"Bei jeder Wunde bleibt ein bisschen Narbe zurück"

Belastende Einsätze: Psychologische Unterstützung für Unterallgäuer Feuerwehrler 

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Die Feuerwehrmänner Hermann Hesse (links) und Marc-Henning Eggert (rechts) leiten seit April 2018 das PSNV-E im Unterallgäu.

Unterallgäu – Um Kameraden vor, während und nach belastenden Einsätzen zu unterstützen, hat die Kreisbrandinspektion des Landkreises Unterallgäu seit April 2018 eine Psychosoziale Notfallversorgung für Einsatzkräfte (PSNV-E) eingerichtet. Der Leiter des PSNV-E und Feuerwehrmann bei der Freiwilligen Feuerwehr Mindelheim, Hermann Hesse, erinnert sich an einen Einsatz vor ein paar Jahren, als eine Frau über ein halbes Jahr hinweg tot in ihrer Wohnung lag, nicht als vermisst gemeldet wurde, ihre Rollläden die Fenster verdeckten und der Adventskranz noch auf dem Tisch stand, obwohl Pfingstferien waren. So etwas lasse einen nicht kalt. Die Leiche sei mumifiziert gewesen, nicht verwest – der Anblick also auch für einen Feuerwehrmann nicht alltäglich. Bei solchen Einsätzen ist psychologischer Rat gefragt.

Was tun, wenn Hilfe dazu führt, dass man selber Hilfe benötigt? Die Arbeit eines Feuerwehrmannes ist nicht gerade ungefährlich, nicht immer angenehm und schon gar nicht „nur ein Hobby wie Schachspielen“, wie es der stellvertretende Leiter des PSNV-E und Feuerwehrmann bei der Freiwilligen Feuerwehr Mindelheim Marc-Henning Eggert gern vergleicht, sondern eine Lebenseinstellung.

„Wenn dein Melder anfängt zu piepen, dann kann es zu jedem Zeitpunkt sein. Du wirst aus dem Schlaf oder aus einer Familienfeier gerissen und rennst dahin, wo andere wegrennen würden.“ Vor allem spielt die Ungewissheit eine große Rolle, denn man weiß vorher nicht, was beim Einsatz auf einen zukommt. Die Angst fährt ständig mit, vor allem dann, wenn man ausrückt und Familienangehörige nicht anwesend sind. „Dann denkt man sich: Hoffentlich sind es nicht die Eigenen, die bei dem Unfall verunglückt sind“, sagt Eggert. „Je mehr man denjenigen kennt, desto näher geht es einem.“ Er spricht aus Erfahrung, denn auch er hatte schon einmal Bekannte, die er tot geborgen hat.

Hesse erklärt den Ablauf bei einem brennenden Auto mit zwei Insassen: „Beim ersten Einsatzabschnitt heißt es, den Wagen zu löschen. Dann wartet man zwei bis drei Stunden auf den Sachverständiger, der die Beweisaufnahme durchführt. Erst wenn die Beweisaufnahme beendet ist, können die Feuerwehrmänner die verkohlten Leichen bergen.“ In der Zwischenzeit werden die Einsatzleiter und Feuerwehrleute auf den bevorstehenden Einsatz seelisch vorbereitet und betreut. Je nach Tagesverfassung ist nicht jeder Kamerad für einen solchen Einsatz geeignet. Nur die an dem Tag in psychischer und physischer Bestform sind, können die Leichen auch aus dem Auto herausholen. Wenn man die Einsatzbereitschaft der Kameraden wieder hergestellt hat, ist der Einsatz erfolgreich abgeschlossen. „Es ist wie ein Schaden am Feuerwehrauto oder an Geräten nach einem Einsatz: Sie müssen repariert werden. Gleiches gilt auch für unsere Kameraden“, vergleicht Hesse. Es sei wichtig, sich untereinander auszutauschen, mit Gleichgesinnten zu reden, die selbes erlebt haben, um mit ihnen auf einer Wellenlänge kommunizieren zu können.

