Widerstand gegen »erneuerbare Energien«

Stromversorger stellt in Türkheim Pläne für Walterwehr vor

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Entsteht hier bald ein neues Wasserkraftwerk? Bürgermeister Christian Kähler und etliche Türkheimer wollen diese Entwicklung verhindern.

Türkheim – Strom für 1.000 Haushalte, das versprechen die Bayerische Landeskraftwerke (BLKW) GmbH. Dafür soll ein neues Wasserkraftwerk am Walterwehr bei Türkheim entstehen. Aber nicht nur Naturschützer sind angesichts der Pläne, die Vertreter der BLKW bei einem Diskussionsabend in Türkheim vorstellten, entsetzt über den anstehenden Umbau. Auch die Bürger meldeten sich mit Bedenken gegen diese Form der erneuerbaren Energien zu Wort. Und Bürgermeister Christian Kähler ließ zum Abschluss keine Zweifel aufkommen, dass man alles tun werde, um dem Stromversorger Steine in den Weg zu legen.

Die Wertach ist ein vergewaltigter Fluss. Wie mittlerweile die meisten voralpinen Fließgewässer wurde auch sie in ein Korsett aus Staustufen, Wehren und Flussbegradigungen gezwängt. Seit mehr als 100 Jahren wird am so genannten Walterwehr, östlich des Türkheimer Gymnasiums, das Wasser genutzt, um Strom zu erzeugen und die Sägerei zu betreiben. Dort nun will die Bayerischen Landeskraftwerke GmbH, ein Staatsunternehmen mit 22 Wasserkraftwerken, davon drei sogenannte ökologische Wasserkraftwerke, in ganz Bayern, ein neues Kraftwerk errichten. Erstmals stellten Thomas Liepold und sein Projektleiter, der Diplomingenieur Jochen Zehender, die Pläne für das neue Wasserkraftwerk vor. Mit Blick auf die Fridays-for-Future-Bewegung meinte Liepold, es sei sinnvoll, die Wasserkraft, eine saubere und erneuerbare Energie, zu nutzen.

Um den zahlreichen anwesenden Türkheimer Bürgern das Projekt zudem schmackhaft zu machen, stellte der Geschäftsführer der Landeskraftwerke die Renaturierung des Leipoldbaches in Aussicht. Auch der Umbau der Wertach stromabwärts des Walterwehrs geht auf die Ideen des Stromversorgers mit dessen Planern zurück.

Hauptteil unter der Erde

Auf den ersten Blick sehen die Planungen des Stromversorgers durchaus positiv aus. Wo jetzt noch ein kleines Wäldchen neben dem Wehr steht, soll das Wasserkraftwerk entstehen, anstelle der Bäume wird ein kleines Betriebsgebäude stehen. Der Hauptteil des Wasserkraftwerks wird unterirdisch entstehen, in der Hauptsache eine spezielle fischverträgliche Turbine mit einer Fallhöhe von sieben Metern, die bei maximal 16 Kubikmeter Wasserdurchfluss bis zu 900 Kilowatt Leistung erbringt und somit rund drei Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr produzieren soll. Man plane, spielten sich Liepold und Zehender den Ball gegenseitig zu, eine möglichst fischschonende Wasserkraftnutzung. Fische sollen durch einen Feinrechen im Zulauf von der Turbine ferngehalten und zu einem Wanderkorridor ins Unterwasser geleitet werden. Durch die Verwendung einer modifizierten Turbine werde auch die Schädigung sehr kleiner Fische, die den Feinrechen durchschwimmen, möglichst gering gehalten, gab sich Liepold überzeugt. Auf den Einwand eines anwesenden Fischers, dass Fische im Unterstrom in den Turbinenschacht schwimmen würden, weil es dort im Winter wärmer sei, stellte Zehender eine Spülanlage in Aussicht, die dafür sorge, dass die Fische vor dem Anlaufen der stillstehenden Turbine zuerst hinausgespült würden.

Das Interesse am jüngsten Diskussionsabend war groß. Die Gäste machten durchaus deutlich, was sie von den Plänen der BLKW am Walterwehr halten.

Weiterhin erklärte Liepold, dass die bestehende stufenförmige Wehranlage bestehen bleiben soll. Allerdings stellte der Geschäftsführer auch klar, dass die Anlage an gut 60 Tagen im Jahr mit Volllast laufen, an 180 Tagen mit Teillast und schließlich 120 Tage lang gar nicht laufen werde, da zu wenig Wasser für das Kraftwerk zur Verfügung stehen wird. Somit wird das Wehr an mehr als 100 Tagen trockenfallen. Weiterhin versuchte Liepold, die Bürger mit den in Aussicht gestellten Verbesserungen für das Projekt einzunehmen. „Am vorhandenen Wehr gibt es keine Aufstiegsmöglichkeit für Fische“, so der Geschäftsführer. Die zu überwindende Höhe und die topografischen Verhältnisse im Umfeld würden gegen einen Aufstieg in Form eines naturnahen Umgehungsgerinnes sprechen. Deshalb sei eine platzsparende, innovative Fischaufstiegsanlage, ein Fischlift, vorgesehen. Am Wehr werde man eine Rinne einbauen, auf der die Fische auch stromabwärts wandern könnten. Vor allem aber sollen „ökologische Umgestaltungen“ den Standort aufwerten. So habe man das Areal vom Wasserwirtschafts­amt erworben, auf dem der Leipoldbach fließt. Dieser soll aus dem Betongerinne befreit werden und wieder naturnah in Richtung Westen abfließen.

