Auch zwei Kreistagsfraktionen waren auf Distanz gegangen

Coronatests in Schulen: Landrat rudert nach massiver Kritik zurück

Coronatest
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Zu einem Facebook-Post des Landrats zum Thema Coronatests gehen die Meinungen auseiander - und zwei Fraktionen auf Distanz zur Haltung Eders.

Unterallgäu – Mit seinem Facebookbeitrag hat Landrat Alex Eder eine große Diskussionswelle losgetreten. Wie vergangene Woche berichtet, hatte Eder die verpflichtenden Coronatests in Schulen kritisiert und dabei ein plakatives Bild aus Sicht eines positiv getesteten Schülers gezeichnet – was über 1.400 Facebooknutzer mit einem blauen „Gefällt mir“-Daumen quittierten. Aber auch die Kritik an Eders Post ist gewaltig: Einige Nutzer werfen dem Landrat Populismus vor, die Kreistagsfraktionen der CSU, der Grünen sowie der SPD/FDP dis­tanzieren sich in einem öffentlichen Schreiben von der Haltung Eders – der anschließend in einem weiteren Facebook-Beitrag leicht zurückruderte.

„Meiner Meinung nach sind Schulen keine Teststationen“, hatte Eder in jenem polarisierenden Beitrag erklärt. Vorweg geschickt hatte der Landrat dabei einige Zeilen, in denen er die möglichen Folgen des Coronatests eines Schülers aufzeigen möchte: „Stell dir vor, dein Test ist positiv. Deine benachbarten Schulkameraden rutschen sofort einen Meter weiter auf Abstand, einer kreischt und sagt, du hast das todbringende Virus, andere lachen dich aus“, heißt es in einem Auszug des Beitrags. „Die ganze Klasse redet noch wochenlang davon, dass du derjenige bist, der am Wochenende wahrscheinlich nicht genug aufgepasst hat und nun Andere gefährdet. Diesen Druck sollten wir nicht auf unsere Kinder abladen, die Tests sollten unbedingt zu Hause stattfinden.“

„Starkes Stück“

Mit diesen Zeilen stieß der Landrat nicht nur auf Zustimmung, sondern handelte sich auch deutliche Kritik ein – so zum Beispiel von der Kreistagsfraktion der Grünen, die sich entschieden distanziert. „Über 90 Prozent der Eltern begrüßen die Corona-Testpflicht an Schulen. Einer kleinen, lautstarken Minderheit nach dem Mund zu reden, ist nicht Aufgabe des Landrats. Oberste Aufgabe ist es, sich um die Gesundheit aller Bürger zu kümmern.“ Die Ausführungen, in denen Eder den Coronatest bei einem Schüler beschreibt, bezeichnen die Grünen als „unsachlich, emotionalisierend und populistisch“. Weiter heißt es: „Das ist schon ein starkes Stück. Da werden Ängste geschürt, statt Ermunterung auszusprechen. Diese Art der Argumentation, die nicht auf Wissenschaft, Fakten und Sachlichkeit setzt, ist ein typisches Merkmal für die sogenannte Querdenken-Bewegung.“ Dabei verweist die Fraktion auch auf einen Kettenbrief aus der Querdenker-Szene. „Wer hat sich da wohl von wem inspirieren lassen?“, fragen die Grünen.

Tatsächlich sind einige Inhalte des Posts in sehr ähnlicher Form zuhauf im Internet zu finden – beispielsweise auf Telegram, unter anderem veröffentlicht vom Ulmer Rechtsanwalt Markus Haintz, bekanntes Mitglied der Gruppe „Querdenken“. In dessen Beitrag, der ursprünglich von „Frieden rockt offiziell“ veröffentlicht wurde, wird mit „Stell dir vor, du bist ein Kind“ eingeleitet und anschließend das nahezu identische Bild von einem positiv getesteten Kind gezeichnet wie im Beitrag Eders.

