Über das „Amazon-Zeitalter“ und die nicht zu erwartende Finanzkrise

Mindelheim: Deutsche Schuhbranche tauscht sich bei Gabor aus

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Die Gäste wurden in fünf Gruppen durch das Logistikzentrum von Gabor geführt.
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Mindelheim – Das elfte HDSL Symposium des Bundesverbandes der Schuh- und Lederwarenindustrie wurde „im größten Schuhschrank Deutschlands“, wie die Moderatorin Claudia Schulz vom Deutschen Schuhinstitut beschrieb, ausgetragen. Damit meint sie das Logistikzentrum von Gabor in Mindelheim, das rund 100 Schuhhersteller besichtigt haben.

Die Gäste wurden in fünf Gruppen durch das Logistikzentrum von Gabor geführt.

Beim Branchentreff kamen Gäste aus Industrie und Handel zusammen, um sich über die „brisante Entwicklung“, wie es Vorsitzender der HDSL, Carl-August Seibel, formulierte, zu informieren. Unter dem Motto „Die Branche in Bewegung“ warf Schulz die Frage in den Raum, wie beweglich und fit man eigentlich für die Zukunft gewappnet sein müsste.

„Wer Geld mit Mode machen will, muss sich neu orientieren“, ist Seibel der Auffassung. Das Motto „schneller, höher, weiter“ müsse kritisch hinterfragt werden. Heute müsse man mehr Wert auf Nachhaltigkeit und Transparenz legen, denn Trends werden nun wöchentlich mit der Devise entworfen, immer schneller und immer günstiger zu werden. Dadurch entstehe ein Druck, der für die Taschen- und Schuhlieferanten kaum noch zu bewältigen sei.

Bei der „Fast Fashion“ kauft man immer mehr Kleidung, die man eigentlich gar nicht benötigt. Durch Plattformen wie Ins­ta­gram werde die Kaufsucht befeuert. Daher hat der durchschnittliche Deutsche auch viermal mehr Kleidung im Schrank als noch vor 30 Jahren. Bis zu 20 Kleidungsstücke werden erst gar nicht getragen, viele auch nur ein bis zweimal.

Um den Trend von Limited Editions und Sale-Angeboten entgegenzuwirken, müsse man die Richtung zur „Slow Fashion“ einschlagen. Durch die Entschleunigung der Mode kauft man bewusster ein. Vor allem junge Leute wollen dem Hersteller vertrauen können. Dazu zählt auch das Wissen, woher die Ware kommt.

Für die Zukunft appelliert Seidel, die alten Denkmuster zu hinterfragen. Kreativität und Qualität zähle mehr als Quantität. Man müsse das eigene Handeln ändern, um der wachsenden Bedeutung des Onlineshops gerecht zu werden sowie nachhaltiger und wirtschaftlicher zu produzieren.

Keine Finanzkrise erwartet

Über das endlose Warten auf eine Finanzkrise ging es bei Carolin Schulze Palstring von der Metzler Private Banking. Viele Beobachter hätten auf eine große Krise gewartet, die aber nie kam. Die politökonomische Unsicherheit sei „so hoch wie noch nie“ dank Donald Trump, der „die Handels­politik nicht nach Freund und Feind unterscheidet“, wie Schulze Palstring sagte. Auch das „unsägliche Brexittheater“ sowie die rechtspopulistischen Strömungen sorgen für Rezessionsängste bei den Anlegern. Doch sind diese begründet? Eine Rezession (Abschwung) sei ein normaler Bestandteil eines Konjunkturzyklus. Das heißt, eine Rezession müsse erst einmal keine Krise sein. Erst wenn das Ergebnis ein gesamt ökonomisches Ungleichgewicht darstellt, wenn die Unternehmen und Haushalte verschuldet sind und massive Arbeitslosigkeit herrscht, dann spreche man von einer „toxi­schen Mischung“, so die Analystin.

Bis zu acht Jahre lang kann sich so eine Krise schleichend und leise entwickeln, ohne, dass man es merke. Doch „weder bei der USA noch bei Europa liegen Anzeichen für eine Finanzkrise vor.“ Doch Schulze Palstring räumte ein: „Wir sind aber auch weit von einem Aufschwung entfernt.“

Auch China stehe keine Finanzkrise trotz Verschuldungsproblemen bevor, da das Land ein geschlossenes Finanzsystem ist. „Die Volkswirtschaft wird sich in der zweiten Jahreshälfte stabilisieren. Einen Crash ins Bodenlose erwarten wir nicht“, prophezeite Schulze Palstring.