Kiesbank zerschneiden

Dazu präsentierte Liepold Planskizzen des beauftragten Ingenieurbüros, das sich auch Gedanken zum Abfluss des Kraftwerkes gemacht hatte. Hier stießen Liepold wie auch Zehender auf den größten Widerstand bei den zahlreichen Anwesenden. Denn die Bayerische Landeskraftwerke planen, die dort bei einem der letzten Hochwasser geformte Kiesbank zu zerschneiden und einen künstlichen Prallhang einzubauen, an dem sich die Wertach neu ausrichten soll. Nach Meinung der anwesenden Wertachfreunde, der Fischer, aber auch der vielen „normalen“, wie sie sich vorstellten, und besorgten Bürger eine Katastrophe.

Kinderstube

Nicht nur, dass diese Flachstelle von den Türkheimer Bürgern gerne als Naherholungsgebiet genutzt wird und man hier problemlos an den Fluss gelangen kann – aus biologischer Sicht sind die Flachwasserbereiche die Kinderstube der Fische, hier laichen diese ab. Auch das unterhalb des Wehrs gelegene Tosbecken der Wertach, wo sich viele Fische zurückziehen können, werde von der Frischwasserzufuhr abgeschnitten. Geht man nach den vorgestellten Plänen, könnte es sogar sein, dass das Tosbecken mit Steinen abgeschnitten oder auch aufgefüllt wird, wie schon weiter stromaufwärts, wo dem Fluss dadurch ein irreparabler Schaden zugefügt wurde. Während Liepold forderte, man solle den Mut haben, hier etwas Neues zu machen und dass der Fluss sich sein Bett selbst zurückerobern sollte, kritisierten die Anwesenden, dass der Fluss gar nicht genug Platz habe, um sich bis zum nächsten Riegel aus Steinen groß ausbreiten und somit gar nicht sein Bett zurückerobern könne.

Auch die von den Vertretern des Stromversorgers angesprochene Verbesserung des Landschaftsbildes und der Ökologie, etwa des Leipoldbachs, setzten die Wertachfreunde wie Fischer in einen anderen Kontext: so muss das Wasserwirtschaftsamt ohnehin für die Durchgängigkeit des Gewässers sorgen und auch die Renaturierung des Leipoldbachs durchführen, wo die Staatsunternehmen dem staatlichen Amt nur zu gerne unter die Arme greifen möchte.

Waren es vor allem die Fischer und Tierschützer, die Nachteile des Umbaus, nicht nur das Trockenfallen des Wehrs, sondern auch das Häckseln der Fische durch die Turbine im Unterstrom kritisierten, sorgen sich die Türk­heimer um den Naherholungswert an der Wertach. Aus ihrer Sicht handelt es sich bei den maximal möglichen drei Millionen Kilowattstunden Strom um einen marginalen Beitrag für die Stromversorgung Bayerns. Auch mit Blick auf das Klimaschutzkonzept, das sich Türkheim gegeben hat, hinterfragten die Bürger, ob man den Strom überhaupt benötige. Und ob es nicht besser wäre, den Verbrauch zu senken. Gedanken, die die Kaufleute der Landeskraftwerke naturgemäß nicht verfolgen, schauen diese doch zuallererst auf den Gewinn des Staatsunternehmens. Die Tatsache, dass die Bayerische Landeskraftwerke dem Freistaat gehören, macht die Situation für die Gegner des Wasserkraftprojektes nicht eben einfacher. Wie Bürgermeister Christian Kähler bemerkte, bräuchten diese die Marktgemeinde gar nicht. Dabei planen die Bayerische Landeskraftwerke auch den Erwerb der Sägemühle und deren Kontingent. Seit gut 100 Jahren besitzt die Sägerei eine Wasserrechtsbescheid, der dem Besitzer die Erzeugung von 0,9 Kilowattstunden erlaubt.

Ihrer Linie treu

Über drei Stunden diskutierten die beiden Befürworter und ihre Gegner die Ertüchtigung des Wasserkraftwerkes sachlich nüchtern, blieben im Grundsatz aber ihrer jeweiligen Linie treu. Zwar versuchten Liepold und Zehender, Beispiele, die die Nachteile der Wasserkraft zeigen, mit teils sarkastischen Gegenargumenten (zerfetzte Leiber auf der Straße gegen gehäckselte Fische) oder mit immer neuen Nachbesserungen und Gutachten zu entkräften. Demgegenüber argumentierten die Gegner mit ihrem Bauchgefühl, hinterfragten, was „der Schmarrn“ soll, die einzig intakte Stelle des Flusses auch noch zu zerstören und appellierten an die Einsicht der Stromhändler. So meinte eine Gemeinderätin, man werde Einfluss nehmen und der Bürger werde sein Mitspracherecht einfordern. Bürgermeister Christian Kähler versprach schließlich: „Wir werden weiterhin miteinander kämpfen. Und ich versichere Ihnen, wir werden Ihnen noch viele Steine in den Weg legen“. 

Oliver Sommer

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