Diskussion in Kirchheim

Umbau des Kirchheimer Gasthofs Adler: Othniel Leiter bringt Kritik am Projekt vor

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Othniel Leitner (Mitte mit Mikrofon) und Bürgermeister Hermann Lochbronner (hinten rechts)

Kirchheim – Der Gasthof Adler im Herzen Kirchheims soll zu einem Bürger- und Kulturzentrum umgebaut werden. Hatten Marktgemeinderat und Verwaltung lange nicht öffentlich geplant und agiert, lud das Rathaus nun zu einer Informationsveranstaltung in den Adlersaal ein, nachdem ein Kirchheimer eine Unterschriftenaktion gegen das Vorhaben initiiert hatte. Im Rahmen der Veranstaltung äußerte sich auch der ehemalige Wirtschaftsminister Franz Josef Pschierer zu den finanziellen Gegebenheiten und der Förderung. Überzeugen konnte allerdings auch die Vorstellung der Pläne nicht alle Anwesenden.

Wie schon mehrfach berichtet, soll der Gasthof Adler umgebaut und wiederbelebt werden. Rund um den zentralen und unter Denkmalschutz stehenden Adlersaal soll die Infrastruktur für die Vereine geschaffen werden, die Gastronomie für Vereine wie Veranstaltungen ausgebaut werden und mit einem Nebengebäude die „Platzprobleme“, aber auch das Thema Brandschutz gelöst werden. Detailliert ging die Wiggensbacher Architektin Anja Spillner auf ihre Pläne ein, die neben dem Neubau auch den Keil, der altes und neues Gebäude verbindet, vorsehen.

Man habe viele Fragen bereits klären können, sagte Spillner, unter anderem auch zur Statik oder der möglicherweise nötigen Sanierung des Bestandsgebäudes. Es dürfte wohl das erste Mal gewesen sein, dass die Kirchheimer derart umfassend über das Projekt informiert wurden, das wurde auch in den abschließenden Worten des Bürgermeisters deutlich. Zuvor hatten Bürger und Vereine die Möglichkeit, im Diskussionsrund ihre Befürchtungen, Kritiken, aber auch Lob für die Pläne und ihre Zustimmung kundzutun. Etwa die befürchtete Kostenmehrung, die seitens der Kritiker immer wieder thematisiert wird. Schon früh war bekannt geworden, dass der Freistaat das Projekt mit 600.000 Euro fördern werde. Zu wenig, wie Bürgermeister Hermann Lochbronner meinte, weshalb man sich an Franz Josef Pschierer gewandt habe. Der frühere Wirtschaftsminister eröffnete den Kirchheimern weitere Möglichkeiten, nach einem Gespräch mit Bauminister Hans Reichhart erhöhte sich die Summe um 1,9 auf insgesamt 2,5 Millionen Euro. Wobei Pschierer klar stellte, dass, sollten die Kosten für den Adlerumbau weiter steigen, man nachverhandeln werde mit Reichhart. Bis zu 80 Prozent der förderfähigen Kosten könnte die Kommune wiederbekommen, weshalb sogar eine Kostensteigerung um eine oder zwei Millionen Euro für die Kommune leistbar wäre; dann würden die Kosten für den Markt von derzeit einer auf 1,3 oder 1,7 Millionen Euro steigen, resümierte Gisela Goblirsch, die als Moderatorin die Diskussion leitete.

Fördergelder für den Adler-Umbau hatte Bauminister Hans Reichhart (3. v. links) bereits im Gespräch mit Staatsminister a.D. Franz Josef Pschierer (2. v. links) und Kirchheims Bürgermeister Hermann Lochbronner (2. v. rechts) zugesagt. Nun steht das Projekt aber auf der Kippe.

Doch noch besteht die Planerin auf den prognostizierten Kosten von gut 3,5 Millionen Euro für den Umbau und die Erweiterung des Adlers. Demgegenüber stehen Kosten von etwa 3,9 Millionen Euro im Raum, sollte man ein vergleichbares Veranstaltungszentrum mit Trainings- und Übungsmöglichkeiten für Sportler, Schützen und Musiker auf die grüne Wiese bauen, merkte Anja Spillner an. Wofür es allerdings so gut wie keine Förderung durch den Schwäbischen Musikbund, den Sportbund oder die katholische Kirche, die das Bürgerzentrum ebenfalls gerne nutzen würde, geben werde, wie Bürgermeister und Stadträte unterstrichen.

Nicht restlos überzeugend

Aussagen, die Othniel Leitner nicht restlos überzeugen konnten. Leitner, der als Koch in Kirchheim arbeitet, hatte den Eindruck dass eine Mehrheit der Kirchheimer, ebenso wie er, mit den Planungen für den Umbau nicht zufrieden seien, sich aber nicht unbedingt trauten, ihrer Kritik oder dem Unmut Luft zu machen. Das beweist etwa die Homepage des TSV Kirchheim, wo sich ein Schreiben wiederfindet, das in dem Vorhaben eine Chance sieht, „einen Mittelpunkt für alle Vereine und Bürger in Kirchheim zu schaffen“. Während die Gestaltung der Trainingsmöglichkeiten (unter anderem für die Garden) im Adler eine deutliche Verbesserung gegenüber der aktuellen Trainingsbedingungen darstelle, sei „die Nutzung des Saals nach wie vor ungeklärt“. Man habe in einem Schreiben vom April 2019 der Gemeinde die Bedenken des Vereins schriftlich mitgeteilt. „Bis heute stehen die entsprechenden Antworten aus“, heißt es weiter auf der Seite.

