"Die Welt steht euch offen, aber nicht zu Füßen"

Joseph-Bernhart-Gymnasium: 40. Abiturjahrgang verabschiedet

+
Vor Kurzem feierte der 40. Abiturjahrgang des Joseph-Bernhart-Gymnasiums im Gasthof Stern seinen Abschluss.

Türkheim – Sie wollten es sich nicht nehmen lassen, eine Abschlussfeier zu veranstalten. Der Abiturjahrgang 2020 des Joseph-Bernhart-Gymnasiums traf sich im Ramminger Gasthof Stern, um in Erinnerungen zu schwelgen und den neuen Lebensabschnitt einzuläuten. Dabei war dieser Jahrgang für Schulleiter Josef Reif ein ganz besonderer.

Die Schüler feierten unter sich, nur ein paar Lehrkräfte waren gekommen, Eltern mussten draußen bleiben, da der Saal im Gasthof Stern sonst zu voll geworden wäre. Damit die Feier corona-konform ablief, gab es vonseiten der Schule eine klare Vorgabe: Die reine Verabschiedung mit der Zeugnisvergabe galt als Schulveranstaltung, bei der das Joseph-Bernhart-Gymnasium für die Hygieneregeln verantwortlich war. Nachdem aber alle 65 Schüler ihre Zeugnisse nacheinander abgeholt hatten, ging es in eine private Feier über.

Die Schüler hatten auch allen Grund dazu, ihren Abschluss zu zelebrieren. Alle haben bestanden, es gab sogar 13 Jahrgangsbeste mit einem Schnitt von 1,5 oder besser. Bei 25 Schülern stand eine Eins vor dem Komma. Zudem ist der Jahrgang mit einem Durchschnitt von 2,14 überdurchschnittlich gut gewesen, merkt man an, dass dieser bayernweit bei 2,25 liegt. Drei Schüler (Andreas Anwander, Johanna Hartig und Annika Kneipp) erreichten sogar die Topmarke von 1,0.

Schulleiter Josef Reif hat diesen Jahrgang besonders ins Herz geschlossen, und das nicht nur, weil sein eigener Sohn unter den Abi­turienten ist: „Ihr seid ein sehr guter und liebenswerter Jahrgang.“ Das sage der Schulleiter nicht jedes Mal, merkte er an. Für ihn war daher die Abschiedsfeier „ein emotionaler Moment in zweifacher Hinsicht“. Im Laufe des Nachmittags wollte er das Wort Corona nicht allzu häufig in den Mund nehmen, denn eines habe er in den letzten Monaten, die durch das Virus geprägt waren, gelernt: „Es ist halt so.“ Man solle nicht jammern, immerhin ist dieses Fest kurzfristig möglich gewesen. „Und wisst ihr was? Ihr habt es verdient“, sagte er zu seinen Schützlingen. „Ihr seid nicht der Corona-Jahrgang mit einem Corona-Abitur“, mahnte Reif, sondern der 40. Abiturjahrgang, den noch eine andere Besonderheit auszeichnet. „Ihr ward der erste Jahrgang, den ich tatsächlich begrüßt habe.“ Denn damals vor acht Jahren, am 13. September 2012, hatte auch Reif seinen ersten Schultag als neuer Schulleiter. Und auch für Oberstufenleiter Joachim Unger war es der erste Jahrgang, den er zum Abitur hin begleiten durfte. „Es war eine sehr spannende Zeit mit euch“, sagte Reif, und erinnerte an die zwei Jahre Aufenthalt im Con­tainer, als das Schulgebäude saniert wurde. Warum die Klasse oben im Container unterrichtet wurde, wo es am wärmsten war? „Weil ihr in dem gefährlichsten Eck auch noch führbar ward“, lobte der Schulleiter.

Jetzt haben die Schüler selbst das Lenkrad in der Hand. Nur manche müssten noch „ihre Handbremse lösen“, um sich auf etwas Neues einlassen zu können. „Die Welt steht euch offen, aber nicht zu Füßen“, sagte Reif. Der neue Lebensabschnitt, der nun beginne, sei nicht nur für die Schüler sondern auch für die Eltern „gravierend“ – auch, wenn es bereits das achte Kind ist, lachte Reif und blickte zu Lisa. Ihre sieben Geschwister haben bereits alle ihr Abitur am Joseph-Bernhart-Gymnasium geschrieben, nun war sie an der Reihe. In den 30 Jahren am Gymnasium habe er„immer wieder mit den Thalmanns zu tun“, grinste der Schulleiter.

