Bis Ende September entscheidet sich das Schicksal

Schwermer: Geschäftsführer Plail spricht über Firmenschließung und Investorsuche

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In den nächsten Wochen muss Geschäftsführer Friedrich Plail einen Investor finden, andernfalls wäre das Aus seiner HEIDI Chocolat Schwermer GmbH besiegelt. Das Café Schwermer am Heuweg ist übrigens ein eigenständiger Betrieb und wäre deshalb von der Schließung nicht betroffen.

Bad Wörishofen – „Glauben Sie mir, es macht keinen Spaß, eine Firma zu schließen“, sagt Friedrich Plail. Der Wochen KURIER hat den Geschäftsführer der HEIDI Chocolat Schwermer GmbH, wie Schwermer offiziell heißt, auf dem Weg zu einem Termin erreicht. Gerade erst hatte er den Traditionshersteller mit harten Einschnitten, wie Plail glaubte, wieder fit gemacht, da durchkreuzte die Corona-Pandemie die Pläne. „Ein oder zwei Quartale mehr und wir hätten zeigen können, dass das Konzept tragfähig ist.“

Wer in Berlin ein Stück Allgäu genießen will, muss nur zum Alex‘ gehen. Im dortigen Galeria Kaufhof gibt es Schwermer-Produkte nach Gusto, Schokoladen, Riegel und das Marzipan. Doch die Karstadt- Kaufhof-Filiale am traditionsreichen Alexanderplatz steht auch sinnbildlich für die Tragödie der Pandemie, die Bilder gingen durch die Nachrichten. Mitte März wurde die Osterdeko, für die die Filiale berühmt ist, verramscht, nachdem klar war, dass das Warenhaus wie viele andere Geschäfte auch im Lockdown würde schließen müssen. Da hatte Schwermer gerade den zweiten Neustart hinter sich, versuchten doch die Besitzer eine Rückbesinnung und Konzentration auf das „Kerngeschäft“, wie es Friedrich Plail beschreibt: Marzipan und Pralinés. „Und wir haben durchaus positive Signale gesehen.“ Wie Karstadt- Kaufhof ist aber auch der zweite Großkunde von Schwermer, ­Arco-Hussel-Eilles, vom Lockdown betroffen. Plail: „Wir haben zwei Schwerpunkte im Jahr, Ostern und Weihnachten. Und das Ostergeschäft ist heuer komplett ausgefallen.“

Tradition und Regionalität

Nach der Übernahme von Schwermer 2017 gab es einen ersten Relaunch, mit neuen Design und einer Erweiterung des Sortiments, auch um die Kapazitäten in der Produktion auszulasten. Doch die Produkte der ­HEIDI Chocolat Schwermer GmbH fanden nicht den erwarteten Zuspruch, der Wert der Marke sei vom Markt nicht honoriert worden. Drei Jahre in Folge mussten die Besitzer beträchtliche Summen zuschießen, um die hohen Verluste auszugleichen und damit den Fortbestand des Unternehmens zu sichern. Noch einmal bekam die Firma, deren Ursprünge im heutigen Kaliningrad, im ehemals ostpreußischen Königsberg liegen, in dem hart umkämpften Markt eine Chance.

Die Palette der Produkte wurde um mehr als die Hälfte zusammengestrichen, auch das Gros der Belegschaft musste gehen. Aktuell arbeiten noch 65 Mitarbeiter am Standort Bad Wörishofen, einem von fünf der Muttergesellschaft Heidi Chocolat; neben dem Hauptsitz in Bukarest gehören auch eine Schokoladenfabrik in der Stadt Pantelimon bei Bukarest sowie Kandia Dulce (beide Rumänien), die Schweizer Schokoladenfabrik Schönenberger und die österreichische Walter Niemetz Süßwarenfabrik zur Heidi-Gruppe, die ihrerseits der österreichischen Julius-Meinl-Gruppe (Kaffee) gehört.

