Auch Unterallgäu bald betroffen?

Immer mehr Landärzte über 60 Jahre alt

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Landärzte werden immer älter, viele sind schon über 60 Jahre alt. Um einem Ärztemangel vorzubeugen, muss Nachwuchs her, der auf die freiwerdende Stelle nachrückt.

Unterallgäu – Der demografische Wandel macht sich auch bei den Ärzten bemerkbar, denn immer mehr Ärzte sind bereits über 60 Jahre alt. Besonders auf dem Land herrscht ein Ärztemangel, weshalb Nachwuchs dringend gesucht wird. Dies soll durch bestimmte Förderungsmaßnahmen für Medizinstudenten geändert werden, wie Dr. med. Max Kaplan, Vizepräsident der Bundesärztekammer, im Kreistag berichtete. Dem Unterallgäu und Memmingen geht es aktuell noch gut, hier praktizieren 121 Hausärzte.

Kaplan führte den Mitgliedern des Kreistages vor Augen, wie Deutschland unter dem Pflegenotstand leidet, denn die Menschheit und damit auch die behandelnden Ärzte werden immer älter und so steigt auch der Pflegebedarf an. Bis 2050 soll der Anteil der über 80-Jährigen um 156 Prozent zunehmen. Ob dann noch genug Haus­ärzte zur Verfügung stehen, scheint aktuell fraglich, denn in Bayern sind diese im Schnitt 55 Jahre alt. Fast 35 Prozent unter ihnen haben sogar die 60 Jahre schon überschritten. Bei den Fachärzten sieht es nicht viel besser aus, das zeigt das KVB-Ärzteregister aus dem Jahr 2016.

Ein Problem sind zudem die unterschiedlichen Anforderungen in Ballungsgebieten und auf dem Land. Während es in Großstädten durch mehr Leistungsanbieter zu einer Überversorgung kommt, sieht es auf dem Land recht mager aus. Die Landärzte sterben aus, weil es viele junge Menschen in die Stadt zieht.

Auch in Memmingen-Süd und Mindelheim droht die Unterversorgung. Noch ist hier der Versorgungsgrad gut, doch in den nächsten fünf Jahren geht in Mindelheim über die Hälfte der Ärzte in Rente. „Sie werden somit aus der medizinischen Versorgung ausscheiden“, sagte Kaplan. Wenn die dadurch entstehenden leeren Stellen nicht nachbesetzt werden, gibt es bald zu wenige Hausärzte in der Region. In Memmingen-Süd sind es 33 Prozent der Ärzte, die kurz vor der Pension stehen. Keine Sorgen müssen sich derweil Bad Wörishofen und der Memminger Norden machen, dort herrscht noch kein Mangel an Hausärzten.

Regional im Rückstand

Das Unterallgäu hinkt im Vergleich zu den Ballungsgebieten des Allgäus, Memmingen und Kempten von der Anzahl der Hausärzte hinterher – im bayernweiten Durchschnitt ist das Unterallgäu aber sogar besser mit Hausärzten bestückt (insgesamt 121 Hausärzte, ein Hausarzt auf 1.547 Einwohner).

Die stationäre Versorgung in Bayern stellt sich dagegen weniger dramatisch dar. Im Unterallgäu sind 487 Betten pro 100.000 Einwohner verfügbar. Jedoch belegen die Zahlen auch, dass der stationäre Aufenthalt im Krankenhaus immer kürzer wird. Patienten, die 1992 im Krankenhaus eingeliefert wurden, waren im Schnitt 13 Tage dort, 2017 hat sich die Verweildauer fast halbiert auf sieben Tage, wie das Statistik-Portal „statista“ zeigt. Die Krankenhäuser streben aus wirtschaftlichen Gründen einen schnellen Patientenwechsel an. Sobald eine medizinische Versorgung nicht mehr notwendig ist, muss also ein Patient das Krankenhaus verlassen, um den Platz zu räumen. Diese Patienten wiederum seien aber zum Teil nicht fit genug, um zu Hause alleine zurecht zu kommen. „Sie brauchen eine Kurzzeitpflege, die sie zu Hause betreut. Es soll eine Art Zwischenstufe sein, als Anschluss an die Akutversorgung“, erklärte Kaplan. Jedoch fehlt es an Fachkräfte. Kaplan appellierte daran, die Pflegekräfte auszubauen und in das Gesundheitssystem zu integrieren.