Einsatzkräfte erleben viel in ihren Berufsjahren. Eggert ist schon seit 25 Jahren dabei, Hesse seit 1982. Sie blicken auf viele Einsätze zurück aber sehen auch, wie sich diese wandeln. „Heutzutage gibt es mehr Verkehrsunfälle und weniger Brände, dank dem Brandschutz. Auch die Menschen in den Autos schauen nicht mehr so schlimm aus wie vor einigen Jahren, als es noch keine Airbags gab“, erinnert sich Hesse. Doch mit Anblicken von abgetrennten Gliedmaßen, schmerzverzerrten Gesichtern und verzweifelten Schreien, Toten, Blut und Hilflosigkeit, haben die Feuerwehrmänner immer noch zu kämpfen. Dann müssen sie auch noch unter Zeitdruck und hoher körperlichen Belastung arbeiten, abrufbereit sein. Dadurch entsteht viel Stress. Normalerweise soll man die Bilder der hilflosen oder toten Personen und Stimmen im Kopf „mit der Kleidung in den Spind hängen und nicht mit nach Hause nehmen“, wie Eggert es beschreibt, doch irgendwann kommt dieses „Quäntchen, was das Fass zum überlaufen bringt“, ergänzt Hesse.

Das Erlebte muss zwischen zwei und vier Wochen verarbeitet werden, ansonsten wird geraten, sich einen Psychologen aufzusuchen. Folgen eines Einsatzes können eine posttraumatische Belastungsstörung oder der Hang zum Drogenkonsum auslösen.

Präventionsmaßnahmen

Um solche psychischen Probleme vorzubeugen, sind die Präventionsmaßnahmen des PSNV-E sehr wichtig, denn „Prävention ist besser als Rehabilitation“, weiß Eggert. Deshalb bieten sie für das Unterallgäu separate Schulungen auch für kleinere Feuerwehren an. Ihr Hauptaugenmerk liegt darauf, den Kameraden aufzuzeigen, wie man sich auf einen belastenden Einsatz vorbereitet, wie man sich verhält und reagiert, was bei einen psychisch passiert und wo man sich Hilfe suchen kann.

Nur fünf Prozent ihrer Arbeit machen die Einsätze des PSNV-E aus, denn sie sind noch im Aufbau. Eine psychosoziale Fachkraft haben sie noch nicht. Es ist schwer, eine zu finden, denn neben einem Studium im psychologischen oder medizinischen Bereich, muss derjenige auch noch aktiver Feuerwehrmann/-frau sein, damit er seine Einsatzerfahrung mit dem Betroffenen teilen kann. Die psychologische Fachkraft muss wissen, wie sich der Betroffene fühlt, was er durchgemacht hat, als er zwei Füße unter dem Zug hervorholte oder jemand in seinen Armen gestorben ist. Nur durch dieses Verständnis, kann er für denjenigen eine Hilfe sein, das Erlebte zu verarbeiten. „Die Erlebnisse sind nicht normal, daher ist es normal, darauf nicht normal zu reagieren“, sagt Eggert.

Das Angebot des PSNV-E gibt es zudem schon seit acht Jahren in Memmingen. Insgesamt sind 20 Personen der Feuerwehr für das PSNV-E im Unterallgäu zuständig, davon sechs bis acht in Mindelheim.

Von den circa 170 Einsätzen der Freiwilligen Feuerwehr im Jahr sind zwei Drittel Verkehrsunfälle. Da gibt es Phasen mit mehr oder weniger Leichen. Doch nicht nur das Leben anderer müssen sie retten, sondern auch ihr eigenes, denn Übergriffe und Bedrohungen auf Einsatzkräfte und gefährliche Situationen auf der Autobahn, beim Absichern einer Unfallstelle zum Beispiel, nehmen zu. Manche Autofahrer bremsen gar nicht ab und rasen direkt auf die Feuerwehrmänner zu, wie vor einigen Monaten auf der A96, wo offenbar nur ein Schutzengel die Männer am Leben ließ.

„Bei jeder Wunde bleibt ein bisschen Narbe zurück“, bringt Hesse es auf den Punkt. Bei jedem Einsatz bleibt etwas in der Seele zurück, manchmal mehr, manchmal weniger Leid.

 Julia Böcken

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