Es brodelt gewaltig in der Hexenküche

Projekt Märchenwald  zwischen Stadt und Gewerbetreibenden endet im „Fiasko“

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Unsin ist sauer: Für seine Eigeninitiative, die Stadt mehr zu beleben, bekommt er nicht die erhofften Zuschüsse der Stadt. Die 5.000 Euro Materialkosten für den Märchenwald sind bereits im Haushalt 2020 eingeplant.

Bad Wörishofen – Es hätte ein schönes Projekt werden können, eine gelungene Zusammenarbeit zwischen der Stadt Bad Wörishofen, dem Hotel- und Gaststättenverband, den Einzelhändlern und dem Goldschmied Siegfried Unsin, die gemeinsam den Märchenwald auf dem Denkmalplatz geplant und gebaut haben. Doch es kam zum Eklat zwischen Bürgermeister Paul Gruschka und Unsin, der nicht zur Eröffnung des Märchenwaldes auftauchte, da er auf dem Großteil seiner Auslagen für städ­t­ische Verschönerungsprojekte sitzen bleibt. Nachdem die fehlenden Zuschüsse im Stadtrat vor einigen Wochen angesprochen wurden, hat der Wochen ­KURIER bei beiden Parteien nochmal nachgehakt.

Unsin ist sauer. Seit vier Jahren werde er vom Bürgermeister Gruschka hängen gelassen, bekommt von ihm lediglich einen kleinen Teil der Materialkosten für die Skulpturen, die Unsin für die Innenstadt gebaut hat, ausgezahlt. Diese sind Teil der 2015 geschlossenen Einzelhändlerinitiative, die Stadt zu beleben und die Geschäfte zu erhalten. Angefangen hat Unsin damals mit der Osterhasenschule samt zehn Osterhasen. Im zweiten Jahr zog der Blütenzauber in die Kurstadt ein, als Highlight installierte Unsin eine aufblühende Rose. 2017 stand ein drei Meter großer Pfau mit echten Federn in der Fußgängerzone, 2018 ein fünf Meter großer Halbmond mit einem Teddybär darauf sitzend. Nebenbei hat Unsin bereits 30 passende Symbole aus Styropor vor den entsprechenden Einzelhandelsgeschäften aufgestellt. Letztes Jahr entwarf Unsin eine fünf Meter große Orchidee aus kaum biegbarem Styrodur, die auf dem Denkmalplatz nach oben ragte.

Materialkosten samt hunderten von Arbeitsstunden schätzt Unsin für jedes einzelne seiner Projekte auf rund 18.000 Euro. Die reinen Materialkosten, die er gerne von der Stadt zurückerstattet hätte, beliefen sich beim Pfau und Halbmond auf 3.000 Euro, bei der Orchidee waren es 2.000 Euro. Während er für den Pfau noch 700 Euro Zuschuss bekam, waren es beim Halbmond nur noch 500 Euro. Letztes Jahr hatte er auf seinen Zuschuss­antrag für die Orchidee hin die Rückmeldung von Gruschka bekommen, dass er doch bei den Einzelhändlern betteln gehen solle. Dies ist jedoch nur die Auffassung Unsins. Gruschka meinte dagegen lediglich, dass er bei den Einzelhändlern nach Zuschüssen fragen soll. „Vier Jahre lang wurde ich im Stich gelassen und mit Trinkgeld abgespeist“, beschwert sich Unsin. Dem Bürgermeister sei die „Belebung der Stadt scheißegal“ und er stünde von Anfang an nicht hinter dem Projekt.

