"Auf dem Land sind alle obersafe"

Kriminalstatistik Bad Wörishofen: Straftaten sinken, häusliche Gewalt nimmt zu

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Im letzten Jahr erreichte die Zahl der Straftaten im Dienstbereich der Polizeiinspektion Bad Wörishofen ihren absoluten Tiefstand von 994 gemeldeten Fällen.

Bad Wörishofen – Eine 1+: Diese Note würde Polizeihauptkommissar der Polizeiinspektion Bad Wörishofen, Thomas Maier, Bayern für seine Sicherheit geben. „Bayern ist das sicherste Bundesland in ganz Deutschland und das Unterallgäu mit der sicherste Landkreis in ganz Bayern. Wir haben die wenigsten Straftaten und die höchste Aufklärungsquote.“ Das belegen auch die Zahlen der Kriminalstatistik. 994 Straftaten gab es letztes Jahr im Bereich der Polizeiinspektion Bad Wörishofen – so wenige wie noch nie.

„Das ist der absolute Tiefstand seit 25 Jahren“, lobt Maier die 125 weniger Straftaten im Vergleich zum Vorjahr. Das läge zum einen an der Sicherheits- und Präventionsarbeit der Polizei, zum anderen an einer gewissen Müdigkeit, Straftaten anzuzeigen. Delikte, bei denen es ums Geld geht, wie ein Schaden am Auto, den man der Versicherung melden und auf Entschädigung hoffen kann, werden schnell angezeigt, Sexualdelikte dagegen weniger.

Oft nicht angezeigt

Die Zahl der Sexualdelikte ist im letzten Jahr von 28 (2018) auf 16 gesunken. Mittlerweile werde auch das „Begrabschen“ als Sexualstraftat gewertet, was früher nur als Beleidigung galt, klärt Maier auf. Wer meint, jemand Fremdes könne einfach aus dem Gebüsch springen und einen sexuell belästigen, der täusche sich. Maier sagt, dass die meisten Sexualdelikte Beziehungstaten seien. Zwar sei die Achtung der Frau durch die Me-Too-Debatte stärker geworden, doch was beispielsweise in den heimischen vier Wänden geschieht, könne selbst die Polizei nicht abschätzen. Nur wenn die Frau ihren Partner anzeigt, könne die Polizei aktiv werden, ansonsten sei es schwierig, häusliche Gewalt zu ahnden. Daher trage die Frau auch eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Geschlechtsgenossen.

Beim Delikt der häuslichen Gewalt müssen die Partner nicht zwingend zusammen wohnen, sondern es reicht schon, wenn diese sich in einer Beziehung befinden. Auch wenn beispielsweise schon Schluss ist und der Ex-Partner danach stalkt oder nötigt, kann dies bis zu zwei Jahre nach der Trennung als häusliche Gewalt zählen. Heutzutage seien viele Frauen aufgeklärter, offener und selbstbewusster dem Thema gegenüber und trauen sich, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten. Erst bei der Vernehmung werde manchmal das Martyrium der Frauen deutlich, sagt Maier. 60 Fälle von häuslicher Gewalt notierte er letztes Jahr, 20 mehr als noch 2018.

Erfreulich dagegen sei, dass es 2019 keinen Mord gab. „Die Gewaltbereitschaft lässt nach“, so Maier. Würde man sich mit den Jugendlichen unterhalten, stelle man fest, dass für die meisten Gewalt überhaupt keine Rolle spielt. Geschätzt, so der Polizeihauptkommissar, dis­tanzieren sich 90 Prozent der Jugendlichen von jeglicher Gewalt. Zehn Prozent seien tendenziell gewaltbereit, merken aber schnell, dass sie damit die Außenseiter sind. 30 bis 50 Gewaltdelikte seien der Jahresdurchschnitt; letztes Jahr gab es einen starken Rückgang. Waren es 2018 noch 51 Gewaltstraftaten, sank die Zahl 2019 auf 36. Die Polizei bekomme aber nicht jede Schlägerei mit, da viele Streithähne ihre Auseinandersetzung unter sich klären.

Sicherheitswacht bewährt

Auch die Straßenkriminalität (dazu zählen Diebstähle im öffentlichen Raum) lässt stark nach. Das habe vor allem mit der Präsenz der Sicherheitswacht zu tun, die in der Innenstadt Patrouille geht, führt Maier aus. Trotz der falschen Polizeibeamten, die vor allem 2019 die Senioren um ihr Erspartes bringen wollten, sind auch die Betrugsfälle von 129 (2018) auf 117 gefallen. 56 davon waren Callcenter-Betrüge, 26 davon gehen aufs Konto der falschen Polizeibeamten. Dabei handelt es sich laut Maier aber nur um Betrugsversuche, denn keiner der Anrufe habe einen Schaden verursacht – auch dank der permanenten Aufklärung durch die Polizei. Die Senioren würden einen solchen Betrugsversuch sofort der Polizei melden, doch die Aufklärung solcher Fälle sei sehr schlecht, da die Betrüger vom Ausland aus anrufen und diese Anrufe kaum zurückverfolgbar sind.

