»Der Einzelhandel wird sich nicht mehr erholen«

Keine Gäste, kaum Einnahmen: Was Bad Wörishofer Händler über den Lockdown sagen

Innenstadt Kneippstraße Bad Wörishofen Einkaufen
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Der Einzelhandel in Bad Wörishofen lebt momentan überwiegend von den Einheimischen. Für einige Händler läuft das Weihnachtsgeschäft ganz gut an, für andere wiederum ganz und gar nicht.

Bad Wörishofen – Nur ein Klick. Zack, die Jacke, die Schuhe und die Armbanduhr sind bestellt. In Zeiten, in denen man Kontakte meiden soll, boomt der Online-Handel. Doch gerade jetzt bräuchten die lokalen Einzelhändler die Unterstützung ihrer Kunden. Vor allem in der Kurstadt Bad Wörishofen macht sich der Lockdown, die Schließung der Hotellerie und Gastronomie, bemerkbar. Denn Gäste und damit auch die Kaufkraft bleiben aus.

Es ist ein Kreislauf, den die Regierung durch ihre Maßnahmen gerade durchbricht. Drei Komponenten können jeweils nicht ohne die andere sein. Ohne Gastronomie und Hotellerie bleibt die Innenstadt bis auf die Einheimischen leer. Wenn Gastronomie und Einzelhandel schließen müssten, würden die Hotels unter der geringen Nachfrage leiden. Gleiches würde auch für die Gastronomie gelten, wenn sie als einzige offen hätte. Momentan trifft es den Einzelhandel hart – vor allem jetzt zu der umsatzstarken Vorweihnachtszeit.

Das Einrichtungsgeschäft „Barth Wohnkultur“ liegt direkt in der Fußgängerzone. „Wir leben momentan von unseren Stammkunden“, sagt Fritz Barth, der Vorsitzender des Wörishofer Vereins „Die aktiven Einzelhändler“ ist. „Die Bürger müssen selbst entscheiden, ob sie in der Region shoppen gehen und damit Arbeitsplätze sichern wollen.“ Jeder Klick, der nicht getätigt werde, würde dem lokalen Einzelhandel schon helfen. Die Geschäfte ermöglichen ein sicheres Einkaufen mit genügend Platz. Die Einheimischen wissen das und gehen trotz Corona in der Innenstadt bummeln, erzählt der Geschäftsinhaber. Doch die Kunden von außerhalb würden fehlen, die Urlauber und Tages­touristen. Kommen keine staatlichen Hilfen, drohen womöglich viele Insolvenzen, meint Barth.

Wenn die Kunden in einer Innenstadt nichts erleben, im Restaurant nicht essen gehen können, bleiben sie ihr auch fern. Selbst das Kurhaus muss geschlossen bleiben. Ein großer Weihnachtsbaum werde heuer nicht im Kurhaus stehen, sagt Kur- und Tourismusdirektorin Petra Nocker. Nur in den Fenstern des Kurhauses werde es eine besondere Weihnachtsdekoration geben. Entgegen Barths Meinung, dass die öffentlichen Toiletten alle geschlossen seien und deswegen einige Kunden nicht kommen würden, teilt das Ordnungsamt mit, dass die öffentlichen Toiletten im Kurpark, im Friedhof, in der Hauptstraße (Ecke Klosterhof), auf dem Parkplatz an der Mindelheimer Straße und im Ostpark aktuell geöffnet hätten und regelmäßig gereinigt und entsprechend desinfiziert werden.

Fokus auf heimische Einzelhändler

Das Weihnachtsgeschäft beim Juwelier Hollfelder ist vergangene Woche „verhältnismäßig ganz gut angelaufen“, berichtet Hans-Peter Reischl. „Wir hoffen natürlich dass es sich die nächsten Wochen noch steigert.“ Er sieht den Online-Handel nicht als Konkurrenz an, da man hochwertigen Schmuck und Uhren nicht mal eben schnell von der Stange im Internet kaufen würde. „Hier haben wir den Vorteil, dass es in dieser Branche schon noch sehr auf die individuelle Beratung ankommt“, sagt ­Reischl, der froh ist, dass die Geschäfte überhaupt geöffnet haben dürfen.

