Veranstaltungsbranche zermürbt

Kommentar: Ein stiller Aufschrei einer sonst so lauten Branche

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Die rec-gruppe machte bei der deutschlandweiten Protestaktion „Night of light“ mit und strahlte ihr Firmengebäude in Bad Wörishofen rot an.

Unterallgäu – Die Veranstaltungsbranche vegetiert gerade vor sich hin, ringt nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, aufgrund der seit dem 10. März andauernden Durststrecke. Für die Regierung ist sie aber kaum der Rede wert. Dass momentan rund eine Million Beschäftigte in dieser Branche, die einen jährlichen Umsatz von 130 Milliarden Euro erwirtschaftet, keine Arbeit mehr hat, weil seit vier Monaten Veranstaltungen auf der ganzen Welt untersagt sind, interessiert offenbar keinen ernsthaft in Regierungskreisen.

Das vorläufige Veranstaltungsverbot gilt bis Ende Oktober. Zunächst hat es geheißen bis zum 31. August. Am Ende wird es vermutlich heißen, dass dieses Jahr überhaupt keine Events mehr stattfinden dürfen. Doch die Veranstaltungsbranche leidet, erzielt keinen Umsatz mehr, die Verluste können nicht mehr ausgeglichen werden. Viele Firmen stehen daher vor dem Bankrott. Damit die Regierung auch sie hört, wollten sie ein Zeichen setzen. Am 22. Juni wurden bei der Demo „Night of Light“ etliche Gebäude von deutschlandweit über 5.000 Firmen in Rot angestrahlt. Ein stiller Protest, ein lautloser Aufschrei, eine mahnende Bemerkung mit „Hallo, wir sind auch noch da“.

Aus Solidarität mit der gesamten Veranstaltungsbranche tauchte auch die Bad Wörishofer Veranstaltungsfirma rec-gruppe GmbH ihr Firmengebäude in ein knalliges Rot. Auch sie bleibt von den Corona-Auswirkungen nicht verschont, denn dadurch, dass europaweit keine Messen mehr stattfinden dürfen, fällt ihr Kerngeschäft, die individuellen Messebauten, ebenso weg wie ihr zweites Standbein, die Industrieevents. Aber die rec-gruppe ist optimistisch, dass es bald wieder vorwärts geht und sie wieder Veranstaltungen durchführen kann. Wird der Veranstaltungsbranche nicht geholfen, sieht es auch im nächsten Jahr für Konzerte und Feste kritisch aus. Denn wer hängt dann noch die Lampen auf, richtet den Ton ein, wenn bis dahin alle Selbstständigen und viele große Firmen weggestorben sind?

Schon zwei Faschingsvereine (Mindelonia und Narrwangia) haben bereits die kommende Faschingssaison abgesagt. Letzte Woche zog die Zaisonarria als dritter Verein nach. Auf ihrer letzten Vereinssitzung hat sie einstimmig beschlossen, dass auch sie in der nächsten Hochphase des Faschings pausieren wird. Die Auszeit hat aber auch zur Folge, dass der traditionelle Umzug durch Zaisertshofen aus dem Faschingskalender gestrichen wurde. Am Sonntag verkündete auch noch die Haselonia das Aus für die kommende Faschingssaison. Vier Vereine sind es jetzt schon und weitere könnten folgen. Ein Showtanz oder ein Prinzenwalzer mit eineinhalb Metern Abstand ist eben schwierig, elegant umzusetzen. Wenn man dann noch den Blick durch den halbleeren Raum schweifen lässt, angestarrt von maskierten Gesichtern, die Gelächter hinter dem Stoff im Keim erstickt, dann macht das Tanzen einfach keinen Spaß mehr. Von einer ausgelassenen Stimmung ist man weit weg. Für die Vereine bedeutet die Absage sämtlicher Feste herbe finanzielle Verluste. Die Kultur hat in Deutschland einen geringen Stellenwert bekommen. Traditionen aufrechtzuerhalten, das war einmal. Das Vereinsleben, das Gesellige auf einem Fest, das Lachen und der Austausch miteinander, all das, was ein Dorfleben irgendwie auch ausmacht, versinkt momentan ohne ein Mucks im Treibsand. Wann der Sand dieses Brauchtum wieder freigibt, ist ebenso ungewiss wie die Frage, inwieweit dieses Brauchtum danach wieder gefeiert werden kann und in welchem Ausmaß.

Natürlich ist es auch wichtig, die Pandemie einzudämmen, die Infiziertenzahl so niedrig wie möglich zu halten. Doch man kann durchaus Konzertsäle und Turnhallen wieder mit Leben füllen, wenn man diese Räume nicht bis zum Platzen vollmacht, wie es sonst oftmals der Fall ist. Auch die Angabe von Name und Telefonnummer könnte bei der Rückverfolgung im Falle einer Ansteckung mit Covid-19 durchaus hilfreich sein. Wer ein Ticket kauft, hinterlässt seine persönlichen Daten. So kann man alle anwesenden Gäste bei einem möglichen Corona-Fall kontaktieren.

Wenn jetzt noch länger Bühnenshows aus der Gesellschaft verbannt werden, werden die Lichter über das Veranstaltungsverbot hinaus ausbleiben. Mit der Erinnerung an die letzte Feier, an das letzte Lied eines Konzerts, verblasst auch allmählich die Hoffnung, dass die Veranstaltungsbranche diese Krise überlebt, wenn ihr nicht bald jemand die Hand reicht und sie vom Boden wieder hinaufzieht.

Kommentar von Julia Böcken

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