"Wenn das Pietätsempfinden zu Recht rebelliert"

Bad Wörishofen: Neue Urnengrabanlage sorgt für Unmut

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So sieht die Urnengrabanlage derzeit aus: „Abwasserrohre“ sind keine zu sehen. Die Aufkiesung erleichtert es den Bestattern, die Röhren zu finden und zu öffnen. Später sollen über den Urnen noch kleine Grabsteine angebracht werden.

Bad Wörishofen – Als „Beerdigung im Abwasserrohr“ hat der Wörishofer Pfarrer Andreas Hartmann die neue nichtanonyme Urnenanlage auf dem städtischen Friedhof kritisiert. Schützenhilfe erhält der Kirchenmann von der CSU-Fraktion im Stadtrat: „Wir teilen ausdrücklich die Einschätzung von Stadtpfarrer Andreas Hartmann, dass es sicher pietätvollere Lösungen der Umsetzung gegeben hätte“, betont der Fraktionsvorsitzende Stefan Welzel. Die Gemüter erregt hatten die Tiefbauarbeiten für die Anlage, bei denen PVC-Rohre in den Boden eingelassen wurden.

Immer weniger Menschen lassen sich in klassischer Manier beerdigen. Vor allem der gesellschaftliche Wandel bewirke eine Veränderung, insbesondere gebe es immer weniger die klassischen Familienverbünde und der Bedarf an pflegeleichten Grab­stätten nehme zu, hieß es vor etwa einem Jahr, als im Wörishofer Stadtrat die Causa diskutiert worden war. Dabei ging es darum, dass auf der Kneippstädter Nekropole Urnengräber geschaffen werden sollten, die von der Stadt gepflegt werden und wo die Namen der Beerdigten auf einer Stele präsentiert werden.

Im Gegensatz dazu wird bei den anonymen Urnengräbern nur darauf hingewiesen, dass dort Menschen beerdigt wurden. In einem eigenen Teil des Wörishofer Gottesackers gibt es Wände, wo die Urnen in der Wand eingemauert werden, Name und Daten des Verstorbene stehen auf dem verschließenden Deckel.

Nun also war die Verwaltung der Stadt daran gegangen, die beschlossene Urnenanlage umzusetzen. Dabei hatte man auf einem Areal von der Größe von etwa fünf normalen Grabstätten den Boden ausgeboben und PVC-Rohre senkrecht im Boden eingelassen. Die sogenannten Universalkunststoffrohre finden unter anderem bei der Wasserversorgung Verwendung und werden auch in anderen Kommunen für Urnenbestattungen eingesetzt, wie Jan Madsack erklärt. Dabei betont der Leiter des Ordnungsamtes Bad Wörishofen, dass es sich nicht um eine „Erfindung“ der Stadt Bad Wörishofen handle. „Die Rohre sind unten offen und nach Baufertigstellung nicht mehr sichtbar“, so Madsack in einer Erklärung. Dem hält Pfarrer Hartmann aber entgegen, dass, wer aufmerksam auf dem Friedhof unterwegs sei, erkennen könne „dass in Zukunft die Urnen in Abwasserrohren versenkt werden“.

Die Art der Anlage erklärt Jan Madsack so: bisher habe man beim Vorbereiten der Urnengräber das Erdreich großflächiger ausschachten müssen. Dadurch sei es auch zu Beeinträchtigung anderer, daneben liegender Urnengräber gekommen, die nun durch das neue System vermieden werden sollen. Die verbauten Rohre bieten dabei Platz für zwei übereinandergestellte Urnen und werden oben mit einer Kappe verschlossen. Die Rohre werden anschließend komplett bedeckt, den oberen Abschluss bildet eine Platte ähnlich wie an der Urnenwand, auf der dann die Namen der Verstorbenen eingraviert werden sollen.

