Wechsel vom Klassenzimmer ins Kajak

Mindelheims Berufsschulleiter Georg Renner geht in den Ruhestand

Georg Renner Berufsschule Mindelheim
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Georg Renner hat sich sein Leben lang in verschiedenen Positionen für die berufliche Bildung von jungen Menschen eingesetzt. Im Ruhestand will er sich verstärkt Zeit für seine Frau, seine vier Kinder und zwei Enkel nehmen – und das Kajakfahren, das er kürzlich zum Hobby gemacht hat.
  • Marco Tobisch
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Mindelheim/Unterallgäu – Seit 2017 hatte er die Berufsschule Mindelheim mit der Burkhart-Grob-Schule und den Außenstellen in Bad Wörishofen und Memmingen geleitet, nun ist die Zeit für den verdienten Ruhestand gekommen. Georg Renner befindet sich in der letzten Woche einer ereignisreichen und von mutigen Schritten geprägten Schul­laufbahn, auf die er im Gespräch mit dem Wochen KURIER zurückblickt.

„Höchst aktuell, höchst fordernd und höchst effektiv“, so beschreibt Georg Renner sein Bild vom Berufsschullehrer, wie er es seit dem 3. November 1980 – dem Beginn seiner Laufbahn – kennengelernt hat, und begründet: „Du bist immer am Puls der Zeit.“ Deshalb hatte sich der Mindelheimer schon in jungen Jahren festgelegt: „Ich wollte immer Lehrer werden“, sagt Renner heute.

Vor allem die Lebensmittelchemie und die Ernährungswissenschaften hatten früh sein Interesse geweckt. So schnupperte Renner in seiner Heimat mehrfach in die Berufswelt hinein, unter anderem im Mindelheimer Hotel „Glocke“, wo ihn ein besonderes Erlebnis prägte: Carolin Reiber, die unter anderem jahrzehntelang „jetzt red i“ im Bayerischen Fernsehen moderierte, stieg eines Abends in Mindelheim ab. Praktikant Georg durfte der Fernsehfrau den Koffer ins Hotelzimmer tragen und bekam zum Dank fünf D-Mark in die Hand gedrückt. Für den 65-Jährigen noch heute ein unvergessliches Erlebnis, das ihm bestätigte, den richtigen Berufsweg eingeschlagen zu haben.

Auf das Lehramtsstudium in München folgte dann 1980 die Feuertaufe im Referendariat – ebenfalls in der Landeshauptstadt. Jedoch gab es leichte Anlaufschwierigkeiten, über die Renner heute schmunzelt: Als 25-Jähriger war er ins Klassenzimmer voller angehender Bäckereiverkäuferinnen gekommen und hatte sich gewundert, warum ein Großteil der jungen Damen vor dem Spiegel stand. „Ihr seid doch schon schön, setzt Euch hin!“, hatte er gerufen, nachdem er das Gefühl hatte, nicht wahrgenommen zu werden. Dabei hatten die Schülerinnen ihrem neuen, jungen Lehrer wohl nur imponieren wollen – der aber hatte das gar nicht registriert. Mit der Erfahrung von heute hätte er die Situation anders gelöst und wäre behutsamer vorgegangen, lacht Renner.

Ansturm aus dem Osten

Fortan sammelte der Junglehrer weitere lehrreiche Momente. In den 1980ern zog es ihn als Studienrat nach Kaufbeuren, ehe er dank guter Noten im Staatsexamen als pädagogischer Mitarbeiter im Kultusministerium eingesetzt wurde. Danach folgte eine für Renner spannende Etappe in der Heimat: Als er 1993 Leiter der Berufsschul-Außenstelle in Bad Wörishofen wurde, galt es, der Wiedervereinigung Herr zu werden. Denn nach 1990 pilgerten zahlreiche Ost-Bürger ins Allgäu, um in der Gastronomie Fuß zu fassen. „Das war ein riesiger Boom“, erinnert sich Renner zurück. „Für uns war es eine besondere Herausforderung, das zu meistern.“

Diese währte aber nur für zwei Jahre, denn dann „hat mich eine neue Möglichkeit gereizt“: die erste Schulleiterstelle in Waldkirchen, im tiefsten Niederbayern kurz vor der tschechischen Grenze. Die große Aufgabe seines „Auslandseinsatzes“, wie Renner sagt, bestand darin, die Völkerverständigung voranzutreiben. So etablierte der seinerzeit 40-jährige Schulleiter das Pflichtfach „Tschechisch“ und bekam für die Vorreiter-Verdienste seiner Schule einen Preis. Denn durch ihre Sprachkenntnis wurden nicht nur die Schreiner, Zimmerer und Dachdecker für die Betriebe in der Grenzregion noch interessanter, sondern auch die Kommunikation und das Verhältnis zu tschechischen Betrieben verbessert.