Gruschka habe nun 1.000 Euro Zuschuss für die Orchidee „mühsam aus Verfügungsmitteln bezahlt“, erklärt der Bürgermeister. Die am 16. August eingegangene Rechnung von Unsin wurde von der Stadtkämmerin überprüft, doch die Haushaltskonsolidierung ließe eine komplette Rückerstattung nicht zu, erklärt Gruschka. „Das kriegen wir nicht unter.“ Die Menge an Verfügungsmitteln variiert von Jahr zu Jahr. Drei Monate gingen ins Land, in denen Unsin keine Zuschussbewilligung vom Bürgermeister bekam. Eine „Unverschämtheit“, schnauft Unsin, denn bis 3.000 Euro könnte der Bürgermeister ohne Einweihung des Stadtrats einen Zuschussantrag genehmigen. Unsin ist sich sicher, dass der Bürgermeister sehr wohl die finanziellen Mittel hätte, um die Orchidee zu zahlen. Er betont, dass es ihm immer um die Belebung der Stadt gehe und nicht um ihn selbst.

Dann reichte es Unsin und er wandte sich am 28. November mit einem Schreiben an den gesamten Stadtrat, er solle doch die Materialkosten von 2.000 Euro für die Orchidee bewilligen und merkte dabei noch gleich die 5.000 Euro Materialkosten für den Märchenwald an. „Ich habe die Faxen dicke“, meinte daraufhin Gruschka. Bis jetzt habe er keinen Zuschussantrag für den Märchenwald erhalten. Für diesen müsse Unsin Rechnungsbelege beifügen und den Antrag begründen. Gruschka habe zwar von Anfang an Unsin die Unterstützung zugesagt, „aber es gab nie einen Auftrag der Stadt“, dass er diese Skulpturen und Projekte verwirklichen soll. Unsin baut freiwillig und ehrenamtlich „Attraktivitäten, die Deutschland so bislang noch nicht hat“, so der Goldschmied.

Ein „Fiasko“

Die nun genehmigten 1.000 Euro Zuschuss für die Orchidee reichen Unsin aber nicht, er will die vollen 2.000 Euro erstattet bekommen, „komme was wolle“. Bleibt es bei den 1.000 Euro Zuschuss, überlegt es sich Unsin, ob in diesem Jahr eine weitere Zusammenarbeit zwischen ihm und der Stadt zustande kommen wird. „Wenn die Zusammenarbeit nicht perfekt klappt, ist Schluss und die Fußgängerzone tot“, droht Unsin, der einen Juwelierladen in der Kneippstraße betreibt, und ärgert sich: „Das Maß ist voll.“ Er habe drei Jahre stillgehalten und gehofft, „dass die irgendwann auf den Zug meiner ganzen Ideen aufspringen werden, aber bis heute ist nichts passiert“.

Nach dem für Unsin unzufriedenen Zugeständnis von nur 1.000 Euro rief er Gruschka am 12. Dezember an. Er drohte, wenn Gruschka den Märchenwald eröffnen werde, „gibt es ein Fiasko“, so Unsin. „Wer so gegen die ganzen Aktionen steht, braucht keinen Winterwald eröffnen“, argumentiert Unsin weiter. Nachdem Gruschka ihm ausgerichtet hatte, dass er sich nicht erpressen lasse, hätte er einfach aufgelegt, berichtet der Bürgermeister.

Bereits am 18. November wusste Zweiter Bürgermeister Stefan Welzel von den nicht genehmigten Zuschüssen und fragte in der dortigen Stadtratssitzung an, was denn mit den Zuschüssen für Unsin wäre. Doch zu dem Zeitpunkt wurden sie noch von Gruschka überprüft. Er meint, dass Unsin Welzel instruiert habe, die Anfrage öffentlich zu stellen. Unsin bestand auch darauf, dass Welzel die Eröffnung des Märchenwaldes übernimmt, doch der Zweite Bürgermeister hatte an dem Tag zwei Trauungen und konnte gar nicht bei der Eröffnung anwesend sein. Außerdem, so Gruschka, sei so eine Eröffnung Sache des Ersten Bürgermeisters.

Es sei für alle überraschend gewesen, dass Unsin nicht zur Eröffnung des Märchenwaldes gekommen ist, so der Bürgermeister. Er verstehe nicht, „warum es mit dem Märchenwald so einen Terz gibt“. Denn Unsin solle nicht meinen, dass er nicht von der Stadt unterstützt werde, die Attraktivität der Innenstadt zu verbessern. Kur- und Tourismusdirektorin Petra Nocker half Unsin mit den Flyern und organisierte ein Glockenspiel mit echten Kuhglocken, der Bauhof schaffte das Ambiente.

