Schüler sind besser am Steuer als an den Übungsbögen

Unterallgäu: Durchfallquote bei Fahrprüfung liegt unter deutschlandweitem Durchschnitt

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Viele Schüler sind bei der Fahrprüfung nervös und machen deshalb Fehler.

Unterallgäu – Deutschlandweit nimmt die Durchfallquote bei Fahrprüfungen zu. 39 Prozent der Schüler bestehen schon die Theorieprüfung nicht, 32 Prozent rasseln beim praktischen Fahren durch. Dass dies der höchste Wert der letzten zehn Jahre ist, geht aus einer Statistik von 2017 des Kraftfahrt-Bundesamtes hervor. Die Unterallgäuer Schüler schneiden aber deutlich besser ab, sagt Fahrschullehrerin Petra Lutz aus Mindelheim.

Bei der Fahrschule Lutz, die an den Standorten Mindelheim, Tussenhausen und Stöttwang vertreten ist, seien die Fahrschüler besser als der deutschlandweite Durchschnitt, meint Lutz. Natürlich gebe es auch immer wieder „schwierige Leute, die den Schnitt herunterziehen“, so Lutz. In ihrer Fahrschule fallen zehn bis 15 Prozent der Schüler in der Praxis durch. Bei einem „guten Jahr“ seien es sogar auch mal unter zehn Prozent.

Dabei hänge der Inhalt der Fahrprüfung stark von dem Ort ab, wo sie stattfindet. „In Kaufbeuren wird mehr in der Stadt gefahren. In Mindelheim ist es dagegen ausgewogener und die Strecke auf Land, Autobahn und Innenstadt verteilt“, erklärt die Fahrlehrerin. Doch je größer die Stadt sei, desto mehr werde auch in der Stadt gefahren, denn „bis du aus der Stadt rauskommst, ist meistens die Fahrzeit vorbei.“ In München habe man zum Beispiel sehr lange Standzeiten an den Ampeln. Auch müsse man in Großstädten auf andere Dinge achten, wie beispielsweise auf die Straßenbahnen und die Schienenführung. Die Großstädter hätten hingegen mehr Pro­bleme mit den vielen Kurven auf dem Land. Auch wenn Mindelheim in einer ländlicheren Gegend liegt, habe auch hier der Verkehr zugenommen.

Kaltstart verhindert

Das Nichtbestehen der Fahrprüfung sei aber auch der Aufregung der Schüler geschuldet. „Da machen sie Fehler, die bei einer normalen Unterrichtsstunde nicht passieren würden“, sagt Lutz. Deshalb mache sie am Prüfungstag mit den Schülern ein „Warm-Up“, wie Lutz es nennt. Dabei geht sie mit dem Schüler nochmal alles durch und „fährt das System hoch, damit man keinen Kaltstart bei der Fahrprüfung hat.“ Das helfe den meisten.

Wie die Schüler mit so einer Stresssituation umgehen, sei sehr unterschiedlich. „Ein zierliches Mädchen kämpft sich durch die Prüfung, während ein kräftiger Junge heulend zum TÜV kommt“, erzählt Lutz beispielhaft. Dabei sei Verkrampfen gar nicht nötig: Die meisten Fahrprüfer seien nämlich menschlich und locker.

Ein typischer Fehler bei der Fahrprüfung: Man will am rechten Fahrbahnrand halten und setzt dafür den Blinker. Beim Wiederlosfahren würden aber viele Schüler das Blinken nach links und den Schulterblick vergessen. Passiere das öfters, könne man durch die Prüfung rasseln, erzählt Lutz, deren Schüler unter anderem aus Stetten, Mindelheim, Kammlach, Auerbach, Westernach, Nassenbeuren und Mattsies kommen. Sie bringt im Schnitt 120 Schüler im Jahr durch die Fahrprüfung.