SPD/FDP: Eder mausert sich zum Oberquerdenker

Nähe zur Querdenken-Bewegung unterstellt auch die SPD/FDP-Kreistagsfraktion und kritisiert scharf: Man sehe in dem „unsachlichen und emotionalen, größtenteils aus Kettenbriefen der Querdenker-Szene stammenden Schriftstück des Landrates, kein geeignetes Mittel“, Schüler und Eltern sinnvoll durch die Pandemie zu begleiten. „Wir sind darüber besorgt, dass unser Landrat sich selbst immer weiter in Richtung Querdenker manövriert, gerade weil diese zunehmend vom Verfassungsschutz mehrerer Bundesländer beobachtet werden“, schreibt die Fraktion in einer Pressemitteilung. Eder mausere sich mit seinen Facebook-Veröffentlichungen allmählich, so wörtlich „zum Ober-Querdenker des Landkreises“.

Mehr Privatsphäre?

Die Fraktion fordert vom Landrat, er solle zur Sacharbeit zurückkehren. Konkret rät die SPD/FDP: „Ein regelmäßiger Corona-Online-Bürgerdialog, wie in anderen Landkreisen bereits praktiziert, könnte hier für Transparenz und Aufklärung sowie Verständnis bei den Eltern sorgen. Auch die Schaffung von Testräumen an Schulen um eine gewisse Privats­phäre beim Test, auf Wunsch zu schaffen, wäre umsetzbar.“

Als dritte Fraktion hat letzten Freitag auch die CSU auf Eders Aussagen reagiert: „Wir fordern den Landrat auf, sich klar von den Querdenkern und Irrdenkern dieser Welt zu distanzieren, statt immer wieder zu betonen, dass er nichts mit denen gemein hat, aber immer wieder deren Wortwahl eins zu eins übernimmt. Immer wieder polemische Einträge in den sozialen Netzwerken zu posten, ist nicht hilfreich, sondern kontraproduktiv“, heißt es in einem Schreiben der CSU-Kreistagsfraktion. „Wir sollten von einem Landkreischef erwarten, dass er unsere Bevölkerung vor allem motiviert die Corona-Regeln einzuhalten. Denn nur wenn wir in gegenseitiger Solidarität und Rücksichtnahme handeln und den Kontaktbeschränkungen folgen, die für uns alle nicht angenehm sind, werden die Inzidenzzahlen zurückgehen.“

Eder entschuldigt sich: „Das ärgert mich“

Der Landrat hatte am Freitag – mit einem neuerlichen Facebook-Post – auf die massive Kritik reagiert: „Mein Post von Sonntag war zu emotional und zu sehr aus der Vater-Brille. Mit der dramatisierten Darstellung meiner Befürchtung habe ich das gleiche getan, was ich anderen vorwerfe und das ärgert mich“, schrieb Eder. Ihm sei es lediglich darum gegangen, dass die Tests zu Hause stattfinden sollten, um im Fall eines positiven Testergebnisses psychisch belastende Situationen von besonders sensiblen Kindern fern zu halten. Den Einsatz, den Lehrer bei den Tests leisten, habe er dabei nicht schmälern wollen. Um sich selbst ein Bild von den Tests in Schulen zu machen, wolle er nun der Einladung einer Grundschule folgen und sich „gern überzeugen“ lassen, „wie gut das funktioniert“. Um insbesondere kleineren Kindern das Testen zu erleichtern, wolle sich der Landrat zudem für Spucktests einsetzen.

Abschließend heißt es in der Veröffentlichung Eders: „Trotzdem bleibt meine Kritik dahingehend bestehen, dass wir von den Kindern Dinge verlangen, die wir von Erwachsenen nicht verlangen. Und es fehlt der Anreiz für alle Beteiligten, diese zusätzliche Aufgabe zu akzeptieren, so könnte doch mit Testpflicht der Anwesenden die Schule inzidenzunabhängig geöffnet bleiben oder der Mundschutz am Platz nochmal überdacht werden.“

mt

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