"Alte Verlässlichkeiten schwinden"

Mindelheim 2019: Dr. Winter trotz drohender Steuereinbußen optimistisch

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„justair“, insgesamt mit stolzen acht Akkordeons und einem Schlagzeug vertreten, hießen im Mindelheimer Forum das neue Jahr willkommen.

Mindelheim – Beim alljährlichen Stelldichein der Mindelheimer Lokalprominenz, das am Mittwoch im Forum stattfand, blickten Bürgermeister Dr. Stephan Winter, Landrat Hans-Joachim Weirather und Bayerns Wirtschaftsminister a.D., Franz Josef Pschierer, auf 2018 zurück und wagten Prognosen fürs begonnene Jahr. Was die Neujahrsansprachen alle gemeinsam hatten: Viel Lob für die Kreisstadt und ihre Akteure sowie ein Bauchgrummeln angesichts der derzeitigen Weltpolitik.

Hausherr Dr. Winter musste zunächst weit ausholen, um sämtliche Ehrengäste namentlich zu begrüßen: Mit Ehrenbürgern, Ehrenringträgern, Stadträten, Ortssprechern sowie einigen Mindelheimer Unternehmern waren nämlich rund 300 Gäste zusammengekommen, um mit den drei Bürgermeistern aufs neue Jahr anzustoßen.

„Man kann nicht in die Zukunft schauen, aber man kann den Grund für etwas Zukünftiges legen“, startete Winter seine Ansprache mit einem Zitat von Antoine de Saint-Exupéry. Dass diese Basis aktuell geschaffen ist, davon zeugen etliche Zahlen – beispielsweise 11.400 Arbeitsplätze in Mindelheim, die auf rund 15.600 Einwohner kommen. Auch die Schulden sind, wie bereits berichtet, auf 7,8 Millionen Euro zurückgegangen.

Bei den 2018 abgeschlossenen Projekten nannte Dr. Winter die Innenstadtsanierung, die Wiedereröffnung des Schwäbischen Krippenmuseums im Oktober, Straßenbaumaßnahmen wie etwa die Ortsdurchfahrt Mindelau, die Sanierung an der Grund- und Mittelschule oder den Breitbandausbau. Trotzdem weiß der Bürgermeister auch um Hausaufgaben fürs neue Jahr, beispielsweise in puncto „Kinder und Bildung“, wo Neubauten bzw. Erweiterungen in Kindergärten (Marcellin-Champagnat, St. Stephan und St. Vitus) bereits auf den Weg gebracht seien. Nachholbedarf gebe es derweil beim Thema Wohnraum: „Wir brauchen mehr barrierefreie und günstige Wohnungen“, sagt Dr. Winter. Besonders bei jungen Familien, Alleinerziehenden oder Senioren sei die Nachfrage hoch. Lösen will der Bürgermeister das Problem mit Flächen auf der Lautenwirtswiese und im Mindelheimer Norden.

Neue Dimension

Dass die finanziell fetten Jahre aber vorerst vorbei sein könnten, das befürchtet der Rathauschef insbesondere wegen aktueller Entwicklungen in der Weltpolitik. „Wir leben in einer Zeit von Krisen, in der alte Verlässlichkeiten schwinden“, meint Dr. Winter. Donald Trump alleine wolle er dafür nicht verantwortlich machen, aber mit der Wahl des US-Präsidenten hätte die Entwicklung „eine neue ­Dimension“ bekommen. Trumps gekündigte Abkommen beispielsweise würden auch Mindelheimer Unternehmer treffen. Und weil deshalb auch die Gewerbesteuer nicht mehr ganz so sprudeln werde wie zuletzt, sei Dr. Winter „froh über die Rücklagen“, die 2018 nochmal erhöht wurden.

Dennoch zeigte sich Dr. Winter zuversichtlich, auch im neuen Jahr auf den guten Dialog in Mindelheims Entscheidungsgremien sowie „die vertrauensvolle Zusammenarbeit“ zu bauen. Schließlich schätze er Unternehmer und Mitmenschen vor Ort als besonders „leistungsstark, kreativ und innovativ“ ein.

