"Schmerztablette hier und da" reicht nicht

Mindelheim: Bürger diskutieren über Verkehrskonzept rund ums Maristenareal

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Einzellösungen oder Schmerztabletten, wie Experte Andreas Bergmann (kleines Foto) meinte, werden das Verkehrsproblem rund ums Maristenareal auf Dauer nicht lösen: Ein Beispiel: der Bauzaun, der die „­Mama-Taxis“ verhindern soll.

Mindelheim – Mit einer neuen Beschilderung oder einer angepassten Ampelschaltung ist es hier nicht getan, das wurde im jüngsten Bürgerdialog in der Unterkirche am Champagnatplatz einmal mehr klar. Schon im November 2017 hatte die Stadt die Bürger um Meinungen gebeten, wie das hohe Verkehrsaufkommen rund um das Maristenareal reduziert werden könne. Und schon damals hatte es viele Beschwerden aber auch Ideen gegeben, wobei eine Ideallösung für sämtliche verschiedene Interessensgruppen wohl unmöglich sein dürfte.

Auf der Suche nach dem bestmöglichen Kompromiss hatte die Stadt am Donnerstag vergangener Woche Andreas Bergmann vom Büro „Stadt, Land, Verkehr“ eingeladen, der die Anliegen der Bürger einschätzte. Moderiert wurde die Veranstaltung vom Schäuble-Institut für Sozialforschung aus München.

Wie komplex das Problem ist, machte Bürgermeister Dr. Stephan Winter in seiner Eingangsrede deutlich – er hielt sich ansonsten bewusst zurück, um die gut 100 Bürger mit den Experten aus der Landeshauptstadt diskutieren zu lassen. Wie Winter meinte, bestehe die Schwierigkeit darin, „alle Gruppen unter einen Hut“ zu bekommen. Es gehe schließlich nicht nur um Schüler und Autofahrer, sondern auch um Lehrer, Anwohner, Radfahrer und Busse.

Moderatorin Ingegerd Schäuble erklärte, Ziel des Dialogs sei eine Empfehlung an den Stadtrat. Auch nach dem letzten Anlauf im November 2017 schon hatten die Münchner Planer den Mindelheimer Räten ihre Ergebnisse vorgelegt und Änderungen vorgeschlagen – die zum Teil auch schon umgesetzt wurden oder konkret geplant sind. So gibt es bereits eine Einbahnstraße über das ehemalige Internatsgelände, eine neue Busverbindung auch für Mindelheimer Schüler (der Wochen KURIER berichtete) und bald auch eine Fußgängerbrücke über die Mindel, sodass Eltern auf der Schwabenwiese parken könnten, um ihre Kinder abzuholen. Diese sogenannten „Mama-Taxis“ gelten als eines der Hauptprobleme, wie auch Bergmann erklärte.

Auch gegen die „Mama-Taxis“ hat die Stadt neben der neuen Buslinie schon etwas unternommen: und zwar mit dem Aufstellen eines Bauzauns, der als optische Barriere das sogenannte „Kiss & Go“, also das Aussteigenlassen und Weiterfahren, direkt vor dem Schuleingang am Maristenkolleg verhindern soll. Der Haken an der Sache: Das Problem wird dadurch nicht gelöst, sondern verlagert sich in umliegende Straßen. Und ohnehin, das betonten auch die Planer, sei der Zaun ästhetisch nicht gerade ansprechend und auch „keine Lösung für die Zukunft“. Bergmann: „Mit einer Schmerztablette hier und da ist es nicht getan.“

Viel Gesprächsbedarf

Wie aber könnte nun ein Gesamtkonzept rund ums Maristenareal aussehen? Darum ging es in der anschließenden Diskussion, an der sich insbesondere zahlreiche Anwohner und Schulvertreter zu Wort meldeten – und dabei durchaus unterschiedliche Ansichten hatten.