Erst am 16. September bekam Gruschka Wind von der Idee des Märchenwaldes, doch bereits im Juni fing Unsin mit dem Bau seines Hexenhäuschens an, im Frühjahr schon fanden erste Gespräche und Planungen für die Weihnachtszeit 2019 zusammen mit dem Hotel- und Gaststättengewerbe, den Einzelhändlern, Vermietern, Vereinen, dem Betriebshof sowie dem Kur- und Tourismusbetrieb statt. Dort wurde auch diskutiert, wie man die Attraktivität der Stadt nach dem Weihnachtsmarkt aufrecht erhalten könne. „Der Märchenwald hat sich als machbares Projekt in den Folgesitzungen erst entwickelt“, erklärt Kurdirektorin Petra Nocker. „Nach den Sommerferien waren die Gespräche und Abstimmungen so weit, dass das Projekt greifbar“ und Bürgermeister Gruschka darüber in Kenntnis gesetzt wurde, so Nocker weiter.

Nicht kalkulierbar

Wie viel der Märchenwald kosten werde, wusste aber Unsin am Anfang der Umsetzung noch nicht. Das große Hexenhaus, in dem man beim Glühweintrinken zusammenstehen konnte, hat Unsin alleine gebaut, das kleine entwarf Zimmerermeister Benjamin Steinle. Jetzt wurde klar, dass sich die Kosten der zwei Hexenhäuschen auf 5.000 Euro belaufen. Mit den zwei gekauften Hütten des Kur- und Tourismusbetriebs, die multifunktional einsetzbar sind, und die Aufbauarbeiten des Betriebshofes kostet der Märchenwald zusammen also 12.000 Euro. Zum Vergleich: Der Eislaufplatz 2018 schlug mit rund 35.000 Euro zu Buche – für eine Saison. Die Märchenhäuschen können aber, einmal investiert, jahrelang wiederverwendet werden. Wenn aber Gruschka mit Arbeitsstunden komme, müsse Unsin auch mit dem Rechnen anfangen, sagt der Bad Wörishofer, das wären dann 40 Euro pro Stunde bei 800 Arbeitsstunden für die zwei Häuschen plus 100 Stunden Aufbau.

Anfangs hatte er mit 200 Arbeitsstunden kalkuliert, aus denen aber dann sehr viel mehr wurden. Eine Vorkalkulation wäre laut Unsin nicht möglich gewesen, da diese sofort abgelehnt worden wäre. „Der normale Weg wäre auf gar keinen Fall möglich gewesen.“ Zudem sei es nicht vorauszusehen gewesen, wie teuer das Projekt am Ende wird.

Nach der Vorstellung der Idee im September genehmigte Gruschka den Märchenwald. Seine Unterstützung sei damit vollbracht, in Einzelheiten habe er sich als Bürgermeister damit nicht mehr befasst, da den Rest der Kur- und Tourismusbetrieb sowie der Betriebshof übernahm. Als Bürgermeister wolle er nicht auch noch Hexenhäuschen bauen müssen. „Ich bin froh, dass Unsin so etwas macht“, lobt Gruschka den Goldschmied. Doch „durch sein Verhalten wurde der Märchenwald überschattet und ins Negative gezogen“.

Die 5.000 Euro für den Märchenwald habe Gruschka bereits in den Haushalt 2020 einplanen lassen, vorausgesetzt, Unsin kann Belege für die Ausgaben nachweisen. Die letzte Entscheidung treffe dann der Stadtrat. Zudem gebe es zwei Personen, die „ihre finanzielle Unterstützung in Form einer Spende für nachgewiesene Materialkosten“ des Märchenwaldes anbieten würden, verkündet Gruschka. Ob sich Unsin zufrieden damit gibt, bleibt abzuwarten. 

Julia Böcken

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