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Ein Abend voller Erkenntnisse

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Gemeinsam schlüpften die Mindelheimer Stadträte in verschiedene Rollen und erarbeiteten dabei spielerisch, wie viel Energie der Mensch verbraucht. Karl Geller, Berufschullehrer und Abteilungsleiter Fahrzeugtechnik an der Technikerschule Mindelheim, hatte dazu eingeladen (hinten Mitte, stehend). © Antonela Kelava

Mindelheim – Das Planspiel „Energiespardorf“ soll auf spielerische Art aufzeigen, wie sich der Lebensstil auf den Energieverbrauch auswirkt. Karl Geller, Lehrer an der Berufsschule Mindelheim, stellte den Mindelheimer Stadträten das Planspiel vor – und warf sie gleich ins kalte Wasser.

„Energiespardorf“ wurde vom Bund Naturschutz und vom Bayerischen Wirtschaftsministerium mehrfach gefördert. Die Berufsschule bietet das Planspiel im Rahmen des Energieeffizienzkurses an – und auch von Unternehmen wird es für interne Bildungsmaßnahmen eingesetzt. Nun seien die Kommunalpolitiker an der Reihe, sagte Geller. Dazu wurden die eingeladenen Stadträte kurzfristig zu Entscheidungsträger in einer virtuellen Kommune, um Lösungen für das Problem „CO²-Ausstoß“ zu finden. 

Denn Stadträte und Lehrer säßen im gleichen Boot, schmunzelte Geller. Gleichzeitig erinnerte er daran, dass bis 2030 der jetztige CO²-Ausstoß um zwei Drittel reduziert werden und bis 2050 Deutschland CO² frei sein solle, so Karl Geller. „Wir brauchen eine neue Generation, die kapiert, was eine Kilowattstunde (kWh) für einen Wert hat“, beschwerte er sich. Deutschland bilde in seinen Augen nicht richtig aus zum Thema Energie und Schüler verknüpften keine fächerübergreifenden Zusammenhänge. 

Um diese Generation aufzuklären, aber auch auszubilden, bietet die Berufsschule Mindelheim einen Energieeffizienzkurs an (der Wochen KURIER berichtete). Doch nicht nur den Schülern, auch Politikern müsse einiges bewusst werden – und deshalb forderte Karl Geller die Stadträte auf, einmal im Schnelldurchlauf das Planspiel zu spielen. 

So entsteht Lobbyismus 

Im Mittelpunkt dieses Spiels steht eine Miniaturnachbildung der Gemeinde Kaufering. Ein Haus steht dabei für 100 Wohneinheiten, es gibt Unternehmen und auch landwirtschaftliche Flächen. Zunächst sollten die Stadträte erraten, was im Haushalt am meisten Strom verbraucht. Genannt wurden von ihnen die Themenfelder Licht, Kochen, Kühlen, Unterhaltungselektronik und vieles weitere. Dann wurden sämtliche Energieverbräuche mithilfe von Steckern simuliert; das Ergebnis: Die kWh-Werte schossen – gut sichtbar für die anwesenden Räte – in die Höhe. 

Karl Geller klärte auf: Im Jahr werden in einer Gemeinde wie Kaufering mit fast 10.000 Einwohnern durchschnittlich 1.000.000 kWh für Licht verbraucht, 700.000 für das Kochen, 1.400.000 für das Kühlen und 1.800.000 für Unterhaltungselektronik. „Die Kilowattstunde besteht aus zwei Einheiten, wobei man eine dieser Einheiten beeinflussen kann: Die Stunden“, erklärte Geller. „Wenn Fabriken ihre Ausstattung auf den neuesten Stand der Technik bringen würden, könnte man einen Drittel des Verbrauches einsparen.“ Nach Konfrontation mit den Verbrauchswerten teilte Karl Geller jedem Stadtrat einen Beruf zu: Kurzerhand wurden sie unter anderem zu Pfarrer, Landwirt, ehemaligem Atomkraftwerkleiter, Unternehmer, Naturschützer. Bürgermeister Dr. Stephan Winter bekam die Rolle des Bürgermeisters zugewiesen und sollte nun mit den Stadträten eine fiktive Sitzung halten, um das Energieproblem zu lösen. 

Waren die Probanden zunächst sichtlich überfordert, nahm das Spiel im Lauf der Zeit eine interessante Wende: So schlug Stephan Winter die Errichtung von Fotovoltaik- und Biogasanlagen vor. Nach einigen Startschwierigkeiten übernahm schließlich auch jeder Stadtrat seine ihm zugewiesene Rolle – allerdings argumentierte jeder dann auch in seinem eigenen Interesse. 

Und da liege „der Hase im Pfeffer“, wie Lehrer Karl Geller seinen Gästen damit anschaulich verdeutlichen konnte. Denn, so Geller, sollten Stadträte, überhaupt alle Politiker nicht in ihrem eigenen Interesse handeln, sondern in ihrer Funktion als Bürgervertreter. „Genau so entsteht Lobbyismus“, fasste Geller zusammen, und genau so stünden persönliche Interessen den Lösungen im Weg. 

Dass es wohl keine konfliktfreie Art der Energieerzeugung geben könne, folgerte Stephan Winter daraus. Für ihn sei es, nicht nur als Bürgermeister, ein Abend der Erkenntnis gewesen, auch gebe es das Ziel, dieses Spiel in der Grund- und Mittelschule zu etablieren. 

Wann es soweit sein wird, bleibt abzuwarten. Für den ambitionierten Berufschullehrer Karl Geller hätte sich der Abend damit dennoch bereits ausgezahlt. 

von Antonela Kelava

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