Eine der zentralen Säulen, die im neuen Konzept berücksichtigt werden muss, ist die Schwabenwiese. Hatten im letzten Bürgerdialog noch Aspekte wie Driften oder die Rastmöglichkeit für LKW dort eine Rolle gespielt, ging es diesmal auch darum, ob die Wiese überhaupt als Lösung für das Verkehrsproblem herhalten sollte – so auch im Statement von ­Tobias Hötzel, der in diesem Zusammenhang gefordert hatte, „die Leute sollen ja gar nicht erst reinfahren“. Planer Bergmann warb dafür, die Schwabenwiese umzugestalten und in ausgewiesene Bereiche aufzuteilen – Aktionsflächen im Norden, Parkflächen im Süden. Wichtig dabei sei, dass langsam gefahren werde. Und das könne man laut Bergmann mit einem Zick-Zack-Kurs erreichen, in dem die Parker ein- und ausgeleitet werden.

Prostimmen gab es derweil auch für die Öffnung der Schwabenwiese in Nord/Süd-Richtung. Alexandra Walter vom Elternbeirat des Maristenkollegs etwa monierte als Ursache der vielen Staus den schier unmöglichen Abflussverkehr: „Wir fahren nicht in die Schwabenwiese rein, weil wir dann nicht mehr rauskommen.“ Die Öffnung der Schwabenwiese würde deshalb laut Walter „Spannung rausnehmen“.

Entlastung würde das laut Klaus Eschenbach, Anlieger des Mühlwegs, auch für die immer mehr beanspruchten Nebenstraßen bedeuten, zu denen neben dem Mühlweg auch der Gaßnerplatz und die Hauptlehrer-Lang-Straße zählen. Denn dort spitze sich der Verkehr immer mehr zu – seiner Meinung nach auch dadurch, dass der Abfluss über die Georgenstraße nicht möglich sei. Realschuldirektorin Maria Schmölz plädierte dafür, die Öffnung der Schwabenwiese zumindest vorübergehend zu testen.

Aber nicht nur der fließende bzw. stockende Verkehr sondern auch der ruhende kam zur Sprache. Denn in den besagten Nebenstraßen klagen die Anwohner auch darüber, Berufsschüler würden ihre Straße zuparken und den Verkehr noch weiter verlangsamen. Und während die Parkflächen entlang der Mindel in Richtung des Kletterturms fest in der Hand der Landratsamtmitarbeiter seien, würden zahlreiche, kostenpflichtige Parkplätze in der Tiefgarage auf dem ehemaligen Internatsareal leer bleiben – weil, so die Beobachtung vieler Anwohner, die Schüler lieber in den Wohngebieten parken als 45 Euro monatliche Stellplatzmiete zu zahlen. Kostenlose Tiefgaragenplätze könnten entschärfen.

Parkflächen im Süden?

Mehrfach wurde auch angeregt, eine freie Fläche südlich der Bahnlinie in die Planungen miteinzubeziehen, um dort weitere Parkplätze anbieten zu können. Problem nur: Das Grundstück gehört der Stadt nicht. Und wie Bürgermeister Winter verriet, habe man bereits Gespräche geführt, der Eigentümer sei aber nicht bereit zum Verkauf.

Andernfalls, auch das wurde von einer Bürgerin überlegt, hätte man auch den Lehrerparkplatz auf besagtes Grundstück umziehen können und die jetzigen Parkflächen der immerhin rund 100 Lehrer zur „Kiss & Go“-Zone erklären können. Daraufhin entgegnete eine Lehrerin des Maristenkollegs, das sei für einen mit Materialien beladenen Lehrer nicht zumutbar – genauso wenig, wie mit dem Bus zusammen mit 50 Schülern zum Unterricht zu fahren.

Die Stadt Mindelheim will die Ergebnisse des rund dreistündigen Bürgerdialogs auf seiner Homepage veröffentlichen. Bevor der Stadtrat vor der Sommerpause eine Lösung für die Verkehrsproblematik beschließen will, könnte es am 4. Juni einen weiteren Austausch mit den Bürgern geben. 

Marco Tobisch

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