Pschierer pflichtete bei: „Mindelheim hat ein hohes Humankapital“, womit der Ex-Wirtschaftsminister neben den Unternehmen vor allem Vereine und Ehrenamtliche ansprach. Dass es der Stadt finanziell gut gehe, sei aber besonders dem Einsatz vieler „familien- und inhabergeführten Betriebe“ zu verdanken. Ansonsten habe sich Mindelheim auch, was Schulen und Behörden betrifft, „gut positioniert“. In Pschierers Augen ist die Kreisstadt sogar „einer der markanten Schulstandorte in Schwaben“.

Als große Herausforderung sieht der Landespolitiker in diesem Jahr wie auch Dr. Winter die Schaffung von Wohnraum an. Das Unterallgäu sei durch die Nähe zu München interessant, die Bahn-Elektrifizierung könnte für weiteren Zuzug sorgen. Außerdem, so Pschierer in seiner Vorschau, müssten die Weichen für die Kreiskliniken gestellt werden. Zur Erinnerung: Nach jahrelangen Fusionsgesprächen mit Memmingen hatte Landrat Weirather die Verhandlungen im Oktober für beendet erklärt – und zeitgleich Sonderierungsgespräche mit dem Klinikverbund Kempten/Oberallgäu bekanntgegeben. „Ich schätze die Nachbarschaft zu Memmingen“, kommentierte Pschierer. Aber nachdem viel Geld in die Mindelheimer Kreisklinik gesteckt worden sei, stehe man auch in der Pflicht für die künftige Entwicklung.

Klinik modernisiert

Bei den Investitionen erinnerte Weirather konkret an vier Millionen Euro für hochwertige Geräte für die Radiologie – und bedankte sich an dieser Stelle nochmal bei Christian Grob, der die Hälfe des Betrags beigesteuert hatte. Deutlich mehr Geld nimmt der Landkreis in den nächsten Jahren in die Hand: Bis 2030 sollen 50 Millionen Euro an den beiden Standorten in Mindelheim und Ottobeuren investiert werden, unter anderem in neue Operationssäle und eine neue Intensivstation.

Ansonsten schloss sich Weirather seinen Vorrednern in vielen Punkten an. Mit dem neuen Internat auf dem Maristenareal habe man „den Schulstandort zum Leuchten gebracht“ – nicht nur wegen der auffälligen grünen Fahrräder. Große Fortschritte seien außerdem mit dem Flexibus und der Koedukation an den Realschulen erzielt worden. Weirathers Vorsatz für 2019 deshalb: „Mindelheim auf Erfolgskurs halten“.

Gewohnt humorvoll mit diversen Anspielungen und Doppeldeutigkeiten führte auch heuer wieder Kulturamtsleiter Christian Schedler durchs Programm. Aufs Korn genommen wurde beispielsweise auch die Entscheidung des Schulamtes, den Unterricht im Großteil der Unterallgäuer Schulen wegen einer Unwetterwarnung des Deutschen Wetterdienstes von Mittwoch bis Freitag entfallen zu lassen. „Drei Tage Sonderferien“ seien angesichts der „lebensbedrohlichen Witterung“ vollkommen vertretbar, meinte Schedler. „Früher nannte man das Winter.“ Und heute? Da wolle man sich ja nicht ausmalen, was einem jungen Schüler drohe, wenn er mit seinem Smartphone in der Hand aus der Haustür marschiere und dabei in eine Pfütze treten könnte. Nicht weniger schlimm wäre, wenn eine Mutter am Gaßnerplatz beim vielen Schnee ihr Auto nicht aus der Garage bekäme, um ihren Sprössling am Maristenkolleg abzusetzen.

Treffend geantwortet

Musikalisch untermalt wurde der Abend vom Akkordeonensemble „justair“unter der Leitung von Helga Knoll-Zettl – acht Akkordeons sowie ein Schlagzeug, die auch einige moderne Stücke zum Besten gaben – wie etwa Michael Jacksons „­Heal the World“ (deutsch: Heile die Welt), mit dem „justair“ eine hervorragende Antwortauf die unmittelbar zuvor gehaltene Ansprache von Hauptredner Robert Antretter fand. 

Marco Tobisch

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