Mehrmals für den Fortbestand gekämpft

Türkheimer SPD-Ortsverband feiert 100-Jähriges

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Erhielten für ihre langjährige Mitgliedschaft eine Auszeichnung: vorne v. links: Christine Frommelt (20 Jahre), Anni Pospischil (25 Jahre) und ­Michael Helfert (30 Jahre). Dahinter: Irmgard Schäffler ( 35 Jahre) und Dr. Peter Schneider (45 Jahre). Den Jubilaren gratulierten die Unterbezirksvorsitzende Petra Beer in der zweiten Reihe 2. von rechts neben der Ortsvorsitzende Jaqueline Borkowski (Mitte) und die Bundestagsabgeordnete Ulrike Bahr (rechts).

Türkheim – Wenn die Aufzeichnungen, die Walter Fritsch (SPD), Zweiter Bürgermeister der Marktgemeinde Türkheim, für seinen Rückblick genutzt hat, richtig sind, dann konnten die Genossinnen und Genossen auf den Tag genau 100 Jahre nach Gründung das Jubiläum des SPD-Ortsvereins feiern. Am 18. Dezember 1918 versammelten sich 67 Türkheimer Bürger, „nur Männer aber aus allen Schichten“, wie es heißt, und gründeten den Ortsverein. Nun wurde im Restaurant Olympia an dieses Datum gedacht.

Es war das Jahr 1918, in dem Kurt Eisner den Freistaat Bayern ausrief, die Frauen sich das Wahlrecht erkämpften und der Erste Weltkrieg zu Ende ging. „In der Absicht, nun die Demokratie mitzugestalten“, so Walter Fritsch, „gründeten die Männer Türkheims den SPD-Ortsverband, auch um sich bei kommenden Wahlen zahlreich beteiligen zu können.“ Ihr erster Vorsitzender wurde der Landwirt Georg Roiser.

100 Jahre später leitet eine Frau die Geschicke des Ortsverbandes. Seit einem guten Monat steht Jacqueline Borkowski an der Spitze der SPD in Türk­heim, seit 15 Jahren gehört sie der Partei an. Gemeinsam mit dem früheren Vorsitzenden Mich­ael Helfert und der zweiten Stellvertreterin Agnes Sell hatte die Selbstständige Mitglieder benachbarter Ortsvereine, langjährige Mitglieder aus der Marktgemeinde und die Bundestagspolitikerin Ulrike Bahr eingeladen.

War die Zusammenkunft eher gemütlicher Natur, so mussten die Genossen im Laufe ihrer Geschichte hart um ihre Partei und deren Fortbestand kämpfen. „Die politischen Wirren gegen Ende der Weimarer Republik verlagerten die politischen Schwerpunkte“, merkte Fritsch in seiner Rückschau an. „Hauptaufgabe war der Kampf um die Republik und gegen den Nationalsozialismus“. Kurz bevor die Partei 1933 verboten wurde, mussten auch schon die sozialistischen Gemeinderäte ihr Amt aufgeben, „nicht gewählte Mitglieder der NSDAP rückten nach“, so Fritsch. Erst vor 70 Jahren dann „normalisierte sich das Parteileben in Türkheim wieder“, erinnerte Fritsch. Dann standen auch die Anliegen der Bürger Türkheims im Mittelpunkt der Parteiarbeit. An der Entwicklung der Heimatgemeinde, so Fritsch weiter, hätten die SPD-Gemeinderäte verantwortungsbewusst mitgearbeitet. Wobei der Zweite Bürgermeister Türkheims an Namen der Vergangenheit erinnerte, wie Benedikt und Peter Wech, die als Vorsitzende die Geschicke der Partei gelenkt hatten. Neben Rudolf Müller, Helmut Stoll und Hans Bleyer gehören auch Irmgard Schäffler und Michael Helfert bis zum November diesen Jahres dazu. Anton Schäffler habe die Prozesse des Marktes als Bürgermeister zehn Jahre lang gelenkt.

Peter Wech gilt in Fritschs Worten als „unvergessenes, soziales Urgestein“ und erhielt, wohl nicht nur deshalb, die Georg von Vollmar-Medaille; benannt nach dem ersten Vorsitzenden der bayerischen SPD, ist die Medaille die höchste Auszeichnung der bayerischen Genossen. Neben Wech hat auch Hans Bleyer maßgeblich die Geschicke der Genossen in Türkheim und der Marktgemeinde beeinflusst. 36 Jahre lang war der heutige Ehrenvorsitzende Marktgemeinderat, 28 Jahre davon Fraktionsvorsitzender und ein Drittel seiner Zeit zweiter Bürgermeisterstellvertreter. Als einen Höhepunkt für die Türkheimer Genossen sah Fritsch in seiner Retrospektive den Besuch von Regine Hildebrand an. Die „viel zu früh verstorbene und damalige Sozialministerin des Landes Brandenburg“, so Fritsch, habe den Saal im Restaurant Olympia in Türkheim, wo jetzt auch gefeiert wurde, in einen Hexenkessel verwandelt.

