Nie versiegender Quell der Inspiration

Wie lässt sich die "Ressource" Sebastian Kneipp für Bad Wörishofen besser nutzen?

+
Bad Wörishofen wirbt bekanntlich mit Kneipp. Wie der Wasserdoktor künftig eine noch größere Rolle spielen kann, das diskutierten letzten Sonntag Stadträte und Bürger.

Bad Wörishofen – Bad Wörishofen hat mit der Person Sebastian Kneipps ein besonderes Alleinstellungsmerkmal. Doch wie geht man mit dem Pfarrer und Begründer einer besonderen Gesundheitslehre bzw. seinem Erbe, um? „Sehr bald nach seinem Tode begannen auch die seinem Leben und Wirken nach widersprüchlichsten Aktivitäten, aus denen man Kapital schlug“, befand Reine Glöckner, unabhängige Bürgermeisterkandidatin des Teams Kneippstadt und der SPD. Bei einem Frühschoppen diskutierte Glöckner mit Stadträten und Bürgern über die „Ressource Kneipp“ und wie man diese besser nutzen kann.

Als „Ressource“ werden in der Ökonomie traditionell alle für die Produktion von Waren und Dienstleitungen erforderlichen Mittel verstanden, Bodenschätze, Maschinen und die Mitarbeiter. Doch, so Glöckner, „wenn ich mich nicht täusche hatte der Begriff Ressourcen zu keiner Zeit eine so große Bedeutung und Aktualität wie heute“. Denn der Begriff der ‚Ressource‘ werde noch weit umfassender gebraucht: nicht nur in der Ökonomie und der Finanzwirtschaft. „Vor allem aber in der Psychotherapie, im Bereich der sozialen Arbeit und der Psychologie“. Denn es bedeutet einfach gesagt: „Wo bekomme ich die Energie her, gesund zu bleiben oder gesund zu werden?“ Und beinahe noch wichtiger: „Wie kriege ich es hin, selbst wenn ich angeschlagen bin, mit meinen Einschränkungen trotzdem ein gutes, ja zumindest zufriedenes Leben zu führen?“ Da bietet sich die Lehre Kneipps an – als Quelle, um Energie zu tanken, sich auszukurieren und wieder gesund zu werden, stellte Glöckner fest, um sogleich auf die wahre Quelle dieser Idee zu verweisen. Es sei die Sekretärin Kneipps, Vera ­Freifrau von Vogelsang gewesen, deren 100. Todestag man 2020 begehen könne, die auf die Idee gekommen sei, Kneipp mit dem Begriff der Ressource zu verbinden. Dabei verdankt Kneipp seiner Sekretärin die Bekanntheit in aller Welt. Hatte sie doch als erste einen französischen Newsletter „Le Kneippiste“ verlegt und zahlreiche weitere Druckwerke, die den Ruf Kneipps und dessen Wirken in die Welt hinaustrugen.

Ist Kneipp also ein unversiegbarer Quell, hakte Glöckner nach: „Kneipp – die Weltmarke, die unentwegt Geld in die Kassen spült oder zumindest gespült hat?“. Akribisch ging Glöckner dieser Frage nach und beleuchtete dabei zahlreiche Aspekte der Vermarktung bis zum heutigen Tag, wo mit dem, aus dem asiatischen Raum stammenden, Waldbaden die Lehre Kneipps verwässert wird und sogar Forschungsinstitute der Ansicht sind, dass Bad Wörishofen sich doch bis zum Jubiläumsjahr 2021 ein Alleinstellungsmerkmal suchen sollte.

"Runter vom Gas"

