Finden sich tatsächlich genug Mitfahrer?

Kreistag bringt die Reaktivierung der Staudenbahn ins Rollen

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Wird die Bahnstrecke zwischen Ettringen und Türkheim bald wieder befahren? Mit dieser Frage hat sich der Unterallgäuer Kreistag zuletzt befasst.

Türkheim/Unterallgäu – Der Unterallgäuer Kreistag hat sich dazu entschlossen, alle erforderlichen Maßnahmen zur Reaktivierung der Staudenbahn zwischen Ettringen und Türkheim in die Wege zu leiten. Als Voraussetzung für eine Erneuerung der Strecke ist aber zum einen ein vorher erstelltes Gutachten über die aufkommenden Fahrgastzahlen notwendig, zum anderen ein angepasstes Buskonzept an den Zugverkehr.

Im Landkreis Augsburg wurde die Reaktivierung der Staudenbahn bereits für den Abschnitt Gessertshausen bis Langenneufnach beschlossen. Nun zieht der Landkreis Unterallgäu nach und will im südlichen Abschnitt zwischen Ettringen und Türkheim den teils stillgelegten Gleisen ebenfalls Leben einhauchen. Dafür müssen aber zuerst notwendige Schritte eingeleitet werden: Es muss ein Gutachten erstellt werden, um die Nachfrage der Fahrgäste vorherzusagen. Sollten nämlich mehr als 1.000 Reisende pro Werktag und pro Kilometer gefahrener Strecke zu erwarten sein, wäre die erste Voraussetzung erfüllt. Im nächsten Schritt wäre das Buskonzept zu überarbeiten, denn die Buslinien müssen an die neue Bahnlinie angepasst werden. Die Kosten dafür sind zwar noch nicht berechnet, belaufen sich aber auf rund 200.000 Euro im Jahr, schätzte Helmut Höld, Ansprechpartner für den ÖPNV am Landratsamt Unterallgäu, die Finanzierung ein.

Freistaat unterstützt nicht

Die Nahverkehrsverbünde müssen sich vertraglich dazu verpflichten, ein Buskonzept für die betroffenen Bereiche umzusetzen, welches mit dem Freistaat Bayern abgesprochen wurde. Da die Busse aber durch die Bahn und den damit verbundenen Wegfall mancher Buslinien Einnahmeverluste verbüßen, müssen sie finanziell unterstützt werden. Auch weitere kostenpflichtige Infrastrukturmaßnahmen fallen für die Gemeinden an, wenn die Strecke langfristig betrieben wird. Die Gemeinden können jedoch nicht auf den Zuschuss des Freistaates hoffen, denn dieser wird sich finanziell nicht an die Reaktivierung beteiligen. Die Anpassung der Infrastruktur an den Zugverkehr muss also aus eigener Tasche finanziert werden. Erst wenn diese Bedingungen erfüllt sind, kann der Landkreis die Staudenbahn beim Freistaat beantragen.

Hubert Teichmann, Geschäftsführer der BBG Stauden mbH, der die Strecke Ettringen-Türkheim gehört, wäre bereit die erforderlichen Investitionsmaßnahmen zu tätigen, sofern grünes Licht vom Freistaat Bayern gegeben wird. Aber auch die Gemeinden und der Landkreis müssen ihren Teil dazu beitragen und für die Erneuerung der Strecke mit neuen Bahnübergängen, technischen Sicherungsanlagen und Bahnsteige aufkommen. Die Schienen sind stark abgefahren und hätten sowieso instandgesetzt werden müssen. Eine Investition wäre also kurz bevor gestanden. Franz Josef Pschierer (CSU) ist der Meinung, dass nicht nur der Nahverkehr von der neuen Strecke profitieren soll sondern auch der Güterverkehr. „Nur der Personenverkehr auf der Strecke reicht nicht“, so Pschierer. Silverius Bihler (CSU) warf an dieser Stelle ein, dass der Güterbahnhof in Türkheim von der Bundesbahn geschlossen wurde, weil es zu wenig Verkehr gegeben hatte. Das könne er aber nicht verstehen, da Türk­heim den Güterbahnhof brauche, um Waren zu transportieren. „Jetzt müssen die Waren mit LKWs auf den Straßen transportiert werden.“ Trotzdem sprach er sich für die Umsetzung des Projektes aus: „Die Staudenbahn rentiert sich. Vor allem die östlichen Landkreise profitieren davon.“

Vergleichbare Reaktivierungen seien in Weißenhorn (Kreis Neu-Ulm) und im bayrischen Wald erfolgreich gewesen, erklärte Teichmann. „Im bayrischen Wald, wo niemand wohnt, gibt es trotzdem jeden Tag 700 bis 800 Fahrgäste.“ So wäre auch die Mindestvoraussetzung mit 1.000 Fahrgästen am Tag zwischen Ettringen und Türkheim realistisch.

Ein neuer Bahnhof soll am südlichen Ortsrand von Türkheim entstehen – nahe des Joseph-Bernhart-Gymnasiums. Michael Helfert (SPD) wünschte sich zudem einen weiteren Haltepunkt in Höhe des V-Marktes in Türkheim-Nord. Dieser wäre für die „Nahversorgung interessant“, so Helfert. Gerade älteren Menschen würde der Weg zum Einkaufen dadurch erleichtert. Die wegfallende ÖPNV-Verbindung durch die Busse müsse kompensiert werden. Erst vor Kurzem bekam Türkheim-Nord zwei neue Bushaltestellen. „Dafür haben wir zehn Jahre gekämpft“, sagte Helfert. Doch durch die neue Bahnlinie wäre die Buslinie nicht mehr gegeben und Türkheim-Nord wäre „wieder abgehängt“. Landrat Hans-Joachim Weirather entgegnete, dass es noch weitere zehn Jahre daure, bis es eine Veränderung durch die Bahn gebe. Auch andere ÖPNV-Konzepte wirken schon und „verdichten den Nahverkehr“ wie das Flexibussystem, so Weirather.

Eine Zeitersparnis auf der Strecke zwischen Ettringen und Türkheim haben nur die Schüler, die dort auch wohnen. Für all diejenigen, die aus ländlichen Gebieten kommen, ist es aber umständlicher mit dem Zug zu fahren, da sie mehrmals umsteigen müssten.

Gutachten kommt

Jedoch sprachen sich alle Mitglieder des Kreistages für die Reaktivierung der Staudenbahn aus. Beschlossen wurde dadurch, das Gutachten zur Überprüfung der aufkommenden Fahrgastzahlen zu genehmigen und so den ersten Grundstein für die Bahnstrecke zu legen.

Julia Böcken

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