Arbeitsagentur im Raum Mindelheim zieht Bilanz

Arbeitsmarkt 2019: "Gigantische" Arbeitslosenquote aber zu wenig Azubis

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Maria Artmann (Mitte), Leiterin der Agentur für Arbeit Kempten-Memmingen, ließ das Arbeitsmarkt-Jahr im Raum Mindelheim zusammen mit Alfred Falger (rechts), Leiter des Jobcenter Unterallgäu, Revue passieren. Dabei stellte Artmann auch Manuel Zeiler (links), den neuen Leiter der Agentur für Arbeit Mindelheim, vor.

Mindelheim/Unterallgäu – Ein gutes Jahr 2019 erlebten im Altlandkreis Mindelheim der Arbeitsmarkt und seine Akteure: Die Arbeitslosigkeit blieb über das gesamte Jahr hinweg verschwindend gering, sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen nehmen stetig zu und auch auf Trends am Arbeitsmarkt sei man bestens eingestellt, wie Maria Artmann, Leiterin der Agentur für Arbeit Kempten-Memmingen gestern zusammenfasste. Eine große Herausforderung bleibt aber das Thema Ausbildung, denn nach wie vor bräuchten die Betriebe in der Region wesentlich mehr Nachwuchs, als der Markt zu bieten hat.

Als „robust“ könne man heuer den Arbeitsmarkt und seine Entwicklung beschreiben, meint Artmann – beständig, stabil und auch von Widerständen nicht aus dem Gleichgewicht zu bringen also. Ablesbar ist das unter anderem an der Kurve, die die Arbeitslosigkeit in den letzten zwölf Monaten anzeigt: In den Anfangswochen, als besonders Männer in Außenberufen witterungsbedingt die Arbeitslosenquote über die Zwei-Prozent-Marke trieben, wurde die höchste Zahl erreicht. Über die Sommermonate habe man die Quote dann konstant bei 1,9 Prozent halten können, einer „gigantisch positiven Quote“, wie Artmann betont. Wegen auslaufender Arbeitsverträge sowie Schülern und Studenten, die im Spätsommer einen neuen Lebensweg einschlagen wollen, hätte es ab August wieder etwas mehr Arbeitslose gegeben (2,1 Prozent) – schon im Oktober erreichte die Kurve aber ihren Jahresbestwert von 1,8 Prozent. Warum es danach wieder etwas nach unten geht? In der Hotel- und Gastrobranche ist im November üblicherweise Pause, aus diesen Bereichen fanden sich in den vergangenen Wochen deshalb einige Arbeitssuchende im Amt ein. „Die sind aber am 15. Dezember wieder weg, das ist ein Selbstläufer“, weiß Artmann aus Erfahrung.

Zu einer der besten Quoten Deutschlands, die der Raum Mindelheim zuletzt Monat für Monat erreichte, trugen insbesondere das weibliche Geschlecht und Zuwanderer bei. Weil Betriebe bei der Personalsuche ohnehin zunehmend Kompromisse eingehen müssten, etwa bei flexiblen Arbeitszeiten, seien Frauen – auch für den Wiedereinstieg nach der Schwangerschaft – sehr gefragt. Denn: „Frauen sind sehr strukturiert“, sagt Artmann.

Weg von der 450 Euro-Basis

Auffällig war in den vergangenen Jahren auch, dass insbesondere sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen kontinuierlich zugenommen haben. Waren 2010 noch etwas weniger als 40.000 Menschen sozialversicherungspflichtig angestellt, kratzt dieser Wert heuer schon an der 52.000er-Marke. Ein Mitgrund sind auch hier die Arbeitszeitmodelle der Unternehmen. Den größten Zuwachs verzeichnete in diesem Bereich das Gesundheitswesen mit knapp acht Prozent.

Bemerkenswert ist auch, dass das Beschäftigungsplus unter Ausländern bei zwölf Prozent lag – und das nicht nur wegen der Flüchtlingswellen. Diese habe man vor allem seit 2015 intensiv in den Arbeitsmarkt integrieren wollen, stoße aber noch immer wegen Sprach-Barrieren auf Schwierigkeiten. Nichtsdestotrotz: „Der Sprung in eine Ausbildung ist vielen gelungen“, lobt Artmann. Vor allem im gewerblich-technischen Bereich hätten viele eine Stelle gefunden. Den Engpass in der Pflege aber auf Dauer mit Flüchtlingen zu lösen, hält Artmann nicht für denkbar.

