Überraschend "die Reißleine gezogen"

Urteil am Memminger Landgericht: Mutter und Sohn gestehen Brandstiftung

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Vor dem Landgericht in Memmingen wurde seit November wegen vermeintlicher Brandstiftung verhandelt. Diese hat sich mit dem Geständnis der beiden Angeklagten nun bestätigt.

Unterallgäu – Seit November mussten sich am Landgericht Memmingen eine Rentnerin und ihr Sohn aus dem Landkreis wegen besonders schwerer Brandstiftung, Körperverletzung und versuchten Betrugs verantworten. Nachdem sich beide während des Prozesses kein einziges Mal zu diesen Vorwürfen geäußert hatten, legten sie über ihre Anwälte nun ein Geständnis ab.

Die Staatsanwaltschaft hatte der heute 80-Jährigen vorgeworfen, im Februar 2019 den Stall auf dem Hof ihres Sohnes in Brand gesteckt zu haben. Zu diesem Zeitpunkt hatten Pächter darin Pferde und Kühe untergebracht. Das Gebäude brannte komplett nieder – ein Pferd starb, weitere Tiere wurden verletzt. Auch die Pächterin zog sich beim Versuch, ihre Tiere zu retten, Verletzungen zu. Der Sachschaden belief sich auf rund 500.000 Euro.

Hochverschuldet

Der 48-jährige Sohn der Rentnerin war in der Tatnacht in Ungarn – laut Staatsanwaltschaft, um sich ein Alibi zu verschaffen. Denn nur fünf Tage vor dem verheerenden Brand hatte er eine Sturm- und Brandversicherung abgeschlossen. Die Ermittler gingen davon aus, dass er seine Mutter dazu angestiftet hatte, das Feuer zu legen, um anschließend die Versicherungssumme zu kassieren. Der Angeklagte befand sich laut Oberstaatsanwalt Markus Schroth in einer „desaströsen finanziellen Situation“ und hatte vor dem Brand etwa 600.000 Euro Schulden angesammelt.

Die beiden Angeklagten hatten sich zu den Vorwürfen während der gesamten Verhandlung nicht geäußert. Ihre Verteidiger, Anja Mack und Ulrich Swoboda, hatten in dieser Zeit kaum etwas unversucht gelassen und hatten auch am letzten Prozesstag eigentlich noch weitere Anträge vorbereitet. Dann kam es aber doch anders: Die beiden Anwälte regten nach Rücksprache mit ihren Mandanten ein Rechtsgespräch an, um eine mögliche Verständigung der Prozessbeteiligten zu erörtern. Nach viel Zeit hinter verschlossenen Türen kam man zu einem Ergebnis: Die beiden Angeklagten räumten den Tatvorwurf ein und erklärten sich mit einem finanziellen Täter-Opfer-Ausgleich in Höhe von 68.400 Euro einverstanden. Das wirkte sich im Gegenzug strafmildernd aus. Der Strafrahmen bei besonders schwerer Brandstiftung liegt für gewöhnlich zwischen fünf und 15 Jahren Haft. Durch den Täter-Opfer-Ausgleich konnte dieser deutlich nach unten verschoben werden.

Lebenswerk zerstört

Am Ende verurteilte die Zweite Strafkammer unter Vorsitz von Richterin Sabine Schuhmaier den 48-Jährigen zu zwei Jahren und vier Monaten Haft und seine Mutter zu zwei Jahren auf Bewährung. Damit schloss das Gericht sich den Anträgen der beiden Verteidiger an. Rechtsanwalt Swoboda hatte auf die besondere Haftempfindlichkeit seiner Mandantin verwiesen, die vor einigen Wochen eine schwere Verletzung erlitten hatte und laut ihrem Verteidiger seitdem unter „immensen Schmerzen“ leide und „massiv auf Hilfe angewiesen“ sei. Da stelle sich die Frage, ob sie überhaupt haftfähig sei. Mit der Brandstiftung habe sie laut Swoboda am Ende vor allem sich selbst geschadet und ihr „eigenes Lebenswerk zerstört“.

Rechtsanwältin Mack betonte, dass ihr Mandant durch sein Geständnis der Pächterin, die im Prozess als Nebenklägerin auftrat, sowohl eine anschließende zivilrechtliche Auseinandersetzung als auch eine erneute Aussage am Landgericht erspart habe. Das Pächterehepaar wäre an diesem Tag eigentlich ein weiteres Mal zur Vernehmung geladen gewesen, hatte in der Zwischenzeit seinen Wohnsitz laut Richterin Schuhmaier allerdings nach Tschechien verlegt. Notfalls hätte man sie zwar per Videoschaltung befragen können, die Vorbereitung hätte jedoch einiges an Zeit in Anspruch genommen. Mit den Geständnissen der Angeklagten war das nun nicht mehr nötig.

Wie die Vorsitzende Richterin Schuhmaier erklärte, habe die Kammer keinen Zweifel daran gehabt, dass sich die Tat so abgespielt hat, wie in der Anklage beschrieben. Ohne Geständnis und finanziellen Ausgleich hätte der 48-jährige Angeklagte deshalb mit rund sieben Jahren Haft und seine Mutter mit über fünf Jahren rechnen müssen. Die beiden könnten sich laut Schuhmaier bei ihrer Verteidigung bedanken, „dass sie heute noch die Reißleine gezogen hat“.

am

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