der Wohnsituation, nur schwer einzuhalten.“

Wie kann sich ein Bürger in einem Land wie Uganda überhaupt gegen das Coronavirus schützen? Desinfektionsmittel und FFP2-Masken dürften wohl nicht ausreichend vorhanden sein.

Förg: „Masken werden selber genäht – Desinfektionsmittel gibt es nur in geringem Maße. Die Schutzmaßnahmen sind sicher nicht mit europäischen Standards zu vergleichen.“

Ist die Hilfe in der Dritten Welt durch Corona in Vergessenheit geraten?

Förg: „Es scheint so. Bundesentwicklungsminister Gerd Müller fordert ein 50-Milliarden Stabilisierungsprogramm für den Kontinent Afrika. Laut Müller könnte die Pandemie in der Subsahararegion das nächste Zentrum der Corona-Pandemie werden mit schätzungsweise 30 Millionen Hungernden und 300.000 Toten. Die Sorge ist aus meiner Sicht berechtigt. Auch in Uganda wissen derzeit viele Familien nicht, wie sie ihre Kinder ernähren sollen.“

Wie kann das Unterallgäu helfen?

Förg: „Die Ugandavereine – im Unterallgäu gibt´s ja mehrere – versuchen mit finanzieller Hilfe, die Schulen zu unterstützen, damit diese die Abschlussklassen und hoffentlich bald wieder alle anderen Kinder unterrichten können. Bei der Verarmung der Bevölkerung wird das eine extrem große Herausforderung sein.“

Was wird vor Ort konkret umgesetzt?

Förg: „Gerade in diesen Tagen beginnt in der Berufsschule unseres Projekts der neue Ausbildungszweig zum Solartechniker. Kindern und Jugendlichen, eine Zukunftsperspektive zu ermöglichen, halten wir für die beste und nachhaltigste Entwicklungshilfe. Wir sind optimistisch, dass unsere langjährige Projektpartnerschaft auch diese Krise überstehen wird.“

Interview: Marco Tobisch

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