Es geht nur im Miteinander

Neujahrsempfang: Robert Antretter wirbt für Respekt und Menschlichkeit

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Robert Antretter sprach im Forum von seiner Mindelheimer Kindheit und der Würde des Menschen.

Mindelheim – „Man konnte eine Stecknadel fallen hören“, meinte Bürgermeister Dr. Stephan Winter unmittelbar im Anschluss an die berührende Rede, die der gebürtige Mindelheimer und ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Robert Antretterbeim Neujahrsempfang im Forum hielt. Seine Worte über die Menschenwürde und Geschichten aus Mindelheim hinterließen beim Publikum sichtbar Spuren – was sich einerseits in mehreren feuchten Augen, andererseits in Gesprächen beim anschließenden, gemütlichen Teil des Neujahrsempfangs bemerkbar machte.

25 Jahre seines Lebens hatte Antretter in Mindelheim verbracht – eine Zeit, in der er besonders das Zusammenleben geschätzt habe. Einer dieser damaligen Tage ist im Kopf des späteren SPD-Politikers noch heute sehr präsent: der 26. April 1945. Der sechsjährige Robert hatte seinerzeit mit seiner Familie zur Miete im Haus der Bäckerei Mandl gewohnt, als gegen 20 Uhr US-Truppen in Mindelheim einmarschierten. „Der Ami ist gekommen“, habe sein Vater damals gerufen – und löste damit auch bei seiner Familie die Furcht davor, wie es mit Deutschland nach dem Krieg weitergehen sollte. „Manche beteten, manche weinten und alle hofften“, schilderte Antretter seine Erinnerungen an jenen Apriltag – wenngleich er dessen Bedeutung und die „Befreiung“ durch die Amerikaner freilich erst später so richtig verstanden habe.

Zentrales Thema Antretters Rede war der Artikel 1 des Grundgesetzes, in dem es bekanntlich heißt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Was tatsächlich dahinter steckt, wurde dem heute 79-Jährigen, der in drei Wochen runden Geburtstag feiert, schon früh vor Augen geführt. Während des Krieges wohnte damals nämlich auch Josef – ein Gehörloser, der sich nur mit wenigen Lauten ausdrücken konnte – bei Antretter im Haus. „Ich habe ihn gut verstanden, aber viele nicht“, erzählte er im Forum. Und bekanntlich sei jene Zeit eine besonders schwere für Menschen mit Behinderung gewesen.

Während Josef das Dritte Reich dank „der Menschlichkeit und des Zusammenhalts seiner Nachbarn“ überlebte, erging es anderen Taubstummen aus der Umgebung wesentlich schlimmer. Viele von ihnen verbrachten ihren Lebensabend in einer psychiatrischen Einrichtung in Irsee, wo die Nazis mit Giftspritzen und Hungerdiäten ihr Euthanasieprogramm umsetzen und auf diese Weise rund 800 Menschen allein in Irsee ermordeten.

Auch, wenn das rund 75 Jahre zurückliegt: „Eklatante Verstöße“ gegen die Menschenwürde gebe es auch heute noch zu viele, meint Antretter. Konkret sprach er dabei unter anderem „moderne Formen der Sklaverei“, den Organhandel oder genetische Eingriffe an.

Deshalb appellierte der Redner, die Menschen sollten wachsam durchs Leben gehen. „Ich habe das Gefühl, Sie spüren alle, dass das Miteinander wichtig ist.“ Trotzdem wolle er „Streit im Rahmen der Demokratie“ keinesfalls eine Absage erteilen, dieser sei schließlich auch wichtig – beispielsweise beim Verhältnis zwischen Mieter und Vermieter, wo beide ihre Interessen durchsetzen wollen aber einen Kompromiss finden müssen.

Gleiches gelte auf politischer Ebene: Als Antretter einst eine europäische Delegation bei einem Auslandsbesuch in den USA angeführt habe, da habe er dort die Grenzen zwischen den Parteien im Vergleich zur Bundesrepublik als niedriger empfunden, wie er am Beispiel eines Gesprächs mit US-Senator Ted Kennedy erklärte. In Deutschland sei es da schon eine „verbissenere Gegnerschaft“ unter den Parteien gewesen.

Positives Deutschlandbild

Umso glücklicher sei er, dass die großen Volksparteien heute einen Weg suchen würden, „große Aufgaben mehr miteinander zu bewältigen“. Und wenngleich es an Bundeskanzlerin Angela Merkel freilich auch zu kritisieren gäbe, so sei Antretter trotzdem froh drum, dass Merkel „ein Bild von Barmherzigkeit und Nächstenliebe“ nach außen trage.

Schließlich bat er die anwesenden Politiker darum, die Ziele der Agenda 2030 „ernst zu nehmen“. Antretter: „Wir müssen es schaffen, das, was die UN beschlossen hat, Wirklichkeit werden zu lassen.“ Außerdem warb er darum, die Menschen müssten sich mehr politisch engagieren. „Gehen Sie in die Parteien. Alle vier Jahre zu wählen, reicht nicht.“

Wie die Gespräche im Anschluss zeigten, hatte Antretter offenbar vielen Anwesenden aus dem Herzen gesprochen. „Es war ein wirklich schöner Abend, ich habe mich gut aufgehoben gefühlt“, erzählte Antretter im Nachgang im Gespräch mit dem Wochen KURIER. „Mich haben danach so viele Leute angesprochen“, das Echo sei also großartig gewesen. 

Marco Tobisch

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