Während man auch in der Kneippstadt allen Moden und Trends hinterherlaufe (Waldbaden, Wellness oder Yoga) hatte der Kurpfarrer eine ganz einfache Lehre vertreten: Maß halten. „Er hat uns damit gesagt“, so Glöckner, „Runter vom Gas – in jeder Hinsicht. Tempo rausnehmen, materiellen Überfluss und Konsumrausch mal nach unten korrigieren, menschlichen, sozialen Werten mehr Raum geben und solidarisch handeln“. Nun stelle sich die Frage, warum man nicht mit und um Kneipps Stärken und sein Eintreten für Natur, Kreatur und Kinder in Bad Wörishofen werbe? „Oder kenne ich die Angebote für ‚Imkern mit und nach Kneipp für Familien‘ oder ‚Spitz pass auf: mit Kind, Kater und Kegel ins tierfreundliche Bad Wörishofen‘ nur nicht“, so Glöckner. Fast die Hälfte der Beherbergungsbetriebe Wörishofens würden angeben, haustierfreundlich zu sein. „Wissen Sie, welcher Stellenwert und welche Wertschöpfung Haustieren aktuell im Marktgeschehen zukommt?“, fragte Glöckner: „Das ist ein Milliarden-Markt“. Der ebenso wenig bearbeitet werde wie das Thema bzw. Gütesiegel „Fairtrade“, für das es zwei ehrenamtliche Mitarbeiter gebe, aber das keinen Niederschlag finde im Marketing.

Es waren aber nicht nur diese Punkte, bei denen Glöckner mit der Verwaltung, insbesondere aber dem Kur- und Tourismusbetrieb, hart ins Gericht ging. „Was soll man nun davon halten, wenn in den letzten acht Jahresberichten der Kurdirektion sich nicht einmal eine Erhebung über die Zahl oder den Zustand der abgegebenen Kneippkuren im Ort finden lässt?“ Während das Thema Kur kaum noch Erwähnung finde und man seitens der „Kurdirektion“ auch den Gästen nicht behilflich sein kann, eine Kur zu buchen, werde das Souvenirangebot des Tourismusbetriebes in Stückwerten von 2,50 Euro aufgelistet Und während man quasi die Inhaltsangaben der Jahresberichte vom Vorjahr übernehme, fehlten Stichpunkte wie Innovation, Initiative und „in die Zukunft“. Nie aber habe sie aber etwas über das individuelle Gesundheitsmanagement IGM gelesen – ein mit immerhin zwei Millionen Euro ausgestattetes Projekt, das auch einen Standort in Bad Wörishofen mit einer Mitarbeiterin der Kurdirektion als verantwortlicher Fachkraft hat. Und weiter stelle Glöckner fest: „Fehlanzeige auch bei den Stichworten Kokonat – das Kompetenzzentrum für Komplementär-und Naturmedizin mit Sitz in München oder dem Internationalen KurOrtMedizinKompetenzzentrum IKOM, das derzeit in Bad Kissingen in einem Altbau aufgebaut wird. Das IKOM ist gut 45 Millionen Euro schwer, so Glöckner über ihre Recherchen, „und zig Arbeitsplätze sind beabsichtigt“.

Kneipperlebnisse?

Und während Kneipp fokussiert war auf sein Handeln, herrsche in der Kneippstadt heute Aktionismus. Nicht anders könne man das betiteln, was sich vor aller Augen abspiele: „Man schwärmt aktuell nach Peking zu Waldbade-Kongressen aus“. Vermutlich werde den Kurgäste bald Pekingente an Wildkräuterjus à la Kneipp vorgesetzt, bevor man sie dann zum gecoachten Waldbaden schicke. „Das nenne ich mal Kneipp erleben“. Immerhin: Wie man im Ortsprospekt nachlesen kann, lebte Kneipp 40 Jahre lang in Bad Wörishofen. Von seinem Wirken aber liest man nichts mehr, wie Regine Glöckner in ihrer Kritik weiter feststellte. Und auch seitens der Bürger und Stadträte herrscht Konsens, dass es so nicht weitergehen sollte. 

Oliver Sommer

Auch interessant

Meistgelesen

Vermisste Katzen in unserer Region
Vermisste Katzen in unserer Region
Mindelheimer Schauspieler Pat Wind präsentiert in München seinen zweiten Kinofilm
Mindelheimer Schauspieler Pat Wind präsentiert in München seinen zweiten Kinofilm
Bad Wörishofen: Für einen Rathaus-Umzug ins Kloster fehlt das Geld
Bad Wörishofen: Für einen Rathaus-Umzug ins Kloster fehlt das Geld
Irsingen: Lösung fürs Feuerwehrhaus ist gefunden
Irsingen: Lösung fürs Feuerwehrhaus ist gefunden

Kommentare