70 Jahre Stadterhebung

Wie Kneipp das Dorf Wörishofen nach vorn gebracht hat

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Mit einem Fackelmarsch zum Denkmalsplatz und einem Standkonzert vor der Statue Kneipps erinnerten die Bürger Wörishofens an den Pfarrer, ohne den ihr Ort sich wohl nicht so rasant entwickelt hätte.

Bad Wörishofen – Aktuell häufen sich die Jubiläen in Bad Wörishofen – in zwei Jahren feiert man den 200. Geburtstag Sebastian Kneipps, nächstes Jahr den 100-jährigen Titel „Bad“ und ganz aktuell den 70. Jahrestag der Stadt­erhebung. Das alles hänge ursächlich zusammen, zeigte der Kreisheimatpfleger Christian Schedler bei der Feierstunde zur Stadterhebung im Kurtheater auf. Und Bürgermeister Paul Gruschka wünschte sich weitere 70 Jahre Frieden in Deutschland und Europa auf Basis des Grundgesetzes.

Sieht man von den Funden des wohl ältesten Hominiden in der Nähe Pforzens ab, so kann die Region um Bad Wörishofen auf eine mindestens 8.000-jährge Siedlungsgeschichte zurückschauen. Und vor annähernd 1.000 Jahren, so um 1067, taucht erstmals der Name Werenshofa oder eben Wörishofen auf. Damals siedelten die Herrn von Werenshofa hier. Womit aus Sicht des Kreisheimatpflegers Christian Schedler die Stadtwerdung Bad Wörishofens beginnt. Respektive eine der drei Personalentscheidungen, die letztlich aus dem Dorf ein Bad und schließlich eine Stadt werden ließ.

Bauboom durch Kranke

Schaut man auf die Spanne zwischen erster Besiedelung und der Stadterhebung, war der Zeitraum, innerhalb dessen aus dem Dorf eine Stadt wurde, doch recht kurz. In nur 60 Jahren, hatte Bürgermeister Paul Gruschka festgestellt, wurde durch Zuzug, den man Kneipp und dessen Ruf zu verdanken habe, eine Siedlung, die in den Status einer Stadt erhoben wurde. „Der Naturheilkunde Kneipps haben wir viel zu verdanken“, resümierte Gruschka. „Der Zustrom der Kranken löste einen Bauboom ungekannten Ausmaßes aus.“ Ohne den umtriebigen Pfarrer hätten sich einerseits nicht so viele Betriebe angesiedelt, die ihrerseits wiederum weitere Zuzüge auslösten, weil ja mehr Personal und Mitarbeiter benötigt wurden; so wuchs Wörishofen nach dem Tod Kneipps kontinuierlich. „Der Zuzug verwandelte die Gemeinde in nur etwa 60 Jahren zur Stadt.“ Dabei war es eine Adelige, die dafür die Weichen gestellt hatte.

Kreisheimatpfleger Christian Schedler nahm die Gäste mit auf eine Zeitreise zu den Anfängen Bad Wörishofens.

Denn es war die letzte Herrin von Werenshofa, Chistina von Fronhofen, die ihren Besitz – weil kinderlos – der Kirche vermachte. Wörishofen kam an einen armen Beginenorden vor den Toren Augsburgs, der dank des unverhofften Erbes zu Wohlstand gelangte. So entstand das mächtige und reiche Kloster St. Katharina, das automatisch die Grundherrschaft von Wörishofen übernahm. Und in der Kneippstadt mit dem Dominikanerinnenkloster eine Filiale eröffnete – die zweite Personalentscheidung aus Schedlers Sicht. Bis hierhin überspannt die Stadtwerdung schon ganze Epochen, vom Hochmittelalter hinein in den Barock und endet im 19. Jahrhundert mit der Entsendung Sebastian Kneipps in das Kloster nach Wörishofen. Es ist, so Schedler, diese Abfolge an Entscheidungen, vor allem aber die letzte, die die Entwicklung Wörishofens maßgeblich beeinflusst hat. „Ohne Kneipp wäre Wörishofen ein Dorf geblieben wie etwa Wessobrunn“ resümierte der Kulturexperte. Doch stattdessen geht die Entwicklung des Dorfs, das zu Zeiten Kneipps etwa 1.000 Seelen beherbergte, weiter, die Siedlung wächst auf bis zu 3900 Menschen am Ende des Ersten Weltkrieges an; ein Grundstein für die Verleihung des Bad-Titels. In diesen 40 Jahren, zwischen 1881 und 1920 habe der Ort die größte Entwicklung zu verzeichnen gehabt. Und die Erfolgsgeschichte gehe weiter, am Ende des nächsten Weltkrieges hat sich die Bevölkerung nahezu verdoppelt, leben mittlerweile 6.800 Menschen in dem Dorf, das nun zur Stadt werden sollte; heute ist Bad Wörishofen die größte Stadt – aber immer noch kleine weil jüngere Schwester Mindelheims – im Unterallgäu.

Kneipp verpflichtet

Nur sehr wenige Städte, so Schedler, würden ihre Entwicklung nur einer Person verdanken. So sei die Rangerhöhung zur Stadt in Folge des Wirkens Kneipps auch geboten gewesen. Und noch immer, sagte Schedler, verändere die Stadt ihr Gesicht, verändere sich wie damals vom Dorf zur Stadt bzw. zum Weltheilbad. Dabei seien die Veränderungen aber nie nur schlecht und auch nie nur ein Gewinn für den Ort, sondern vielmehr ein Prozess , der neugierig mache auf das Kommende. Dabei hatten die politischen Akteure vor 70 Jahren die Verpflichtung betont, die das neue Bad auch weiterhin eine Pflegestätte Kneipp’scher Heilkunst bleiben möge.

Hatte Schedler den Bogen vom Mittelalter geschlagen und über die Stadtwerdung gesprochen, so konzentrierte sich Paul Gruschka auf die jüngsten Ereignisse in der Stadt bzw. die Umstände, die zur Stadterhebung führten. So sei es dem damaligen Bürgermeister ebenso wie dem Landrat jener Zeit, Anton Stöckle respektive Dr. Kopp, ein Anliegen gewesen, dass Bad Wörishofen weiterhin ein Botschafter der Lehren Kneipps bleibe. Und so appelliere auch er nun anlässlich des Festaktes an die Bürger, der Naturheilkunde Kneipps zu vertrauen und diese zu vertreten. Die Stadt sei ebenso alt wie das deutsche Grundgesetz und in den vergangenen sieben Jahrzehnten eine friedliche Heimat für die Menschen, die hier gelebt haben oder neu dazu kamen, gewesen. Die Gartenstadt sei ein lebendiger Beweis für die Kraft, diese Menschen zu integrieren, sagte Gruschka.

Groß denken

Und der Lohn daraus seien Firmengründungen und ein Schub für die Wirtschaftskraft der Stadt. Er wünsche sich für die Stadt Zusammenhalt, denn dieser mache stark. Und all die Vereine, die man im Ort habe, seien Garanten für diesen Zusammenhalt. Deshalb habe die Stadt auch eine Zukunft, man dürfe optimistisch nach vorne schauen. Indikatoren dafür seien das Wachstum der Bevölkerung wie auch der Wirtschaft, Ansiedelungen von Betrieben und Investitionen. Aber es brauche neben Mut auch Geduld, man dürfe Entscheidungen nicht daran bemessen, welche Auswirkungen sie in zwei oder drei Jahren haben könnten, sondern müsse in größeren Zeiträumen denken.

Oliver Sommer

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