»Zu schnell, zu viele, zu große Brocken«

Stimmung in der Landwirtschaft ist "schlecht" – Weirather startet erneuten Hilferuf an die Regierung

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Die Landwirtschaft hat schon bessere Zeiten erlebt.

Unterallgäu – „Die Stimmung ist schwierig, schlecht, angespannt“, drückte der Amtschef des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, Hubert Bittlmayer, die miserable Lage der Land- und Forstwirtschaft beim Behördenleiterwechsel des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Mindelheim aus. Auch Landrat Hans-Joachim Weirather ist alles andere als zufrieden. Vor allem die unzureichende Besetzung des Veterinäramtes lässt ihn erneut einen verzweifelten Hilferuf an die Regierung starten.

Düngeverordnung, Tiertransporte, Borkenkäfer, Blauzungenkrankheit: „Zu viele, zu große Brocken“ dreschen auf die Land- und Forstwirtschaft ein, sagte Bittlmayer. Ein „Sammelsurium an Themen“, die die Landwirte überfordern. Bevor sie zunächst wussten, wie sie die alte Düngeverordnung umsetzen sollen, wurden sie schon von der neuen Düngeverordnung (keine Verwendung von Pestiziden in Naturschutzgebieten und Biotopen, keine Überdüngung der Felder) überrollt. „Das Bauernbashing muss aufhören“, forderte Bittlmayer, bei dem die Bauern als Wasser-, Land- und Luftverschmutzer beleidigt werden. Doch bei dem Duell „Dünger gegen Wasser“ verliert immer der Dünger.

Den Bauern reicht es. Nicht der Bauernverband sondern die Bauern selbst gehen mit ihren Traktoren auf die Straße, demonstrieren gegen die zu strengen Auflagen. Bittlmayer kritisiert vor allem auch die Tonlage, in der man mit den Bauern redet. Und mit den Bauern kann man reden. Es ist nur eine Frage, wie man ein Gespräch von beiden Seiten aus angeht, ohne, dass sich die Landwirte unterbuttern lassen, denn sie sollen selbstbewusst bleiben, meinte Bittlmayer: „Wir ernähren dieses Land, nachhaltig und preisgünstig.“ Sie garantieren die Ernährungssicherheit, der Menschen höchstes Gut. „Wir pflegen dieses Land.“ Menschen ziehen extra nach Bayern, weil es ihnen hier so gut gefällt. Das „schöne Land“ ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, in dem es aber „ohne Milch, keine Molkerei“ und „ohne Tierhaltung, keinen Schlachter“ geben würde.

Landwirte sind mutig. Schwierige Krisen haben sie schon gemeistert, wie die Milchkrise oder das Baumsterben Ende der 80er Jahre. Zu guter Letzt sind sie selbstkritisch und offen, sagte Bittlmayer. „Wir leben in einer Gesellschaft“ – das soll man nicht vergessen –, denn die Nachbarn sind nicht nur Kunden, sondern man muss mit ihnen auch zurecht kommen. 2017 schätzten die Menschen den Landwirt als eine „enorm wichtige“ Person ein, denn im Ranking der Berufe der Emnid-Studie gelangte er auf Platz zwei. Dagegen sehen ein Drittel der Bürger die moderne Landwirtschaft als kritisch an. Als Landwirt habe man die Aufgabe, so Bittlmayer, zu erklären und zu versuchen, mit den Leuten einen Dialog zu führen.

Wissen vermitteln

Bittlmayer fordert eine bessere Kommunikation. Viele würden ihre Meinung kundtun, obwohl sie keine Ahnung haben, wo­rüber sie sprechen. Wenn der Dialog in dem Stadium angekommen ist, indem man Wissen vermittelt und versteht, dann könne man sich erst eine Meinung bilden. Landrat Hans-Joachim Weirather bestätigte das: Die Bürger hätten „viel Meinung und wenig Ahnung.“ Die, die den Mund weit aufmachen, hätten besonders wenig Ahnung.

Besonders kritisieren würden die Menschen die Tierhaltung. Heutzutage würden sie sich nicht mehr entscheiden können, ob sie einen Hund oder einen Menschen aus einer misslichen Lage retten würden. Die Wertehierarchie habe sich grundlegend geändert. Langfristig brauche man klare Strategien in der Tierhaltung und im Ackerbau, appelliert Bittlmayer, sodass die Menschen verstehen, dass man nicht mal eben so wie „bei Playmobil und Lego“ einen kompletten Stall umbauen kann. Man dürfte das nicht „auf die Schulter der Landwirte absetzen“. Wenn so schnell, so viel geändert werden muss, dann sei es nicht mehr praktikabel.