Lösungsansätze der Politik

Lösungen zum Ärztemangel aus der Politik gibt es vor allem bei der neuen Vergaberegelung für Medizin-Studienplätze. Die Anzahl der Plätze müsse erhöht werden, so Kaplan. Darüber hinaus sollen neue Professorenstellen für die Allgemeinmedizin an allen bayrischen Universitäten und medizinische Fakultäten eingerichtet werden. Auch das Auswahlverfahren für die Zulassung ändert sich: Nun werden 30 Prozent aller Bewerber mit der besten Abiturnote zum Studium zugelassen – zuvor waren es nur 20 Prozent.

Die Quote für die Wartesemester fällt weg. Dafür haben jetzt diejenigen eine Chance auf ein Studienplatz, die das hochschuleigene Auswahlverfahren bestehen. Dies macht eine Quote von 60 Prozent aus. Neben den typischen Eignungstests für Medizinstudiengänge, kann nun auch eine vorherige Berufsausbildung Erfolg versprechen.

Die Attraktivität des Arztberufes soll ebenfalls gesteigert werden. Das Bayrische Staatsministerium für Gesundheit und Pflege bietet ein spezielles Ausbildungsprogramm für Landärzte an. Damit will die bayrische Gesundheitsministerin Melanie Huml junge Mediziner aus der Stadt auf das Land locken. Durch das Forschungs- und Lehrprojekt „Beste Landpartie Allgemeinmedizin (BeLA)“ der Technischen Universität München arbeiten ausgewählte Lehrkrankenhäuser mit den regionalen Arztpraxen zusammen. Die angehenden Mediziner werden intensiv, auch durch Mentoren, betreut und erhalten Wohnungsangebote, damit sie sich gut in ihrer neuen Region einleben können. Und auch einen finanziellen Anreiz gibt es: Studierende, die auf dem Land als Arzt mindestens fünf Jahre praktizieren wollen, bekommen im Rahmen des Förderprogramms ein Stipendium in Höhe von 600 Euro im Monat. Insgesamt sind 3,5 Millionen Euro für diese Förderung vorgesehen.

Bei der Besetzung von offenen Stellen für Ärzte oder in der Pflege wird in Bayern künftig auf eine korrekte deutsche Sprache geachtet. Die Arbeitnehmer sollen mindestens das Sprachniveau C1 haben, um eine Approbation zu bekommen.

Ein weiterer Lösungsansatz ist die bessere Kooperation und Vernetzung der einzelnen Gesundheitsberufe. Das heißt, dass der Hausarzt beispielsweise zu Pflegeheimen, Seelsorgern und anderen Fachärzten intensiveren Kontakt haben soll, um die Patienten besser zu behandeln und zu vermitteln. Ferner sollen durch verschiedene Zuschüsse die Ärzte gefördert werden. Ärzte über 63 Jahre, die noch eine Praxis führen, sollen ebenso einen Zuschuss erhalten wie auch verschiedene Anstellungen in der Arztpraxis. Dies gilt auch bei der Errichtung einer Zweigstelle oder, wenn ein Arzt seine Praxis erweitern will.

Bessere Work-Life-Balance

Um den Beruf des Arztes noch schmackhafter zu machen, soll der Bereitschaftsdienst neu strukturiert werden, damit ein Arzt nicht mehr jedes Wochenende abrufbereit sein muss. Auch tendiert die Entwicklung von einer Einzelpraxis zu einer Gemeinschaftspraxis oder gleich einem Ärztehaus, damit sich die Praxen untereinander besser verbinden können. Für Ärzte soll es zudem eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf geben. Schnelles Internet und eine gute ÖPNV-Anbindung sollen ebenfalls Ärzte aufs Land locken.

Zudem will Memmingen am Projekt „GesundheitsregionenPlus“ teilnehmen. Durch dieses Konzept soll die medizinische Versorgung und die Prävention im Freistaat Bayern verbessert werden. Der Freistaat unterstützt dies durch Fördermittel. Dieses Projekt ist aber nur ab einer bestimmten Gebietsgröße sinnvoll. Auch der Landkreis Unterallgäu signalisierte bereits Interesse, sich am Projekt zu beteiligen.

Julia Böcken

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