Brandheiße Diskussion

Keine Rettung für Bad Wörishofen?!

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Findet „Leben retten“ bald nur noch zu Bürozeiten statt?

Bad Wörishofen – 4.600 Unterschriften sind zusammen gekommen. 4.600 Menschen, die der Meinung sind, dass Bad Wörishofen nachts einen Rettungswagen braucht. Scheinbar reichen diese Menschen aber nicht aus, um den bayerischen Innenminister Joachim Herrmann wenigstens zu einem persönlichen Termin zu bewegen. Bad Wörishofen soll weiter ohne 24 Stunden besetzte Rettungswache bleiben. Wir erklären Ihnen warum.

Seit einigen Monaten fordert das Bürgerforum Bad Wörishofen die Einrichtung einer rund um die Uhr besetzten Rettungswache. Momentan ist die Kneippstadt von 22 Uhr bis 6 Uhr quasi „rettungslos“. Sollte in dieser Zeit etwas passieren, alarmiert die Rettungsleitstelle das nächstgelegene verfügbare Rettungsmittel. Vorzugsweise aus Buchloe, Kirchheim, Kaufbeuren oder Mindelheim.
Man folge den gesetzlichen Vorgaben, stellte der zuständige Rettungsdienstzweckverband (ZRF) klar. Diese legen fest, dass in mindestens 80 Prozent der Einsätze ein Rettungsmittel innerhalb von 12 Minuten vor Ort sein muss. Laut TRUST Gutachten vom Jahr 2014 gelang dies in 91 Prozent der Fälle. Somit müsse der ZRF, dessen Mitglied auch der Landkreis Unterallgäu ist, hier nicht nachbessern. Das nächste Gutachten ist erst für das Jahr 2017 geplant.
ZRF will nicht nachbessern
Schwierig zu verstehen, angesichts der Tatsache, dass auch die Gemeinde Babenhausen ähnliche Schwierigkeiten hatte. Hier war die Rettungswache jeweils morgens und abends je eine Stunde zum Schichtwechsel unbesetzt. Dass manchmal auch diese eine Stunde verhängnisvoll sein kann, zeigte sich, als ein junger Mann wiederbelebt werden musste. Jetzt hat Babenhausen eine 24 Stunden besetzte Rettungswache, für die der Kreistag gerade 180.000 Euro finanzielle Unterstützung bewilligte. ( Siehe Wochen KURIER 03/2016)
Auf Nachfrage des Wochen KURIERs teilten das Bayerische Ministerium des Inneren sowie Landtagspräsidentin Barbara Stamm einheitlich mit: „Eine Analyse des einjährigen Beobachtungszeitraumes zeigte, dass außerhalb der öffentlich-rechtlichen Vorhaltung am Stellplatz Bad Wörishofen lediglich 16 Notfallereignisse dokumentiert wurden, die nicht innerhalb einer planerischen Fahrzeit von 12 Minuten von der Rettungswache Mindelheim aus zu erreichen sind. Eine Analyse der gleichzeitig durchgeführten Notfalleinsätze im Versorgungsbereich der Rettungswache Mindelheim, zu dem auch der Stellplatz Bad Wörishofen gehört, zeigte keine Notwendigkeit auf, einen zweiten Rettungswagen – (ein RTW ist rund um die Uhr an der Rettungswache Mindelheim sowie ein RTW am Stellplatz Bad Wörishofen) für 24 Stunden vorzuhalten.“
Kein Termin für Unterschriftenübergabe
Weiter erklärt das Ministerium: „Im Vergleich dazu bestand und besteht im Markt Babenhausen die Notwendigkeit einer 24-Stunden-Vorhaltung. Die Stationierung von Rettungsmitteln erfolgt unter der Prämisse, eine den gesetzlichen Vorgaben entsprechende rettungsdienstliche Versorgung sicherzustellen. Bei der konkreten Standortwahl werden unter anderem Faktoren wie die Erreichbarkeit einzelner Gemeinden, Synergieeffekte zu benachbarten Rettungsdienststandorten und die Abdeckung von Einsatzschwerpunkten innerhalb des jeweiligen Versorgungsbereiches berücksichtigt.“
Fakt ist aber auch:
Wenn ein Mensch einen Kreislaufstillstand erleidet, sinken seine Überlebenschanchen, wenn er nicht sofort wiederbelebt wird, pro Minute um zehn Prozent. Nach maximal vier Minuten sind Hirnschädigungen sicher eingetreten. Wir stellen also folgende Rechnung auf: Herr Mustermann bricht um 23 Uhr in der Kneippstadt auf dem Gehsteig zusammen. Er hat einen Kreislaufstillstand. Der Rettungsdienst und der Notarzt werden gerufen. Sie benötigen aufgrund der Wegstrecke, trotz bester Wetter- und Verkehrslage 12 Minuten bis sie Herrn Mustermann erreichen. Ergibt sich also 12 Minuten ohne Reanimation, dies entspricht einer Überlebenschanche von Minus 20 Prozent.
