Welche Herausforderungen stehen heuer bevor?

Neujahrsempfang: Mindelheim angekommen im »Schicksalsjahr 2020«

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Einen Ausblick auf die Herausforderungen des neuen Jahres hat Bürgermeister Dr. Stephan Winter beim Neujahrsempfang der Stadt gegeben.

Mindelheim – „Selten gab es einen schwungvolleren Auftakt“, begrüßte Mindelheims Bürgermeister Dr. Stephan Winter das neue Jahr sowie zahlreiche Ehrengäste aus Politik, Wirtschaft, Vereinen und Institutionen. Rund 300 geladene Mindelheimer hatten sich am Mittwoch vergangener Woche im Forum eingefunden, um im Rahmen des traditionellen Neujahrsempfangs den Worten des Rathauschefs, der Satire von Kulturamtsleiter Christian Schedler und weiteren Ausblicken auf die Zukunft der Stadt zu lauschen.

Elias Prinz und Nico Franz (v. links) sorgten mit ihrem „Swingtette de Bavière“ für einen flotten Auftakt ins neue Jahr.

Mit dem schwungvollen Auftakt hatte Winter eingangs insbesondere auf das „Swingtette de Bavière“ um Nico Franz (Violine) und Elias Prinz (Gitarre) angespielt, die den Abend mit insgesamt neun Liedern aus dem sogenannten Gypsy-Jazz musikalisch untermalten – extrem flott, rhythmisch aufeinander abgestimmt, zumeist fröhlich und immer belebend. Das dokumentierten auch die vielen mitzuckenden Köpfe und mittippenden Füße im Publikum.

Das vitale Gefühl des Neuanfangs solle man sich nicht nur zum Start in die neue Dekade bewahren, forderte Bürgermeister Winter in seiner Eingangsrede. Angesichts der globalen Krisen und Konflikte forderte Winter „die Sicherung der Welt für kommende Generationen“ – besonders die Handelskriege, unter anderem ausgehend von den USA, seien „zu kurz gedacht“. Dass aber sämtliche Folgen das Ergebnis „menschlich-politischer Entscheidungen“ seien, stimme den Bürgermeister insofern zuversichtlich, als dass man so auch mit Beschlüssen auf regionaler Ebene positive Veränderungen mitbewirken könne.

Auch auf die wichtigsten Kennzahlen seiner Stadt kam der Rathauschef wie schon wenige Wochen zuvor bei der Jahresabschlusssitzung nochmal zu sprechen: 15.729 Bürger zählt Mindelheim derzeit, rund 12.000 Arbeitnehmer kommen in der Kreisstadt unter. Erfreulich sei auch, dass der Schuldenstand auf 7,4 Millionen Euro gesenkt wurde, die Rücklagen derweil trotz zuletzt sinkender Steuereinnahmen auf etwa dem Vorjahreslevel blieben. Den Investitionsplan könne man deshalb wie geplant umsetzen.

Investitionen in die Jugend

Konkret, so der Bürgermeister, seien die städtischen Herausforderungen vor allem in den Bereichen Betreuung und Bildung zu suchen. Auf dem Gelände des ehemaligen Maristeninternats entstehen für den Marcellin-Champagnat-Kindergarten derzeit Kitaplätze für insgesamt rund 125 Kinder, der Rohbau steht bereits. Außerdem investiert die Stadt, wie bereits mehrfach berichtet, in die Kindertagesstätten St. Vitus und St. Stephan sowie in eine neue Mensa für die Grund- und Mittelschule.

Bürgermeister Dr. Stephan Winter

Auch das Thema Wohnraum bleibe eines der zentralen im neuen Jahr. Mit den Neubauten im Mindelheimer Norden und am Lautenwirtsgässchen sorge die Stadt auch dafür, die Wirtschaft weiter anzukurbeln, denn nur mit mehr Wohnraum könne man Fachkräfte für Stadt und Region gewinnen. Auch auf potenzielle, neue Gewerbeflächen habe Winter wegen zahlreicher Anfragen stets ein Auge: „Wir kaufen immer, wenn sich die Gelegenheit bietet.“

Im Sinne von „Fridays for Future“ forderte das Stadtoberhaupt noch dazu auf, sich auch in den eigenen vier Wänden für den Klimaschutz einzusetzen. „Allein mit Gesetzen und Verordnungen wird das nicht zu schaffen sein.“

Schwabens Nummer Eins

Das größte Mindelheimer Bauprojekt, die Freibadsanierung, sprach schließlich auch Staatsminister a.D. Franz Josef Pschierer an. Fördergelder in Höhe von 975.000 Euro hatte der Freistaat für das insgesamt acht Millionen Euro teure Vorhaben im Dezember zugesagt. Winter habe sich die Summe zwar „etwas höher vorgestellt“, so Pschierer, betonte aber, dass das schnelle Handeln von Stadtkämmerer Wolfgang Heimpel nach Bekanntwerden des Förderprogramms bereits die Pole-Position bedeutet habe. „Schneller ging´s nicht“, so Pschierer. Im Herbst 2020 sollen die Sanierungsarbeiten starten.

