„Natur live“ mit der größten aller Wespen

Mindelheimer Naturlehrgarten hat  nun einen Lehr- und Beobachtungsstand für Hornissen

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Jan-Erik Ahlborn (links) und seine Frau Bettina stellten zusammen mit Naturlehrgarten-Projektleiter Walter Feil den neuen Hornissen-Beobachtungsstand vor.

Mindelheim – Sieben ihrer Stiche töten angeblich ein Pferd, schon drei reichen für einen Menschen. Das ist zwar nur eine Legende, zeigt aber doch, dass das Image der Hornisse in der deutschen Gesellschaft mehr als angekratzt ist. Das wollen die beiden Wespenberater Bettina und Jan-Erik Ahlborn in Mindelheim ändern. Im preisgekrönten Naturlehrgarten befindet sich neuerdings ein eigener Lehr- und Beobachtungsstand, wo Naturliebhaber und jene, die es werden wollen, einen „gefahrlosen Einblick in einen lebenden Hornissenstaat“ erhaschen dürfen.

Welche beeindruckenden Bauwerke akribisch und millimetergenau Hornissen aus Holz errichten, das hatte Jan-Erik Ahlborn schon vor vielen Jahren fasziniert. Gut ein Jahrzehnt ist es her, da hatte der Mindelheimer die Idee, die größte aller staatenbildenden Wespen als „natürliches Vorbild“ zu inszenieren und gemeinsam mit regionalen Holzbauunternehmen ein Projekt zu starten – den Bau eines Hornissen-Beobachtungsstandes, den er etwa gemeinsam mit Auszubildenden hätte hochziehen können. Daraufhin erhielt er von den angefragten Betrieben allerdings nicht mal eine Antwort.

Hornissen bei der Arbeit

Nun hat der ÖDP-Stadtrat sein Projekt auf eigene Faust verwirklicht. Im Mindelheimer Naturlehrgarten nagelten der dortige Projektbetreuer Walter Feil und Wolfgang Frei den Stand innerhalb eines Tages zusammen. Das Holz dazu hatte die Stadt Mindelheim zur Verfügung gestellt, die Fenster Karl Fendt aus Rammingen. Und um das Kons­trukt schließlich zu einem echten Hornissen-Beobachtungsstand zu machen, füllten Jan-Erik Ahlborn und seine Frau Bettina diesen schließlich noch mit Leben.

Wer sich davon ein Bild machen will, kann im Beobachtungsstand eine Holzluke öffnen und einen Blick durch die Glasscheibe werfen, durch die die beeindruckende Arbeit eines ganzen Hornissenstaats zu sehen ist. Rund 300 bis 400 der Riesen-Wespen befinden sich derzeit in dem Glaskasten, der zur Rückseite hin mit einer Art Freigehege geöffnet ist. Denn schließlich müssen die Hornissen morsches Holz für den Bau ihres Nests sammeln können und auch Zugang zu Nahrung haben – und damit vor allem zu anderen Insekten. Während des Wochen KURIER-Besuchs hatte sich etwa eine Fliege folgenschwer vernavigiert und fand sich plötzlich im Glaskasten wieder. Sie wurde schon nach wenigen Sekunden eingefangen und verspeist.

Menschen müssen trotz aller Vorurteile aber keine Panik vor Hornissen haben, versichert Jan-Erik Ahlborn. Ängste vor dem Insekt abzubauen, das sei eines der Hauptziele des neuen Angebots im Naturlehrgarten. „Hornissen sind grundsätzlich sehr, sehr friedlich“, sagt Ahlborn. Ihren Lebenszyklus schildern der Mindelheimer und seine Mitstreiter auf mehreren Plakaten im Beobachtungsstand: Wie Hornissen ihre Nestgründung angehen, wie sich aus einem Ei eine flugfähige Arbeiterin entwickelt oder wie Hornissen Hochzeiten feiern, ist dort unter anderem beschrieben – endend mit der Überwinterung, denn während die „Arbeiterinnen“ unter den Hornissen nach gut vier Wochen versterben, verabschieden sich die Königinnen in eine Art Winterstarre.

Das ist auch der Grund, warum Jan-Erik und Bettina Ahlborn als Wespenberater auch zur kalten Jahreszeit häufig ran müssen: Hornissen-Königinnen suchen sich als Unterschlupf für den Winter beispielsweise Komposthaufen, Baumhöhlen oder Holzstapel. Da könne es durchaus passieren, erzählt der Experte, dass beim Brennholzverheizen eine Hornisse aus ihrem Winterschlaf erwacht und durchs Wohnzimmer surrt. In einem solchen Fall gibt es mehrere Wespenberater im Landkreis, die auch das Landratsamt auf Anfrage vermittelt. Sie fangen die Hornisse dann wieder ein. „Dann ist es sogar möglich, dass sie wieder einpennen“, erzählt Ahlborn. Letztlich überlebe aber nur ein kleiner Bruchteil von ihnen die Wintermonate, denn auch Igel, Spechte oder Spitzmäuse würden die schlafenden und damit schutzlosen Königinnen bei ihrer Nahrungssuche häufig aufspüren und verzehren.

Kein Winterschlaf für Projekt

Das Projekt im Naturlehrgarten soll mit dem Wintereinbruch aber nicht einschlafen, sondern ist auf Dauer angelegt. Entweder auf natürlichem Weg mit einer neuen Königin oder mit Hilfe der Wespenberater soll auch im nächsten Jahr wieder in Zusammenarbeit mit dem BUND Naturschutz ein Hornissenstaat aufgezogen werden. Über den Winter stehen zumindest Infotafeln und Modell-Hornissen als Anschauungsunterricht zur Verfügung. Dabei appelliert Jan-Erik Ahlborn auch an die Sorgfalt der Ausstellungsbesucher, denn das gesamte Vorhaben sei „mit Liebe und viel Herzblut“ entstanden. Welche Regeln zu beachten sind, dazu gibt es auch diverse Hinweistafeln vor Ort. Wer diese befolgt, könne dann nicht nur mögliche Ängste vor Hornissen abbauen, sondern auch „live die Schönheit der Natur erleben“, freut sich Ahlborn. 

Marco Tobisch

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