Am Ende brachte er den Schülern noch einen wichtigen Satz mit auf den Weg, den sie sich einprägen sollten: „Du bist nicht allein.“ Denn jeder von ihnen kann in irgendeiner Form auf Unterstützung hoffen, von der Familie oder von Freunden. Und jeder kann einem anderen das Gefühl geben, nicht allein zu sein.

Pläne geschmiedet

Jetzt, wo alle das Zeugnis in der Tasche haben, wie geht es für die Schüler weiter? Was sind ihre Pläne? Mona Eidloth wollte eigentlich ein Aupair in Amerika machen. Ein Jahr wäre sie weg gewesen. Ob sie nun aufgrund von Corona nach Amerika fliegen kann, entscheidet sich erst in den nächsten Tagen. Lisa Schmid macht ein FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr) an einer Förderschule, Franziska ­Scholz eine Ausbildung zur Krankenschwester und Matthias Wagner absolviert einen freiwilligen Wehrdienst bei der Bundeswehr als Gebirgsjäger.

Annalena Wolf hat auch bereits konkrete Pläne. Nach ihrem FSJ im Krankenhaus möchte sie ein Medizinstudium beginnen. „Das ist eines meiner größten Ziele“, schwärmt sie. Nächstes Jahr schreibt sie den Medizinertest, „um meinem Traum ein Stück näher zu kommen“. Sie zählt zu den besten Schülerinnen in ihrem Jahrgang, hat einen Durchschnitt von 1,3. Gelernt hat sie dafür nicht viel. „Gerade in Mathe, Deutsch und Englisch – das waren meine schriftlichen Prüfungen – ist es meiner Meinung nach am Wichtigsten, einfach während der Oberstufenzeit im Unterricht aufzupassen und mitzuarbeiten.“ Wolf hat nur für die mündlichen Prüfungen in Sport und Geschichte gelernt, aber auch diese fielen ihr „relativ leicht“. „Man tut sich einfach leichter, Dinge zu lernen, die einen begeistern.“ Die Zeit im Homeschooling habe sie sehr genossen, da sie sich so die Lernzeit selbst einteilen konnte. Das habe ihr die Vorabitur- und Abiturphase merklich erleichtert.

Was ihr besonders von der Schulzeit in Erinnerung geblieben ist, war die „Running Money Aktion“, bei der sich Schüler des Joseph-Bernhart-Gymnasiums eigene Spender suchten, um pro gelaufenen Kilometer Geld zu sammeln. Am Ende kamen so fast 25.000 Euro zusammen, die wohltätigen Einrichtungen zugutekamen. Die nun ehemalige Schülerin durfte auf einem Weihnachtskonzert den großartigen Betrag dem Publikum verkünden: „Wenn ich an das Staunen und den Applaus denke, bekomme ich heute noch Gänsehaut“, sagte sie. Und bestimmt wird sie sich auch an den Abend zurück erinnern, als sie mit ihren Mitschülern das „Nicht-Corona-Abitur“ feierte. 

Julia Böcken

Auch interessant

Meistgelesen

Warum der Landkreis für die Kommunalwahl zusätzlich 219.000 Euro berappen muss
Warum der Landkreis für die Kommunalwahl zusätzlich 219.000 Euro berappen muss
Mindelheim: 80 Schüler des Maristenkollegs müssen heute zum Corona-Test
Mindelheim: 80 Schüler des Maristenkollegs müssen heute zum Corona-Test
Türkheimer Neubaugebiet „Südlich der Ramminger Straße“ ohne Tempolimit und Abbiegespur
Türkheimer Neubaugebiet „Südlich der Ramminger Straße“ ohne Tempolimit und Abbiegespur
Knapp unter dem Grenzwert: Corona-Infektionen im Unterallgäu haben weiter zugenommen
Knapp unter dem Grenzwert: Corona-Infektionen im Unterallgäu haben weiter zugenommen

Kommentare