Auch das Casa Schweiger – seit November befinden sich das Kräuterhaus Schweiger und das Einrichtungsgeschäft La Casa unter einem Dach – merkt zwar die fehlenden Kurgäste und die damit geringeren Einnahmen, doch „wir sind im Großen und Ganzen mit dem Weihnachtsgeschäft zufrieden“, sagt Maria Liedl. „Ich habe das Gefühl, dass einige Kunden sich sogar verstärkt auf den heimischen Einzelhandel konzentrieren, um die heimische Wirtschaft zu stärken.“ Sie glaubt, dass sich die Kunden gerade jetzt etwas Gutes tun und ihr Zuhause mehr als sonst dekorieren und heimelig machen möchten. Ob der Lockdown Light wirklich etwas bringe, zweifelt Liedl an. Sie befürchtet, dass man spätestens im Januar mit weiteren Einschränkungen, wenn nicht sogar mit Schließungen im Einzelhandel, rechnen müsse, falls die zeitweisen Lockerungen über Weihnachten und Silvester die Zahlen wieder in die Höhe treiben werden.

Durchs Raster gefallen

Schlimm getroffen hat der Lockdown Gabi Esser, die die Bären Company betreibt. Erst im Januar hat sie für die Filiale in der Kneippstraße einen Fünf-Jahres-Vertrag unterschrieben, erzählt sie. „Voller Freude und Elan wollten wir am 1. April dort starten.“ Dann kam der erste Lockdown, und der Eröffnungstermin wurde um einen Monat nach hinten verschoben. Doch dann stieg ein wenig Optimismus in ihr hoch; „mit kleinen Schritten haben wir uns vorgetastet“. Mit dem zweiten Lockdown jedoch wurde sie wieder zum Anfang zurück katapultiert. „Womit haben wir das verdient?“, fragt sie. Im November hat sie die Öffnungszeiten für den Gummibärenladen verkürzt, weil sowieso kaum jemand kommen würde. Ware sei aber genügend da, denn „wir hätten heuer sogar zwei Buden, eine in Bad Wörishofen und eine in Mindelheim, auf dem jeweiligen Weihnachtsmarkt gehabt“.

In Anbetracht der Situation hat Esser die Aktionstüte „Fruchtmix & Weihnachten“ unter dem Motto „Unternehmer hilft Unternehmer“ ins Leben gerufen, die es an der OMV-Tankstelle in Dirlewang, in der Änderungsschneiderei Winkler am Oberen Tor und im Franco‘s Getränkestadel in Oberrieden zu kaufen gibt. Wenn der Dezember nicht besser laufe, glaubt Esser, dass sich der Einzelhandel von der Krise nicht mehr erholen werde. In vielen Städten würden schon erste Geschäfte schließen. Sie komme sich wie in einem schlechten Film vor, in dem Hotellerie, Gastronomie, Kunst und Kultur brach liegen würden. „Es wird Jahre dauern, bis ein normales Leben wieder möglich sein wird“, sagt Esser. Durch ihren früheren Job in der Apotheke wisse sie, „dass wir grundsätzlich immer mit Viren und anderen Keimen zu tun haben werden“.

Esser wünscht sich von der Regierung, dass die Gewerbemiete während der Corona-Zeit gedrosselt wird. Die ganzen Überbrückungshilfen wären mit so vielen Kriterien behaftet, dass ein kleiner Laden wie die Bären Company durchs Raster fallen würde. Manchmal schaut Gabi Esser in den Spiegel und sieht, wie ihr Tränen herunterlaufen. Denn nicht nur die finanziellen Sorgen seien ein Problem, sondern mittlerweile auch die Menschen: „Viele Menschen haben sich verändert: Ungeduld, Aggressivität und Hass prägen den Unmut der Gesellschaft. Das fällt immer mehr auf.“ Auch obwohl ihr Herz blutet, wie sie sagt: Aufgeben will sie trotzdem nicht – niemals.

Julia Böcken

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