Von einer „rasanten Entwicklung“ in der Landwirtschaft spricht auch Weirather. Waren es Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre noch über 10.000 landwirtschaftliche Betriebe, schrumpften sie mit den Jahren auf etwas mehr als 2.000, davon 1.500 Viehhalter – „was sehr viel ist“, so Weirather. In ganz Unterfranken, das flächenmäßig siebenmal so groß ist wie das Unterallgäu, werden weniger Rinder gehalten als hier. Von allen bayerischen Landkreisen ist das Unterallgäu der rinderreichste.

Der Landrat ist stolz auf die Unterallgäuer landwirtschaftlichen Betriebe und fühlt sich daher selbst auch betroffen: „Da fühlt man sich wie ein kleines Männle am Lawinenhang, wenn gerade die Lawine runterkommt.“ Diese Lawine kann man nicht aufhalten, man bräuchte eher eine Überlebensstrategie, meinte Weirather. Das Veterinäramt stehe auch unten am Lawinenabgang. Fünf Veterinäre können nicht 24 Stunden, 365 Tage im Jahr arbeiten. „Das ist nicht möglich.“ Weirather sei kein Träumer, aber er wisse auch, dass die desolate Personalausstattung es nicht erlaubt, mit einem Betrieb eine halbe Stunde zu reden, die Landwirte zu beraten und ihnen Hilfestellung geben zu können.

Unterstützung ist eine Farce

„Die Unterstützung, die wir erfahren, ist nicht nur völlig unzureichend, sie ist eine Farce.“ Mit diesen Worten bringt Weirather seine Enttäuschung zum Ausdruck angesichts der Tatsache, dass er seit 13 Jahren auf den dramatischen personellen Engpass im Unterallgäuer Veterinäramt aufmerksam macht. Nun geht aus einem Schreiben von Staatsminister Thorsten Glauber hervor: Mehr als eine zusätzliche Arbeitskraft wird es nicht geben – auch nicht nach dem Tierskandal. In einem Antwortschreiben an Glauber verdeutlicht Weirather nun erneut eindringlich den Ernst der Lage: „Wir sind in eklatanter Weise unterbesetzt und können mit dem vom Freistaat Bayern zur Verfügung gestellten Personal unserem gesetzlichen Auftrag nicht nachkommen.“ Über die Jahre hinweg erreichten zahlreiche Hilferufe aus dem Unterallgäu das Staatsministerium – ohne nennenswerten Erfolg.

Seit dem Tierskandal im Unterallgäu hat sich die Situation im Veterinäramt weiter verschärft. „Zusätzlich zur alltäglichen Arbeit müssen wir nun die Vorkommnisse in drei Großbetrieben aufarbeiten, was viel Arbeitskraft bindet“, sagt Veterinäramtsleiter Dr. Alexander Minich: „Außerdem sind wir dazu angehalten, die Cross Compliance Kontrollen weiter voranzutreiben.“ Welche Betriebe im Zuge dieser Regelkontrollen besucht werden, gibt das bayerische Staatsministerium vor. Zudem müssen die Veterinäre zahlreiche anlassbezogene Tierschutzkontrollen leisten, unabhängig von den in den Fokus geratenen Großbetrieben.

Die Regierung ordnete in den vergangenen Monaten immer wieder Veterinäre wochen- oder tageweise ins Unterallgäu ab. Es kommt zwar eine zusätzliche Kraft hinzu, die aber zunächst nur auf zwei Jahre befristet ist. Die kurzfristigen Geschäftsaushilfen stellen jedoch wenn überhaupt nur eine kleine Linderung der Gesamtsituation dar, schrieb Weirather an Glauber.

Das Ministerium müsse zudem festlegen, wie und in welcher Intensität die Veterinäre welche Aufgaben zu erledigen haben. Weirather machte auch den Vorschlag: Die bayerische Kontrollbehörde für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (KBLV) solle sich „unverzüglich, abschließend und alleinig“ der Unterallgäuer Großbetriebe annehmen, um das Unterallgäuer Veterinäramt zu entlasten.

 jb/wk

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