Auch der zweite Bürgermeister der Kommune, Stefan Welzel, machte sich ein Bild von der Baustelle und konnte bestätigen, dass man aktuell keine Röhren mehr sehen könne. Dafür treibt den Fraktionsvorsitzenden der CSU aber die Form der Urnenanlage um. Er moniert, dass sich nun ein Schotterfeld breit mache, das – mit Blick auf die städtische Gestaltungssatzung für Grabanlagen – sofort Fragen aufwerfe. „Zudem ist die Grabanlage nicht in einer Flucht gebaut worden, sondern ragt nun geschwungen in den Fußweg“, heißt es in der Pressemitteilung der CSU. Tatsächlich stellt die Urnenanlage einen Bruch in der sonst eher monotonen Nekropole dar. Gut einen halben Meter ragt das Rund der Außeneinfassung in den Weg hinein, ohne allerdings optisch oder auch physisch den Weg zu beeinträchtigen. Auf der Umrandung steht ein Grablicht, den Halbkreis trennt ein mit Granitsteinen gelegter Weg, der zu einem quasi Grabstein führt, an den sich eine aus schwarzem Stein gehauene Stele anlehnt. An den Ecken ist ein kleinerer Viertelkreis abgetrennt, in dem Blumen gepflanzt wurden.

Bald nochmal im Stadtrat?

Müssen wir uns dies wirklich antun?“, kritisiert Stefan Welzel das Urnengrab und ist überzeugt, dass mit etwas „Fingerspitzengefühl, die für den Arbeitsaufwand vielleicht gut gemeinte Variante auch anders hätte verwirklicht werden können“. Insbesondere, nachdem der Politiker feststellen musste, dass ähnliche Diskussionen schon vor Jahren auch in anderen Kommunen geführt worden waren. Die CSU-Stadtratsfraktion appelliere an den gesunden Menschenverstand und gleichzeitig an die Verwaltung, kurzfristig und unbürokratisch Abhilfe zu schaffen. „Wenn das Pietätsempfinden zu Recht rebelliert, darf aber nicht einfach zur Tagesordnung übergegangen werden“, betont Welzel und meint weiter: „Sofern es daher keine kurzfristige Lösung gibt, soll sich der Stadtrat mit der Angelegenheit befassen.“ Ein entsprechender Antrag sei auf dem Weg. Darin soll unter anderem geklärt werden, „ob und was an der bestehenden Anlage geheilt bzw. verbessert werden kann“. Für die Zukunft fordert die CSU einen Gestaltungs- und Ethikbeirat für die Friedhöfe, dem die Vertreter der kirchlichen Religionsgemeinschaften angehören sollten und der bei der Gestaltung des Gräberfelds ein Wörtchen mitreden soll.

Als Begründung für die Pressemitteilung und die Anträge stellt die CSU klar, dass zahlreiche Bürger ebenso wie Mitglieder des Stadtrats aufgeschreckt seien, als sie die Form der Realisierung und Installation der nichtanonymen Urnengräberanlage auf dem städtischen Friedhof der Kurstadt gesehen hätten. „Auf einem Friedhof, auf dem Pfarrer Sebastian Kneipp bestattet ist, sollte für die Gesamtanlage eine würdevolle, ansehnliche Gestaltung – oberirdisch wie unterirdisch – eine Selbstverständlichkeit sein“. Daher empfiehlt es sich auch, Fachleute und Vertreter der kirchlichen Religionsgemeinschaften bei Gestaltungsfragen hinzuzuziehen. Seitens der Verwaltung sieht man dabei noch keine Veranlassung, zu handeln. „Selbstverständlich steht es jedem frei, sich seine Grabstätte zu wählen“, heißt es in einem Statement aus dem Rathaus.

Interessant könnte es auch werden, wenn Muslime sich auf dem Friedhof beisetzen lassen wollen. Deren Gräber müssen Richtung Mekka, also Südosten weisen; und damit in einem Winkel zur derzeitigen Bestattungsrichtung und dem Mausoleum Kneipps. 

Oliver Sommer

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