Vergessene Welten im Kunstverein Mindelheim

Sven Fennema zeigt Fotografien der italienischen "Lost Places"

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Sven Fennema stellt seine Bilder von „Lost Places“, also vergessene Orte, aus Italien im Kunstverein Mindelheim „Der Salon“ noch bis zum 30. Januar aus.

Mindelheim – Es hängen noch nicht alle Bilder von den verlassenen Orten Italiens an den Wänden, als der Fotograf Sven Fennema mit dem Wochen KURIER vor der Vernissage über seine Austellung spricht, die noch bis zum 30. Januar geöffnet hat. Der Krefelder stellt seine Werke aus seinem neuen Bildband „Melancholia“ im Kunstverein Mindelheim aus. In der Ausstellung taucht man in längst vergessene Welten ab, lässt sich von der Schönheit des Vergänglichen in den Bann ziehen. Manche dieser Orte in Italien kennt nur Fennema selbst.

Bereits 2015 erschien sein erster Bildband „Nostalgia“, der die Region Norditalien abdeckt. Nun folgt seine zweite Ausgabe„Melancholia“, über Mittel- und Süditalien, in dem Fennema wieder viele neue, verwunschene Orte in Italien entdeckt hat, sogenannte „Lost Places“ (vergessene Orte). Auf 320 Seiten führt er den Leser durch eine Zeitreise mit verwahrlosten Prachtbauten, verfallenen Kirchen und verlassenen Dörfern. „Kein Land hat so viele spannende Objekte“, schwärmt er von Italien. Doch wie findet der Fotograf bloß so faszinierende Gebäude, die den Charme alter Zeiten tragen? „Es ist viel Recherchearbeit und erfordert wochen- bis monatelanges Planen. Ich schaue in Postkartenarchive, italienische Zeitungen, auf Satellitenbilder, in alte Archive oder auf Immobilienseiten im Internet nach leerstehenden Gebäuden“, erklärt Fennema. „Man weiß nie was man am Ende vorfindet.“

In solch alte Villen zu gelangen ist kein Hexenwerk, denn anders als in Deutschland hat Italien keine Sicherungspflichten. „Die Türen stehen meistens offen und wenn nicht, haben die Nachbarn einen Schlüssel“, weiß Fennema. In Italien stehen besonders viele Gebäude leer und werden zum Verkauf angeboten, doch niemand will so viel Geld investieren, um die Villa wieder herzurichten. So schreitet der Verfall immer weiter voran und keiner kümmert sich mehr um das Haus. Es gerät mit der Zeit in Vergessenheit.

Mindestens viermal im Jahr reist der Fotokünstler nach Italien, um neue Villen und Paläste ausfindig zu machen, die von außen zumeist einen schönen Anschein machen, doch im Inneren nach und nach alles in sich zusammenfällt. Manchmal kommt er mit nur fünf Fotos zurück, manchmal auch mit viel mehr. Das hängt vom Zustand des Gebäudes ab. Manche Häuser sind vom Erdbeben in Bologna 2012 zerstört worden und stark einsturzgefährdert. „Dann bleibe auch ich nur im Türrahmen stehen und fotografiere das Zimmer von dort aus“, erzählt Fennema und deutet auf ein Bild in seinem Bildband, wo mitten im Schlafzimmer ein Krater zu sehen ist und man von dort aus direkt in die untere Etage blicken kann.

Im Hinblick auf seine Motive, wie beispielsweise die verlassene psychiatrische Anstalt, deren Behandlungsmethoden fraglich waren oder die Mumiengruft unter der Kirche in Neapel, deren Opfer an der Pest gestorben sind, fragt man sich, ob er es nicht unheimlich fände, dort einen Tag lang alleine zu fotografieren. „Wenn man sich mit dem Totenkult in Italien und der Geschichte einzelner Gebäude beschäftigt, wird es einen schon unbehaglich und man bekommt Gänsehaut beim Anblick, was alles zurückgelassen wurde“, beschreibt Fennema. Doch Angst habe er keine. Es gäbe so viele verwunschene Ecken, die keiner mehr kenne und völlig in Vergessenheit geraten seien, wie zum Beispiel die Wassermühle in der Toskana, fernab von der Zivilisation, dass man meinen könne, man wäre in einer anderen Welt, so Fennema, der seit 2010 selbständig als Fotograf arbeitet.

Der Rheinländer ist fasziniert von den starken, satten Wandfarben in den Villen. Diese halten außerordentlich lange. In seinen Bildern kommen die intensiven Farben besonders gut zur Geltung, ohne viel nachbearbeiten zu müssen. Insgesamt zwei Jahre hat er für seinen neuen Bildband gebraucht. Die Fotografien vor Ort nahmen zum Teil viel Zeit in Anspruch. „Ich musste manchmal bis zu dreimal ins Gebäude gehen, damit das Licht passte“, berichtet Fennema. Er geht erstmal ohne die Kamera in ein Haus, um es auf sich wirken zu lassen und wartet, bis das harte Sonnenlicht der tiefstehenden Sonne weicht. Er fühlt die Orte, indem ein Kopfkino zum fertigen Bild bei ihm abläuft.

Fennema hat sich die Fotografie selber beigebracht und ist eigentlich gelernter Fachinformatiker. Portraits waren jedoch noch nie sein Fall gewesen, dafür umso mehr die Architektur. Immer an seiner Seite hat er zwei Vollformatkameras, eine für das Stativ, die andere zum freihändig Fotografieren.

Die geheimnisvollen Orte will der Autodidakt schützen, denn es gäbe immer wieder Menschen, die solche Stätten respektlos behandeln, Interior und Parkett stehlen oder die Wände mit Graffitti besprühen. Deshalb nennt er nicht die genauen Standorte seiner Motive, damit der Verfall nicht durch Zerstörung anderer beschleunigt wird. Denn irgendwann holt sich die Natur sowieso wieder alles zurück. 

Julia Böcken

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