Ebenfalls durch polizeiliche Aufklärung zurückgegangen sind die Einbrüche – auf zehn Stück letztes Jahr. „Die meisten Taten bleiben im Versuch stecken“, weiß Maier. Auch hierbei sei die Aufklärungsquote gering, da die Polizei auf Spuren der Täter angewiesen ist. Die Zahl der Einbrüche sei sehr erträglich für Bad Wörishofen, meint Maier, denn blickt er auf den Landkreis Starnberg rund um den Starnberger See, sieht das Ganze schon anders aus. „Ohje, ohje“, entfährt es ihm. „Da könnt‘ ich nachts nicht mehr schlafen.“ Die Kurstadt dagegen liege „Gott sei Dank ab vom Schuss“, wie auch das gesamte Allgäu. Für die Einbrecher, die oft aus Osteuropa kommen, sei die Gegend um München einfach näher. Schaue man Richtung München, würden die Delikte in die Höhe schnellen.

Kaum beeinflussbar sind dagegen die Rauschgiftdelikte, die vergangenes Jahr um sechs auf 103 gestiegen sind. Maier will mehr auf Polizeikontrollen setzen, da man es sich nicht erlauben könne, sich auf 18 schwere Verkehrsunfälle unter Drogen- und Alkoholeinfluss auszuruhen. Denen müsse man mit Kontrollen entgegenwirken. Natürlich könne man jetzt sagen, dass Bad Wörishofen „ein Tal der Glücklichen und Älteren“ ist, aber nichtsdestotrotz leben hier normale Menschen und nirgendwo würde es eine rauschgiftfreie Zone geben – „auch im strengen Bayern nicht“. Maier hofft, dass die Politik die Gesetze nicht aufweicht und weiche Drogen nicht irgendwann legalisiert werden, denn dann würde es auf den Straßen „drunter und drüber“ gehen.

Obwohl wir so sicher wie noch nie leben, weiß Maier, dass sich viele Bürger dennoch unsicher fühlen. Ein Grund sei vor allem das Publikmachen von reißer­ischen Themen seitens der Zeitungen, vor allem über die sozialen Medien, wo die Meldungen „in einer Taktung kommen, dass man denkt ‚Um Gottes Willen, das hört ja gar nicht mehr auf‘“, führt der Polizeihauptkommissar weiter aus.

Jeder Zweite wird erwischt

Nur von der eigenen Aufklärungsquote ist Maier etwas enttäuscht. Die lag 2019 bei 65,7 Prozent. Zum Vergleich: Im Gebiet des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West lag die Aufklärungsquote letztes Jahr bei 72,2 Prozent, im Landkreis Unterallgäu sogar bei 74,5 Prozent. Trotz guter Ermittlungsarbeit sei die Zahl in Bad Wörishofen also nicht zufriedenstellend. Woran das liegt, könne Maier aber nicht sagen, denn auf dem Land kennt ja bekanntlich jeder jeden. Dafür glänzt der gesamte Freistaat Bayern mit einer Aufklärungsquote von 67 Prozent, heißt, so gut wie jeder zweite Täter wird gefasst. Das sei die höchste Aufklärungsquote im ganzen Bundesgebiet. Bayern sei daher für die Täter wie eine Brandmarke: „Die haben schon die Hosen voll, wenn sie über die Grenze fahren“, weil sie wissen, dass jeder Zweite erwischt wird, so Maier.

Gemessen an der Häufigkeitszahl, die die Anzahl der Straftaten auf 100.000 Einwohner hochrechnet, sind nicht nur Bad Wörishofen sondern auch die Gemeinden ein sicheres Fleckchen. „Auf dem Land sind alle obersafe“, versichert Maier. Die Häufigkeitszahl von Bad Wörishofen liegt bei nur 2.736, die von Bayern bei 4.615 und auch das Unterallgäu ist mit einer Häufigkeitszahl von 3.148 schlechter gestellt als die Kneippstadt. Doch Markt Wald toppt einfach alles: Dort liegt die Zahl gerade einmal bei 824, „ein Krümelchen, nahezu null“, sagt Maier. Bei den 18 Straftaten, vermutet er, sei wahrscheinlich „18 Mal das Radl umgefallen“. 

Julia Böcken

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