Ein weiteres Problem sieht sie bei den nicht deutschsprachigen Schülern, deren Anteil zugenommen habe. „20 bis 30 Prozent meiner Schüler verstehen nicht so gut deutsch“, sagt Lutz. Aber auch da gibt es Abhilfe: „Die Theorieprüfung dürfen sie auch in Englisch oder in einer gängigen Muttersprache machen“, sagt Lutz. Darin seien sie auch ganz gut. Doch in der Fahrprüfung müssen sie schon etwas deutsch verstehen. „Im schlimmsten Fall kommt ein Dolmetscher, den sie selber organisieren, zu den Fahrstunden mit“, so Lutz. Bei der Prüfung dürfe dieser aber nicht mit im Auto sitzen.

Bei der Theorieprüfung sei die Durchfallquote mit 25 bis 30 Prozent auch „besser als der Trend“, aber sie weiß auch, dass es in den letzten zwei bis drei Jahren schlechter geworden ist. „Bei den Schülern, die sich auf die Prüfung vorbereiten, klappt es auch. Doch es gibt auch welche, die blauäugig rein gehen und auf gut Glück die Prüfung machen“, erzählt Lutz. Natürlich gebe es auch Fragen, die man mit logischem Denken beantworten könne, aber es werden auch Lernfragen überprüft.

Seit 2014 enthalten Theorieprüfungen auch 15 Sekunden lange Videos über bestimmte Verkehrssituationen. Diese könne man fünf Mal hintereinander abrufen. Die Fragen dazu wisse man erst nach dem Video. „Bei den Videos geht es um aufmerksames Beobachten. Das stellt für die Schüler aber kein Problem dar“, sagt Lutz.

Schnell abgelenkt

Ihre Fahrschüler sind zwischen 17 und 18 Jahren alt. Die meisten wollen den Führerschein ohne Aufwand durchziehen und diesen „nebenher laufen lassen, ohne die Theorie dafür zu lernen“, erklärt Lutz. Die Art zu lernen, habe sich dabei über die Jahre auch sehr gewandelt. Während man früher noch mit Papierbögen gepaukt habe, benutzen die Schüler heute dafür eine App. Lutz sieht dadurch auch Nachteile: „Dadurch werden die Schüler mehr abgelenkt.“ Komme eine Whatsapp-Nachricht rein, würden sie diese direkt anklicken und den Lernstoff vernachlässigen. Das Gute an der App sei aber, dass sie falsch beantwortete Fragen erkennt und diese wiederholt. „Man muss auch nicht mehr die Kreuze wegradieren wie früher. Es ist weniger aufwendig“, so Lutz. Sie hat die Kontrolle über die App und sieht, wer noch Nachholbedarf hat. Schüler können die Fragen anklicken, bei denen sie sich noch unsicher sind, und diese Lutz schicken. Dann geht sie die Fragen mit den Schülern gemeinsam durch. Mit der App gehe eine enorme Zeitersparnis einher. Da man das Handy immer dabei hat, können Schüler im Bus auf dem Weg zur Schule oder in der Freistunde für die Theorieprüfung lernen. „Wer die App benutzt und die Fragen zu 100 Prozent richtig beantwortet hat, der besteht auch zu 95 Prozent die Theorieprüfung“, so Lutz. Dabei seien die Mädchen ein bisschen fleißiger als die Jungen.

Heutzutage seien die Fahrschultermine enger strukturiert, meint Lutz, denn die Schüler hätten durch Schule, Nachhilfe, Musikunterricht, Hobbys und Freizeitstress immer weniger Zeit für die Fahrschule. „Die Schule geht aber immer vor“, sagt die Fahrlehrerin, die seit 2012 ihre eigene Fahrschule hat. Vor allem in den Klausurphasen sei es für die Schüler ganz schwierig, beides unter einen Hut zu bekommen.

Im Normalfall bräuchte man bei 14 Unterrichtseinheiten, die zweimal die Woche stattfinden, sieben Wochen bis zur Theorieprüfung. Das reiche aber bei den Meisten nicht aus. „Ein dreiviertel Jahr brauchen viele“, weiß Lutz. „Je mehr sich der Führerschein in die Länge zieht, desto weniger sind die Schüler motiviert, ihn fertig zu machen. Am Anfang ist noch mehr Motivation da.“ 

Julia Böcken

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