Wie Bürgermeister Winter sieht auch Pschierer die Schaffung weiteren Wohnraums als enorm wichtig an. Jedoch müssten Neubürger auch bereit sein, sich zu integrieren – wozu die zahlreichen Vereine oder Feuerwehren in der Region eine gute Plattform böten. Eine weitere Herausforderung stelle die des Klimaschutzes dar. Pschierers eindringlichste Forderung hierzu: Man müsse die Menschen dazu bewegen, vom Auto auf den ­ÖPNV umzusteigen.

Das war zuletzt auch das Anliegen von Landrat Hans-Joachim Weirather mit der Einführung des Flexibusses. Verknüpfungen zwischen Stadt und Landkreis gebe es aber auch darüber hinaus einige, unter anderem jene im Bereich Bildung (Berufliche Schulen) oder bei der Mindelheimer Kreisklinik. Letztere ist seit 2019 im Klinikverbund Allgäu und „bringt hier auch richtig was mit ein“. Der Verbund sei nicht nur für Mindelheim, sondern „für das gesamte Allgäu eine tolle Chance“, so Weirather. Er verwies zudem auf die Größe des Projektes: Der neue Verbund beschäftige nun rund 4.000 Mitarbeiter und schreibe einen Umsatz von rund 250 Millionen Euro.

Letzter Neujahrsempfang für den amtierenden Landrat

Für Weirather, der nach 14 Jahren im Amt in wenigen Wochen nicht mehr zur Landratswahl antreten wird, war der Mindelheimer Neujahrsempfang 2020 der letzte als Landrat. Er bedankte sich deshalb ausdrücklich bei seinem Stellvertreter Dr. Stephan Winter für die vertrauensvolle Zusammenarbeit und das „harmonische, menschliche Miteinander“ während der vergangenen Jahre. Damals den „Hut in den Ring geworfen zu haben“, habe Weirather nie bereut, wenngleich die Aufgabe natürlich an den Kräften gezehrt habe. Nichtsdestotrotz habe sich der Einsatz gelohnt. „Es war mir eine Ehre und eine Freude“.

Sprachlich anspruchsvoll zeigte Wort-Jongleur Christian Schedler dann wieder einige Vergleiche auf – sowohl Bilder aus dem vergangenen Jahr sowie auch eine Vorschau aufs „Schicksalsjahr 2020“. In Zeiten der Digitalisierung gebe es beispielsweise immer mehr „menschliche Mutanten“, die orientierungslos durch Mindelheims Straßen wandelten, ohne den Kopf von ihren kleinen Bildschirmen zu erheben. Auch Pärchen, die händchenhaltend aber beide mit Blick auf ihr Smartphone durch die Kreisstadt spazierten, beschrieb Schedler – sie könne man getrost als „sozial amputierte Teilzeitautisten“ bezeichnen.

Wörishofer Wahl-Wetten

Auch der Wahlkampf in der Nachbarstadt Bad Wörishofen kam zur Sprache: Schedlers Informationen zufolge hätten bereits Wettbüros eröffnet, in denen man auf seinen Favoriten unter den 29 Bürgermeisterkandidaten setzen könne. Weniger, nämlich fünf Kandidaten, stellen sich der Landratswahl. „Ma ka´s aluaga“, würde Schedlers Einschätzung lauten, ginge es um eine Miss-Wahl und nicht um die des Landrates.

Dass Wahlen künftig durch Computer beeinflussbar sein könnten, davor warnte Gastredner Prof. Dr. med. Alexander Cavallaro in seinem Vortrag „Mit künstlicher Intelligenz ins neue Jahr – Chance oder Bedrohung?“. Die Basis Künstlicher Intelligenz (KI) ist maschinelles Lernen – also der Versuch, einen Computer die Entscheidungsstrukturen des Menschen nachahmen und ihn sich selbst weiterentwickeln zu lassen. Daraus ergebe sich ein „immenses Datenwachstum“, so Cavallaro. „Und Sie haben keine Ahnung, wie wenig Sie dagegen tun können. Der Rechner vergisst nichts.“ Eine Chance sei das etwa in der Medizin, wo die KI bei der Erkennung von Brustkrebs die Erfolgsrate signifikant erhöht habe. „Hier hilft die KI, aber der Preis ist hoch“, so der Erlanger Medizinprofessor, der einst Schüler des Maristenkollegs war. Mit dem hohen Preis meinte Cavallaro unter anderem den „Kontrollverlust“, beispielsweise beim Autofahren oder auch in der Politik. „Sie können nichts mehr geheim halten.“ Auch die Medien seien mehr denn je in der Pflicht, Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Denn rund 30 Prozent aller Nachrichten seien laut Cavallaro falsch.

Antworten in der Religion?

Auf das „Wechselbad der Gefühle, wie Winter es später formulierte, konnte der Gastredner letztlich keine eindeutige Antwort geben. Er forderte, das Menschsein müsse neu erfunden werden – und womöglich könnten Religionen die entscheidenden Antworten geben, so Cavallaro, ehe der Neujahrsempfang im Forum mit zahlreichen Gesprächen ausklang.

Marco Tobisch

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