„Nochmal so ein Jahr will ich nicht haben“

Corona-Krise verursacht starke Umsatzeinbrüche bei regionalen Brauereien

leere Bierflaschen
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Durch den Verkauf von Flaschenbier lässt sich zwar ein gewisser Teil der Umsatzeinbrüche auffangen, aber das reicht bei Weitem nicht aus, um den Verlust aus Veranstaltungen und Gastronomie auszugleichen.
  • vonAnna Müller
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Unterallgäu/Memmingen – Keine Feste, keine Feiern und die Gastronomie hat geschlossen. Für Brauereien war 2020 ein sehr schwieriges Jahr – und auch 2021 dürfte nicht einfach werden. Wie gehen die Brauereien in der Region mit dieser Situation um?

Der Bayerische Brauerbund spricht von „enormen Absatzverschiebungen innerhalb des Biermarktes, die viele Brauereien in nackte Existenznot bringen“. So würden etwa 30 Prozent des bayerischen Bieres in der Gastronomie abgesetzt. Ähnlich schmerzhaft seien Umsatzverluste der circa eine Million fehlenden Hektoliter, die sonst auf Volksfesten in Bayern ausgeschenkt würden.

Auch den Brauereien in der Region fehlen die Umsätze, die sie sonst mit Festen und Feiern gemacht hätten. Hans Roth von Storchenbräu in Pfaffenhausen macht sich große Sorgen um die Traditionsfeste und die Vereine, die sie ausrichten. Er hofft, „dass diese gewachsenen und fürs Zusammenleben wichtigen Strukturen auch nach Corona noch existieren“. Besonders schwierig sei es laut Roth jedoch im Gastronomiebereich. Die Hauptsorge sei, „dass die Gaststätten überleben“.

Storchenbräu selbst sei bei all dem aber noch „mit einem blauen Auge davongekommen“. Neben den klassischen Absatzmärkten Gastronomie und Veranstaltungen betreibt die Brauerei einen Heimlieferdienst und ihr Bier ist in vielen Getränkemärkten zu finden. Damit sei man in Pfaffenhausen etwas breiter aufgestellt als andere Brauereien.

Wichtig sei es laut Roth gerade jetzt in der Krise, flexibel zu bleiben und immer neue Wege zu finden, das eigene Bier zu vermarkten. Ein großer Erfolg – auch in den sozialen Medien – sei zum Beispiel eine Version von Mensch-ärgere-dich-nicht gewesen, die mit Bierflaschen gespielt wird. So bleibt man im Gespräch und lockt neue Kunden an.

Wann dürfen Gaststätten wieder öffnen und wie lange wird die Krise überhaupt noch dauern? Adolf Müller von der Lindenbrauerei in Mindelheim setzt vor allem diese Ungewissheit zu. „Das geht mit der Zeit an die Substanz.“ Aber momentan gehe es einfach allen Brauereien und auch vielen anderen Betrieben genauso. Auch die Lindenbrauerei beliefert normalerweise jedes Jahr eine ganze Reihe an Festen mit Getränken – dieser nicht unerhebliche Teil des Geschäfts fällt nun schon seit Monaten weg. Woanders gibt es aber Zuwachs: Das Flaschenbier würde sich laut Müller mittlerweile sogar besser verkaufen als vor der Corona-Krise.

Trotzdem fehlt einfach die Gastronomie als Abnehmer. Auch Müller hofft, dass die Gaststätten in absehbarer Zeit wieder öffnen dürfen, vor allem, da diese viel Zeit, Arbeit und Geld in Hygienekonzepte investiert hätten. Er versteht aber auch die Vorsicht vor den Mutationen des Coronavirus, die sich weiter ausbreiten – schließlich sind Gesundheit und Menschenleben in Gefahr.

Was er nicht nachvollziehen kann, ist, dass Brauereigaststätten, die ebenfalls komplett zusperren mussten, momentan keine staatlichen Zuschüsse bekommen. Die gelten nämlich nicht als Gastronomie, sondern fallen als sogenannte „Mischbetriebe“ durch das Förderraster und gehen leer aus. Ein Zustand, den auch der Bayerische Brauerbund bemängelt. „Hier besteht dringender Handlungs- und Nachbesserungsbedarf“, heißt es vonseiten des Verbands.

Der Brauerbund fordert außerdem Hilfspakete und Planungssicherheit für die Brauereien. Wolfgang Kesselschläger von der Memminger Brauerei stimmt dem zu. Eine solche finanzielle Unterstützung würde „auf jeden Fall“ Sinn machen, abhängig davon, wie die einzelnen Brauereien aufgestellt sind. Denn die Betriebe, die mehr in der Gastronomie tätig sind, haben mehr Einbußen als diejenigen, die verstärkt im Handel Fuß gefasst haben. In der Memminger Brauerei mache das Geschäft mit der Gastronomie rund 70 Prozent des Umsatzes aus – Einnahmen, die komplett weggebrochen sind. Zum Teil habe man das durch verstärkte Konzentration auf den Handel abfedern können, sodass der Umsatzeinbruch laut Kesselschläger nun bei circa 50 Prozent liege.

Selbstverständlich fehlen auch der Memminger Brauerei die Einnahmen durch Feste und Feiern. Laut Kesselschläger beliefert der Betrieb pro Jahr rund 1.200 Veranstaltungen, darunter circa fünf bis sieben große Zeltfeste mit 20.000 bis 30.000 Besuchern. Dieses Jahr fallen dazu auch noch die abgesagten Faschingsumzüge ins Gewicht. „Das haut schon rein“, sagt Kesselschläger. Für die nächsten Monate erhofft er sich vor allem Planungssicherheit und eine verantwortungsvolle, vorsichtige Öffnung. „Nochmal so ein Jahr will ich nicht haben“, sagt er.

Anna Müller

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