Wieder im Allgäu

Mit dem Tod seines Vaters zog es Renner dann aber zurück in Richtung Heimat: Als Leiter des Schongauer Berufsschulzentrums trieb der Mindelheimer sechs Jahre lang die „Kompetenzzentrenbildung“ voran, während weiterer sechs Jahre als Leiter der Kaufbeurer FOS/BOS galt es, mit „LehrplanPLUS“ – der Entwicklung zum kompetenzorientierten Unterricht – die Anforderungen an Schüler und Lehrstoff grundlegend anzupassen.

Nicht weniger fordernd wurde es ab 2011 am Münchner Staatsinstitut für Bildungsforschung (ISB), für das Renner drei Jahre lang Kongresse in ganz Deutschland besuchte, jedoch „auf Dauer sehr viel Zeit auf der Straße“ verbrachte und auch die Stunden mit der Familie zu kurz kamen. Über eine Zwischenstation bei der Regierung von Schwaben wurde es also Zeit, „Wohn- und Arbeitsort zu vereinen“, wie der Mindelheimer sagt. Dazu bot sich 2017 die Chance, als Reinhard Vetter als Berufsschulleiter in den Ruhestand verabschiedet wurde.

Bis Corona dahingedümpelt

Mit ihren drei Standorten sei die Berufsschule Mindelheim „keine einfache Schule“, skizziert Renner die größte Herausforderung. Galt es in seiner Anfangszeit in Mindelheim, durch die Flüchtlingswelle Platz für zeitweise 20 Integrationsklassen zu finden (heute sind es nur noch fünf), hat sich seit März letzten Jahres freilich Corona ins Rampenlicht gedrängt – und damit verbunden eine Vielzahl an neuen Aufgaben, vor allem im Bereich der Digitalisierung. Die Pandemie habe einen echten Schub ausgelöst, während die „Medienpädagogik“ zuvor „bayernweit dahingedümpelt“ sei. Nun gab es also den „Zwang“, auf digitale Klassenzimmer umzuschwenken, wobei Renner auch Chancen für die Zukunft sieht – etwa an Tagen, die in den letzten Jahren „sturm- oder schneefrei“ waren. Problematisch erweise sich der Unterricht durch die Kamera derweil bei schwächeren Schülern. „Sie fallen zum Teil hinten runter“, bedauert Renner. Sorgen bereitet aktuell auch der Bereich Gastronomie und Hotellerie – und damit insbesondere die Zukunft der Außenstelle Bad Wörishofen. Aber Renner ist zuversichtlich: „Jeder wird nach Corona wieder die Sehnsucht haben, zu reisen.“

So geht es auch dem scheidenden Schulleiter selbst. Auf die Frage nach seinen Plänen im Ruhestand antwortet er, er wolle sich erstmal eine kleine Denkpause gönnen. Mit seiner Frau habe er aber zuletzt das „Flusswandern“ für sich entdeckt und mit dem Kajak schon zahlreiche Flüsse in der Region erkundet. Ganz oben auf der Liste der nächsten Ausflugsziele: die Weser.

Dem Schulalltag nachtrauern werde er auf dem norddeutschen Gewässer aber kaum, lacht Renner. „Es war eine schöne Zeit, ein fader Beigeschmack bleibt keiner.“ In besonderer Erinnerung werden ihm, so sagt Renner, die Abschlussfeiern, Gottesdienste und Neujahrsempfänge bleiben, bei denen die Schüler selbst etwas gestaltet haben. Zu sehen, wie sich junge Lehrer und Schüler weiterentwickeln, Flügel ansetzen und ein Schulleiter auf diese Weise „zur Menschwerdung beitragen“ könne, sei unglaublich gewesen, sagt Renner.

Nachfolger ist bereit

Seinen letzten Arbeitstag hat Georg Renner am kommenden Freitag, 12. Februar. Finale Amtshandlung wird dann eine Zoom-Konferenz sein, bei der es um die Zukunft der Schule geht. Renners Nachfolger steht übrigens schon in den Startlöchern, einen Namen will die Schule aber noch nicht verraten..

Marco Tobisch

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