Auch mehrere Landesvorsitzende der Bayerischen SPD hätten Station in Türkheim gemacht, schloss der Vizebürgermeister seine Rückschau ab, ehe er noch kurz den heutigen Einfluss der Sozialdemokraten in Türkheim skizzierte: Seit vier Jahren sei die SPD mit fünf Gemeinde- und zwei Kreisräten aktiv. Als letzte wichtige Wahl nannte Fritsch die Bürgermeisterwahl 2016. Damals wurde der von der CSU und SPD favorisierte Christian Kähler mit einer deutlichen Zustimmung gewählt.

Nicht unerwähnt lassen wollte Fritsch eine für den Ortsverband wichtige Person: Irmgard Schäffler, die nicht nur 17 Jahre lang Ortsvorsitzende war, sondern auch Vizebürgermeisterin und Gemeinderätin. Sie sei das Herz der Türkheimer SPD und keiner kenne den Ortsverein besser als sie. „Sie führt das Erbe ihres Vaters weiter und hält den Ortsverein auch in der zur Zeit schwierigen Phase am Leben“ – eine Aussage mit Blick auf die angespannte Situation der Sozialdemokratie – nicht nur im Bund, wo immer weniger Bürger, vor allem die Jugend, der Partei ihre Stimme geben, nicht mehr eintreten und sich engagieren.

Die Vorsitzende der schwäbischen SPD und Bundestagsabgeordnete Ulrike Bahr ging kurz auf die Erfolge der Partei in ebenso recht kurzen Koalition mit der Union im Bund ein. Man könne derzeit keine Neuwahlen gebrauchen, verteidigte Bahr die Standhaftigkeit ihrer Partei im Bund und das Verteidigen der GroKo. Als Erfolg verbuchte Bahr, dass das „Gute-Kita-Gesetz“ auf Initiative der SPD-Familienministerin nun verabschiedet werde. Bis 2020 will der Bund gut 5,5 Milliarden Euro im Bereich Tagesbetreuung investieren, erklärte Bahr den Zuhörern; hier gebe es Nachholbedarf, nachdem die Vorgängerkoalition (aus SPD und Union) untätig geblieben war. Vor allem solle es künftig gleiche Standards in allen Bundesländern geben. Auch eine Fachkräfteoffensive sei geplant, hier will die Bundesregierung gut 300 Millionen Euro investieren: „Wir schauen nach vorne“. Auch Gesetze, mit denen die SPD ihre Agenda 2010 mildern möchte, wie das Teilhabegesetz, erwähnte Bahr. Damit drücke man der aktuellen Regierung eine soziale Handschrift auf.

Nochmals in die Vergangenheit schaute dann Bürgermeister Christian Kähler, der sich die Mühe gemacht hatte, Dokumente aus der Gründungszeit der Partei herauzusuchen. Als frisch abgewählter Ortsvorsitzender hatte sich auch Michael Helfert Gedanken gemacht. Er sieht den Ortsverein dank des klaren Profils und einer sachorientierten Politik gut aufgestellt. Dabei erinnerte er daran, dass sich die Türk­heimer SPD seit einem Jahrhundert als politische Kraft mit Gestaltungsanspruch verstehe.

Abschließend galt der Dank den langjährigen Mitgliedern, die wie Helfert seit 30, 40 oder sogar 50 Jahren der Ortsgruppe angehören. Für sie gab es eine Rose und eine Urkunde. Für ihre Treue zur Partei wurden Christine Frommelt (20 Jahre), Anni Pos­pischil (25 Jahre), Michael Helfert (30 Jahre), Irmgard Schäffler (35 Jahre) und Dr. Peter Schneider (45 Jahre) geehrt, Ernst Petzold, der fehlte, gehört seit mehr als 50 Jahren dazu und nach ihrem Engagement in Ettringen ist auch die „Rote Ilse“ Tschiedert mittlerweile in der Türkheimer SPD beheimatet.

Doch neben all den Ehrungen war man sich der Tatsache bewusst, dass der SPD, nicht nur in Türkheim, der Nachwuchs und damit frisches Blut fehle. So freuten sich die Genossen umso mehr über drei neue Parteieintritte. 

Oliver Sommer

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