Auch der Zuzug aus anderen EU-Ländern spiele für den Wirtschaftsraum Mindelheim eine große Rolle. Besonders der Flughafen Memmingen hätte mit attraktiven Angeboten und Zielen in Osteuropa die Basis geschaffen, entweder saisonal oder langfristig zum Arbeiten ins Unterallgäu zu kommen.

Nur 86 junge Leute unter 25 Jahren arbeitslos

Zurück zum Thema Arbeitslosigkeit: Hier ging Artmann auch speziell auf die Unter-25-Jährigen ein, bei denen es „den Grundstein“ für die spätere Berufslaufbahn zu legen gelte. Und weil junge Leute am Markt bekanntlich gefragt sind, sind derzeit gerade einmal 86 von ihnen ohne Job. „An ihnen versuchen wir noch intensiver dran zu sein“, meint Alfred Falger, Leiter des Jobcenter Unterallgäu. Und deshalb dauere ihre Arbeitslosigkeit in der Regel nicht lange an. Einer der klassischen Fälle sei, wenn jemand gerade vom „Work and Travel“ aus Australien zurück komme. „Den kriegen wir gut wieder unter“, meint Falger.

Anders sieht es da bei den Über-50-Jährigen aus, allein sie machen 40 Prozent der Arbeitslosen im Raum Mindelheim aus. „Mit 55 denkt man heutzutage nicht mehr an die Rente“, sagt Artmann. Und deshalb seien schon einige Betriebe dazu übergegangen, auch Neueinsteiger im fortgeschrittenen Alter noch umfassend einzuarbeiten. „Da haben sie noch was davon“, so Artmann – schließlich bleiben die Mitarbeiter oft noch ein knappes Jahrzehnt im Betrieb.

Artmann ging auch noch auf zwei Trends ein – zunächst auf die Diskrepanz zwischen jungen Auszubildenden und den Betrieben, die Nachwuchs suchen. Nur 450 junge Menschen meldeten sich bei den Berufsberatern mit dem Wunsch, im September 2019 eine Ausbildung zu beginnen, 730 Ausbildungsplätze warteten dabei allerdings auf sie. Noch Ende September hofften die Firmenchefs rund um Mindelheim darauf, fast 100 freie Plätze zu besetzen – vor allem jene in der Gastronomie und im Baugewerbe. Punkten könnten Betriebe vor allem mit „Wohlfühlfaktor“, der jungen Leuten inzwischen wichtiger sei als ein hohes Einkommen, so Artmann.

"Bedauerlich"

Ein zweiter Trend sei die Verlagerung unter den Arbeitslosen von Arbeitslosengeld II, also „Hartz IV“, zu Arbeitslosengeld I. Das sei ein gutes Zeichen, denn für die erste Stufe der Arbeitslosigkeit müsse man zunächst mal ein Jahr gearbeitet haben. Auch einige Langzeitarbeitslose seien also – zumindest zwischenzeitlich – in Lohn und Brot gekommen. In diesem Zusammenhang äußerte sich Alfred Falger auch zum jüngsten Urteil des Bundesverfassungsgerichts, wonach Hartz-IV-Leistungen künftig nicht mehr um mehr als 30 Prozent gekürzt werden dürfen – auch dann also nicht, wenn der Arbeitslose überhaupt nicht daran interessiert ist, wieder eine neue Stelle zu finden. „Wir bedauern das Urteil“, sagt Falger, denn bei den „wenigen Einzelfällen“, die sich Jobangeboten „partout verweigerten“, sei eine Leistungskürzung der einzig wirksame Hebel gewesen. Und wenn sich jemand grundsätzlich nicht in die Solidargemeinschaft einbringen wolle, hält Falger Sanktionen für „gesellschaftlich gerecht“. Denn nicht nur Steuerzahler seien durch diese Einstellung benachteiligt; auch Unternehmen gegenüber, die Stellen besetzen wollen, sei die Agentur für Arbeit schließlich verpflichtet. „Wir sind quasi die Makler“, sagt Artmann. 

Marco Tobisch

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