Deshalb sei auch eine Auslagerung der Produktion nach Rumänien nie zur Debatte gestanden. „Das war nie eine Option“, spricht Plail für die Eigentümer, die nun nach zwei sehr schlechten Quartalen 2020 die Notbremse gezogen haben. Mit dem Neustart habe man die Fixkosten schon auf ein Mindestmaß gebracht, „die können wir nicht weiter reduzieren“ sagt Plail und schiebt nach, dass es keinen Spaß mache, eine Firma zu schließen. Er habe das Unternehmen weiterführen wollen. Doch neben einer zu großen Belegschaft – „lieber mit weniger Mitarbeitern weitermachen als mit der vollen Belegschaft schließen“– macht dem Geschäftsführer auch der Standort Probleme. Viel zu groß sei dieser, wo auf drei Etagen Süßes nach alter Tradition, vor allem Baumkuchen und das geflämmte Marzipan, hergestellt wird. „Diese riesige Fläche ist nicht nötig“, sagt Plail und schätzt, dass ein Investor auf einer Fläche, die nur gut ein Drittel so groß ist wie aktuell, weitermachen könnte. Und diesen Investor sucht Plail aktuell.

„Ich habe zwei Stoßrichtungen“, beschreibt er im Gespräch, wie es nun weitergeht. Da sei zum einen die Immobilie, wegen der Plail auch im engen Kontakt mit der Verwaltung und dem Bürgermeister Bad Wörishofens steht. In einer Pressemitteilung der Stadt heißt es denn auch, dass abzusehen gewesen sei, „dass die Entwicklungen rund um die Corona-Krise ihren Tribut“ fordern würde. Dass es nun die Firma Schwermer treffen würde, sei aber vor einem halben Jahr so nicht absehbar gewesen. Im Mai schon habe Bürgermeister Stefan Welzel im Rahmen seiner Gespräche mit Wirtschaftsvertretern Kontakte zu Geschäftsführer Friedrich Plail geknüpft. Damals hätten sich Veränderungen abgezeichnet, wenn auch nicht in der aktuell diskutierten Tragweite. „Ich hatte gleichwohl schon im Juli die Thematik im neu ins Leben gerufenen Strategieausschuss behandelt“, schreibt Stefan Welzel. Natürlich habe das alles bei dieser sensiblen Thematik nichtöffentlich geschehen müssen. „Nach der Sommerpause haben die Entwicklungen deutlich an Dynamik zugenommen.“

Seither habe es mehrere persönliche Gespräche sowie eine Vielzahl von Kontakten per Telefon, Mail und Kurznachrichten gegeben. „Das Interesse der Stadt sind natürlich die Arbeitsplätze und die Marke, für die das traditionsreiche Produkt steht“, betont Welzel. Die Stadt wünsche sich deshalb einen Fortbestand der Marke sowie den Erhalt, zumindest eines Teils der Produktion und der Produktpalette.

Neustart im Gewerbegebiet?

Das ist auch im Sinne Plails. Derzeit ist er im Gespräch mit zwei Investoren und hofft, dass einer die Marke Schwermer mit ihren Baumkuchen, dem Marzipan und den Pralinés im Rahmen eines Asset Deals aus der Gesellschaft – „es handelt sich hier um eine Betriebsschließung und nicht um ein Insolvenzverfahren“, betont Plail – herauskaufen will und vielleicht sogar am Standort Bad Wörishofen weiterhin produziert wird. „Ich möchte einen strategischen Investor motivieren, auf einer deutlich kleineren und effizienteren Fläche in einem der beiden Gewerbegebiete in Bad Wörishofen zu produzieren“. Tatsächlich gehört die Marke Schwermer zu einem Edelsortiment, wie es vergleichsweise wenige Hersteller anbieten. Namentlich taucht dabei die Lübecker Firma Niederegger Marzipan auf, eine ähnliche Firmenhistorie wie auch Schwermer und Heidi-Chocolat aufweist. Punkten kann Schwermer neben der Tradition vor allem mit dem Anspruch eines regionalen Produktes, mit guter Allgäuer Milch hergestellt. „Das macht den Wert der Marke aus“, sagt Plail und ist sich auch bewusst, dass wenn es ihm nicht gelingt, in den kommenden Wochen einen Investor zu finden, das Aus besiegelt ist. „Dann müssen wir zusperren.“

Oliver Sommer

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