Auch auf weitere Fragen blieb die Kommune bislang Antworten schuldig, wie Leitner herausgefunden hat. So moniert der TSV, dass dem Verein durch Veranstaltungen, die künftig nicht mehr in Eigenregie abgehalten werden können, weil dafür der künftige Adlerwirt zuständig sein wird, ein Gewinn von bis zu 10.000 Euro (nach Abzug aller Kosten) pro Faschingssaison entgehe, „falls der Pächter die Bewirtung übernimmt“. Wie soll das Defizit ausgeglichen werden, fragen die Sportler nach. Werde die Gemeinde diese entgangenen Einnahmen ersetzen, so Leitner, wodurch die Vereine noch mehr in Abhängigkeit der Kommune gerate? Mit den Geldern finanziere der TSV diverse sportliche Aktivitäten und Beschaffungen, weiß Leitner. Derzeit verweise man seitens des Marktes darauf, dass das Sache der Vereine sei, dies mit einem Pächter zu klären. Das aber, findet Leitner, gehöre vertraglich vorab geklärt und festgehalten, nachdem man ja nicht wisse, wie lange ein Pächter bleibe. Unklar ist für den TSV und wohl auch für andere Vereine, welchen finanziellen Anteil sie zu tragen hätten. So entstünden für den Sportverein unkalkulierbare Kosten, schließt der Brief. Und was passiere eigentlich, wenn der Pächter wieder abspringe oder sich keiner finden lasse?

Doch Othniel Leitner sieht noch weitere ungeklärte Punkte. So kreiere man mit dem Trainingszentrum nur Verkehr, 15 Vereinsmitglieder führen zum Adler für Proben, würden dort parken und nach zwei Stunden wieder abfahren. Und dies vor allem nachmittags ab 15 Uhr bis in den Abend gegen 22 Uhr hinein, ohne dass dadurch ein Nutzen für die Ortsmitte entstehe. Auch bei den Plänen bestünden nachweisbar Defizite, so Leitner. Noch in der Bürgerversammlung etwa stand der frühere Kommandant der Kirchheimer Feuerwehr auf und erklärte der verdutzten Planerin, dass man mit „Anleitern“ keine Menschen aus dem Obergeschoss retten könne. Der Brandschutz schreibt vor, in welcher Zeit die Menschen das Gebäude verlassen müssen. Dies sei nur über ein zweites ordentliches Treppenhaus möglich, das noch dazu nicht den gleichen Fluchtweg hat wie das erste. Zwar entsteht im Zwickel zwischen Alt- und Neubau ein zweites Stiegenhaus mit entsprechendem Fluchtwegcharakter, spätestens im Erdgeschoss aber müssen die Flüchtenden wieder gemeinsame Wege gehen. Und auch die von der Planerin angesprochene Variante der Speisenbeschickung des Obergeschosses hält Leitner nicht für gangbar. „Das geht aus hygienischen Gründen nicht“, kritisiert er die Idee, über den Aufzug nicht nur Menschen, sondern auch Speisen aus der Küche nach oben zu transportieren.

Schon 282 Unterschriften

Schließlich sieht Leitner noch Klärungsbedarf beim Erbpachtvertrag. Zwar hatte Lochbronner betont, dass man das Gebäude samt Grundstück für 99 Jahre im Erbpachtverfahren bekomme und im Gegenzug für die Sanierung des Bestandes keine Pacht bezahlen müsse. Was passiert aber, will Leitner wissen, wenn der Grundstücksbesitzer, der Graf, Insolvenz anmelde. „Fällt das Gebäude dann in die Insolvenzmasse?“ Das gehöre in den Vertrag mit hinein, ebenso wie verbindliche Zahlen, wann die Gemeinde die Reißleine bei einer Baukostenüberschreitung ziehen wolle. Dass sie es tun will, kam in der Diskussion zum Ausdruck. Derzeit, bestätigte Hermann Lochbronner dem Wochen KURIER, gehe man von 3,5 Millionen Euro aus. „Das sind Kostenschätzungen“, so Lochbronner und man ermittle derzeit die Details. Deswegen etwa hatten sich Statiker den Dachstuhl angesehen und den Untergrund. Bis zum Frühjahr sollten nach den Untersuchungen genauere Informationen vorliegen, anhand derer man dann Planungssicherheit hätte erlangen können. Aufgrund des angestrebten Bürgerbegehrens habe man aber alle weiteren Maßnahmen auf Eis gelegt, auch die Unterzeichnung des Erb­pachtvertrages.

Das hatte die Rechtsaufsicht in Mindelheim, die auch die Unterschriftenlisten und die Formulierung des Bürgerbegehrens geprüft hatte, vorgeschlagen. So ist klar, dass das von Leitner initiierte Begehren rechtens ist und die Bürger nun mitreden dürfen. Leitner hatte dem Bürgermeister bereits mehr als die nötigen rund 220 Unterschriften Bürgerbegehren übergeben.

Lochbronner hat das Thema Bürgerbegehren auf die Tagesordnung der Marktgemeinderatssitzung am heutigen Dienstag, 3. Dezember, gesetzt. Und er habe alles vorbereitet, um dem Bürgerbegehren ein Ratsbegehren entgegenzusetzen, so Lochbronner. Sollten sich die Räte auf dieses Vorgehen heute einigen, würden die Bürger am 16. Februar zu den Urnen gerufen. Sollte das Vorhaben Adler gestoppt werden, wünscht sich Leitner einen Dialog mit den Bürgern für ein neues Veranstaltungszentrum. 

Oliver Sommer

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