In den USA werde sich der Konjunkturhöhepunkt langsam wieder abschwächen. „Wenn die Wirtschaft der USA niest, kriegt die Weltwirtschaft einen Schnupfen“, hätten viele die Auffassung. Doch ein verlangsamtes Wachstum müsse „nicht unbedingt ein Bremsklotz für die Aktien sein.“ Solange die USA keine Rezession führe, die auch nicht erwartet wird, herrsche ein gutes Aktienmarktjahr für Deutschland.

Amazon-Zeitalter

„Bewegung heißt auch Schritt halten mit der Digitalisierung“, weiß Schulz. Die Umsätze in den Geschäften lassen zu Wünschen übrig, während der Onlinehandel wächst und wächst.“ Daher informierte Dr. Kai Hudetz, einer der renommiertesten E-Commerce Experten, über das „Amazon-Zeitalter.“ Er sehe „keine Stagnation im Onlinehandel“. Eher das Gegenteil ist der Fall: Letztes Jahr betrug der Onlineumsatz 63,2 Prozent. 2020 werden die Meisten Elektronik, Mode und Wohnungseinrichtungen nur noch online kaufen. Dabei spielt „Amazon gegen der Rest der Welt“, weiß Hudetz. „Die Schere geht weit auf“, denn Amazon ist mit Abstand der größte Onlinehändler, der immer weiter wachse und irgendwann überhand nehme. Knapp die Hälfte des Marktes macht jetzt schon Amazon inklusive Marketplace beim weltweiten Onlineumsatz aus. „Bei dieser Dynamik kommt keiner mit“, sagt der E-Commerce Experte. Man müsse den Onlineriesen als Ökosystem sehen, denn ansonsten machen viele Strategien aus Handelssicht keinen Sinn. Mit Eigenproduktionen wie dem Kindle oder Alexa könne Amazon ebenfalls punkten wie mit Amazon Prime, das den Kunden „einen Mehrwert bringen“ soll, so Hudetz.

Der Onlinehändler will alle Produkte weltweit verfügbar machen. Was die „Produktsuchmaschine“ nicht kennt, wird es auch bei den Verbrauchern nicht geben. Dabei hat sie Google von Platz Eins abgelöst. Doch wo die Händler Amazon gegenüber überlegen sind, ist die Emotion, denn davon ist der Onlinehändler noch „ein ganzes Stück weit weg.“ 70 Prozent informieren sich vorher bei Amazon, wenn sie Elektronik kaufen wollen. Dabei spielt der Preis und die Kundenbewertung die größte Rolle, die ausschlaggebend für einen Kauf sind. „Amazon will immer schneller, besser und höher werden“, weiß Hudetz.

Das Onlineshopping wurde dank Instagram „auf ein neues Level gehoben“, bei dem man mit einem Klick auf das Produkt kommt, und auch Whatsapp ist mittlerweile beliebter als Facebook. „Wer kundenorientiert ist, kann besser in neue Gebiete vorstoßen“, gab Hudetz einen Ratschlag.

Start-Ups

Neue Bereiche haben auch drei Start-Up-Unternehmen aus Berlin und Leipzig eingenommen. „Vraktion“ bietet digitale Schuhe an. Die Bewegung der Füße wollen die Gründer in die digitale Welt übertragen und haben einen Smartschuh entwickelt, der unter anderem eine Umgebungs- und Bewegungsanalyse macht und Hindernisse sowie Entfernungen durch einen Sensor erkennen kann.

Bei der „Betterguards“ gibt es einen Sicherheitsgurt für Gelenke, der flexible und steife Systeme durch einen intelligenten Mechanismus vereint. Die Bewegungsfreiheit ist beispielsweise bei einer Sprunggelenkverletzung immer gewährleistet, doch bei schnellen Bewegungen blockiert das System in Millisekunden.

Ganz digital läuft es bei der „Fright Hub“ ab. Das Logistikunternehmen bietet durch die digitale Sendungsverfolgung in Echtzeit einen effizienten und optimierten Ablauf der Luftfracht- und Seetransporte an.

Im Anschluss konnten sich die Gäste ein Bild vom neuen 45.000 Quadratmeter großen Logistikzentrum von Gabor machen. 70.000 Schuhkartons laufen hier jeden Tag vom Band. Im Versandlager befinden sich nochmal eine halbe Millionen Paar Schuhe. In Spitzenzeiten stehen so viele Paletten in der Halle, die für sechs Lkw-Ladungen bestimmt sind.

Julia Böcken

Rubriklistenbild: © Böcken

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