Medizinische Versorgung im Vordergrund

Klinikverbund Allgäu: Wie der Weg in die Normalität aussieht

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Gebhard Kaiser, Aufsichtsratsvorsitzender des Klinikverbunds Allgäu gGmbH (links), Dr. Matthias Sauter, Ärztlicher Leiter der Abteilung Hygiene und Infektiologie im Klinikum Kempten (Mitte) und Michael Osberghaus, Geschäftsführer Klinikverbund Allgäu gGmbH (rechts) standen Rede und Antwort zu einem Aufbruch in eine „neue Normalität“.

Allgäu – Viele strenge Regeln, die helfen sollen, die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, wurden letzte Woche in Bayern schrittweise gelockert. Auch die Kliniken des Klinikverbundes Allgäu arbeiten daran, einen Weg in eine „neue Normalität“ zu finden, um die Regelversorgung der Bevölkerung wieder zu stärken.

In den Kliniken des Klinikverbundes Allgäu, zu dem die Häuser in Kempten, Immenstadt, Oberstdorf, Sonthofen, Ottobeuren und Mindelheim gehören, wurden zahlreiche Maßnahmen umgesetzt, um gut vorbereitet auf steigende Infektionszahlen reagieren zu können, erklärte Gebhard Kaiser, Vorsitzender des Aufsichtsrates, letzten Freitag in einer Pressekonferenz im Klinikum Kempten.

„Anfang bis Mitte März erreichten uns die Bilder aus Italien“, so Michael Osberghaus, Geschäftsführer des Klinikverbunds Allgäu. Damit einhergehend kam die mündliche Aufforderung des Gesundheitsministers Jens Spahn, alle planbaren Operationen und Eingriffe zu verschieben, nur noch aktuelle Notfälle zu behandeln und Kapazitäten zur Verfügung zu stellen. Es wurden die Intensivkapazitäten verdoppelt, strenge Hygienevorschriften und Notfallpläne aufgesetzt. Stationen und Geräte mussten umziehen. Elektive und dringliche Eingriffe mussten abgesagt werden, um knapp 60 Prozent der Bettenkapazitäten für COVID-Patienten freizuhalten, spiegelte Osberghaus die Situation wider.

Daneben wurde die Versorgung in allen nicht behandlungsnotwendigen Einrichtungen, wie etwa dem Kinderwunschzentrum, dem Schlaflabor und der Schmerzklinik deutlich reduziert oder sogar eingestellt. Auch die Spezialklinik Oberstdorf wurde geschlossen, um Reservekapazitäten im Notfall schnell nutzen zu können. Zudem wurde der Betrieb der ambulanten Praxen in den Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) heruntergefahren, so der Geschäftsführer. Viele Patienten mit Krebserkrankungen, Herzinfarkt, Schlaganfall und mit Symptomen, die sie normalerweise abklären hätten sollen, blieben aus, aus Angst sich mit dem Virus anzustecken. Trotzdem konnte in dieser Ausnahmezeit die Nachversorgung der Patienten gewährleistet werden, betonte Kaiser. So war die Reha-Klinik in Sonthofen und auch die Kurzzeitpflegeeinrichtung in Mindelheim weiterhin für Patienten offen. Der Klinikverbund habe sich auf eine riesige Herausforderung eingestellt, beschrieb Dr. Matthias Sauter, Ärztlicher Leiter der Abteilung Hygiene und Infektiologie im Klinikum Kempten, die Situation. Zudem stand ein Krankheitsbild im Raum, von dem man zu wissen glaubte, wie die Übertragung erfolge und das sich dann als Chamäleon entpuppte.

Leere Betten

Doch der Ansturm der an COVID-19 erkrankten Patienten blieb aus. Viele der 111 vorgehaltenen Betten blieben leer. So gab es Ende März 23 erkrankte Menschen, die sich in Behandlung befanden. „Ganz anders als erwartet“, so Osberghaus, „eine veränderte Situation, die eine langsame Rückkehr zum Regelbetrieb wieder ermöglichte“. Aus diesem Grund habe der Verbund bereits Ende März wieder begonnen, die medizinische Behandlung in der Region für andere Krankheitsbilder aufzubauen und weiterhin die notwendige Versorgung für an Corona erkrankte Patienten zu gewährleisten. So sind Stand heute bereits wieder 706 Betten belegt, was einer Auslastung von 64 Prozent entspricht. Der Regelbetrieb ­liege etwa bei 80 Prozent Auslastung, erklärte der Geschäftsführer, da Krankenhäuser nicht überbelegt sein dürfen und immer eine gewisse Kapazität freihalten müssen. Mittlerweile sind nur noch fünf Patienten mit einer Corona-Erkrankung in Behandlung und 26 kranke Menschen befinden sich in Abklärung.

Maßnahmen in Richtung „neue Normalität“ seien die Erweiterung der Operations-Kapazitäten und die Durchführung dringlicher Eingriffe, erklärte Osberghaus. Besondere Sicherheitsmaßnahmen wie Einhaltung des Abstandsgebots, verpflichtender Mund-Nasen-Schutz für alle Patienten, Besucher und Mitarbeiter, Selbstauskunftsbogen für Besucher und räumliche Anpassungen in Warte- und Krankenzimmern sollen höchstmöglichen Schutz für die kranken Menschen bieten, führte Matthias Sauter aus. Es gebe noch keine Immunität in der Bevölkerung, entsprechend wachsam sei man in den Kliniken des Klinikverbundes Allgäu, erklärte der Facharzt. Es könne jederzeit wieder zu Krankheitsfällen, Hotspots und Ausbrüchen kommen. Auch bei einer hohen Dunkelziffer und zehnmal mehr Infizierten gäbe es eine Durchseuchung von weniger als zwei Prozent. Doch aufgrund der zahlreichen Schutzmaßnahmen sei das Risiko, sich in den Kliniken mit dem Coronavirus zu infizieren, sehr gering, betonte der ärztliche Leiter.

Die Lockerungen seien wichtig, bekräftigte Gebhard Kaiser. Denn fehlende Patienten zeigen sich in einer zunehmend wirtschaftlich angespannten Lage der Krankenhäuser. Der Rettungsschirm der Bundesregierung mit der Freihaltepauschale von 560 Euro pro Bett und pro Tag sei hilfreich, doch die Umsatzeinbußen seien weit höher, erklärte der Aufsichtsratsvorsitzende. Langfristig werden bauliche Veränderung eine noch größere Rolle spielen. 

chr

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