Damit die Überlegung des TRUST Gutachtens und des ZRF funktionieren, muss aber in den angrenzenden Rettungswachen der Rettungswagen auch anwesend und nicht im Einsatz sein. Ein weiteres Problem für die Rettungsleitstelle ist das „Verschieben“ von Rettungsmitteln. Beispiel: Der Rettungswagen aus Mindelheim muss zu Herrn Mustermann nach Bad Wörishofen. Somit hat Mindelheim keinen „Sanka“ mehr. Der Leitstellen-
disponent muss sich jetzt entscheiden, welchen Rettungswagen (RTW) er von seinem Standort abzieht und in die sogenannte Gebietsabsicherung schickt. Das heißt, dieser RTW fährt ein Stück weit Richtung Mindelheim. Jetzt ist er aber weder auf der Wache in seinem Zuständigkeitsbereich, noch zentral in Mindelheim. So ergeben sich auch hier längere Anfahrtszeiten.
„Dominoeffekt“ für die Leitstelle
Jetzt alle Hoffnung in das kommende Gutachten 2017 zu stecken wäre aber falsch, denn auf welche Art und Weise eine Verbesserung erfolgen könnte und ob dies gar bedeutet, dass Bad Wörishofen eine eigene Rettungswache bekommt, ist gegenwärtig nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Staatssekretär Franz Pschierer hierzu: „Ich unterstützte das berechtigte Anliegen vieler Bürgerinnen und Bürger der Kneippstadt, dass – sollte eine eigene, vollwertige Rettungswache nicht zu realisieren sein – zumindest ein Rettungswagen auch nachts sich wieder vor Ort befindet. Gerade auch angesichts der demographischen Entwicklung sowie der herausragenden Bedeutung von Bad Wörishofen als Kurort ist hier eine Anpassung geboten.“
Auch Landtagsabgeordneter Bernhard Pohl verspricht, sich darum kümmern zu wollen: „Bad Wörishofen braucht eine 24-Stunden-Rettungswache. Bad Wörishofen ist nicht nur die größte Stadt im Unterallgäu, sondern beherbergt zusätzlich etwa 100 000 Kurgäste im Jahr. Der Anteil an älteren Menschen liegt über dem Durchschnitt der Region. Im Interesse der Notfallversorgung unserer Bevölkerung ist es daher erforderlich, dass wir hier eine Versorgungslücke schließen.
Ich werde mich, gestützt auf die Unterschriftensammlung des Bürgerforums, mit Nachdruck beim Innenministerium für die Erreichung dieses Ziels stark machen.“
Bürgermeister und Landrat einer Meinung
Bürgermeister Paul Gruschka sichert ebenfalls seine Unterstützung zu und möchte sich auf politischer Ebene für eine 24 Stunden Rettungswache vor Ort einsetzen.
Landrat Hans-Joachim Weirather möchte zukünftig eine weiterführende Analyse im ZRF anregen. Dieser kommt monatlich zusammen, ob hier bereits ein Antrag seitens Weirathers gestellt worden war, lag zu Redaktionsschluss nicht vor.
Der ZRF vertritt grundsätzlich die Meinung, dass Bad Wörishofen keine Notwendigkeit für eine 24 Stunden Rettungswache hat und somit keine Handlungsverpflichtung für den ZRF Donau - Iller vorliegt.
Das Bayerische Rote Kreuz und der Malteser Hilfsdienst hüllten sich, trotz des Faktes, dass es sich um öffentlich rechtliche Hilfsorganisationen handelt, der Redaktion gegenüber in Schweigen.
Johanniter, Malteser und Rotes Kreuz
Die Johanniter Unfall Hilfe gab an, leider zu wenige fundierte Informationen vorliegen zu haben, aber grundsätzlich der Überzeugung zu sein, dass eine 24 Stunden besetzte Rettungswache die Versorgung verbessern würde. Nicht außer Acht zu lassen, ist ebenfalls die Tatsache, dass auch Gemeinden wie Ettringen und Türkheim im Einzugsgebiet der Rettungswache Bad Wörishofen liegen. Ebenso wie viele kleinere Gemeinden und Ortsteile würden auch sie von einer zeitnahen medizinischen Notfallversorgung profitieren.
Jedem Bürger steht natürlich frei sich an die zuständigen Stellen zu wenden, oder sich selbst zu engagieren, wenn er dies möchte. wey

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